![]() Eigentlich war mein Plan gewesen, sechs Monate in Mexiko zu bleiben und dann nach Deutschland zurückzukehren. Genug Zeit, um ein Semester zu studieren und etwas zu reisen. Letztendlich wurden aus den sechs fast acht Monate, und gerne wäre ich noch länger geblieben, aber die Verpflichtungen in der Heimat riefen mich zurück. Mein Auslandssemester organisierte ich aus eigenem Antrieb heraus. Mein Deutsch- und Kunststudium an der TU Dortmund sah eigentlich keinen Auslandsaufenthalt vor. Fernweh und Abenteuerlust hatten mich jedoch gepackt, und ich hegte den Wunsch, Spanisch zu lernen. Ich suchte das Auslandsamt meiner Universität auf, um mich nach den Möglichkeiten für Süd- und Mittelamerika zu erkundigen, und erfuhr so von der neuen Partnerschaft zwischen meiner Universität und dem Tecnológico de Monterrey (TEC) im Nordosten Mexikos. Als erste Austauschstudentin von deutscher Seite aus würde ich nach Monterrey gehen. Der Papierstress hielt sich in Grenzen. Obwohl ich in Deutschland kein BAföG bekam, bewarb ich mich erfolgreich für Auslands- BAföG, das später nicht zurückgezahlt werden muss. Trotz abschreckender Formalitäten lohnt sich die Beantragung wirklich, zumal auch eine beträchtliche Flugpauschale gezahlt wird. Das Auslandsamt leitete eine E-Mail von mir an drei mexikanische Studenten aus Monterrey weiter, die zuvor in Dortmund gewesen waren. Zwei von ihnen antworteten und einer suchte sogar eine neue Mitbewohnerin. Schon hatte ich eine WG gefunden! Nach einem etwas schmerzvollen Abschied lernte ich beim Umsteigen in Madrid einen jungen Tätowierer aus Mexiko City kennen. Zufällig saß er auch im Flugzeug neben mir, sodass meine Sprachkenntnisse gleich auf die Probe gestellt wurden. Der zwölf Stunden lange Flug wurde so nicht langweilig. Zunächst verbrachte ich zwei sehr interessante Tage in Mexiko City. Der befürchtete Kulturschock blieb aus. Ich hatte mir die riesige Stadt sehr Furcht einflößend vorgestellt und natürlich erschien mir einiges befremdlich wie zum Beispiel die vielen Soldaten am zentralen Platz, dem Zócalo, oder das große Gewusel in den Straßen und in der Metro. Zum Glück lernte ich im Hostel einen Israeli und einen Australier kennen, mit denen ich die Metropole erkunden konnte. Bald war ich von der Lebendigkeit der Stadt fasziniert. Am dritten Tag nach meiner Ankunft fuhr ich mit einem Reisebus zwölf Stunden nordwärts Richtung Monterrey. Dort angekommen, gewöhnte ich mich schnell an mein neues Zuhause auf Zeit und an meine beiden mexikanischen Mitbewohner Juan und Sara. Die Wohnung lag nahe der Universität und der kurze Fußweg durch die Siedlung erschien mir jedes Mal aufs Neue interessant. Allerdings kletterte das Thermometer im August manchmal bis auf 42°C, sodass man schon verschwitzt an der Uni ankam. An meinem ersten Unitag machte ich mich recht planlos auf den Weg. Meine Planlosigkeit wurde glücklicherweise von dem ausgiebigen Programm während der Vorbereitungswoche für Austauschstudenten aufgefangen. Es gab allgemeine Infoveranstaltungen zur Hausordnung, zum Sport- und Kulturprogramm, zum Leben in der Stadt und in Mexiko sowie zum Thema Sicherheit. Zudem wurden wir über bürokratische Prozesse aufgeklärt. Es fanden Spracheinstufungstests statt, um herauszufinden, ob unsere Spanischkenntnisse ausreichten, und beim Zusammenstellen des Stundenplans gab es Hilfe für diejenigen, die wie ich diese Aufgabe noch nicht erledigt hatten. Obwohl man sich sehr ausgiebig um uns kümmerte, fühlte ich mich zunächst nicht hundertprozentig wohl. Ich hatte zwar einige Kontakte zu meinen internationalen Kommilitonen geknüpft und kam schnell mit den sehr hilfsbereiten mexikanischen Studenten ins Gespräch, aber so ganz behaglich fühlte ich mich an der Privatuniversität nicht, an der die Mehrheit der Mädchen mit Stöckelschuhen zum Unterricht stöckelt und die weltweit bekannt für ihre BWL-Studiengänge ist. Außerdem war Monterrey alles andere als das, was ich mir unter Mexiko vorgestellt hatte: eine riesige Industriestadt mit vierspurigen Straßen und einer amerikanischen Restaurantkette neben der nächsten. Das Bildungssystem an den mexikanischen Universitäten ist sehr verschult. Es gibt viele Hausaufgaben, Präsentationen, regelmäßige Klausuren und mündliche Prüfungen. Schnell stellte ich fest, dass die einzelnen Kurse inhaltlich zwar nicht allzu anspruchsvoll, dafür aber mit einem sehr großen Arbeitsaufwand verbunden waren. Mit dieser Erkenntnis reduzierte ich meinen Stundenplan nach der voll gepackten Schnupperwoche auf drei Kurse, von denen der Spanischkurs den doppelten Zeitaufwand mit sich brachte. Die anderen beiden Kurse wählte ich so, dass ich mir diese später in Deutschland anrechnen lassen konnte. Die vielen Hausaufgaben führten dazu, dass ich viele Nachmittage vor dem Schreibtisch verbrachte. Die Organisation der Seminare lief oft über eine Internetplattform, was die regelmäßige Arbeit mit dem Computer unvermeidbar machte. Wer nicht über einen PC verfügte, konnte einen der vielen Computerräume nutzen. Noch heute lobe ich mir den Tag, an dem ich auf dem Unigelände von ein paar Mexikanern zu einer Party eingeladen wurde. Mir war gleich klar, dass diese Jungs nicht die typischen TEC-Studenten waren, und in kurzer Zeit entwickelten wir eine ganz wunderbare Freundschaft. Fast täglich unternahmen wir etwas zusammen und trafen uns zumindest kurz, wenn aufgrund von viel Arbeit für die Kurse keine Zeit für große Aktionen blieb. Die Jungs zeigten mir die schönen Ecken von Monterrey und bewiesen mir, dass man auch als Vegetarierin lecker mexikanisch essen kann. Wir unternahmen kleine Ausflüge, übernachteten in der Wüste, gingen feiern, und durch sie bekam ich sogar die spannende Gelegenheit, mexikanische Familienfeiern mitzuerleben. Ich war eingeladen zum Geburtstag der Oma, bekam zu meinem Geburtstag eine Torte ins Gesicht und feierte Weihnachten mit einer riesigen Familie ganz traditionell mexikanisch mit den abendlichen Hausfesten Posadas samt Piñatas, mit Rosenkranzgebeten und der Begrüßung des Jesuskindes. Ich könnte ein ganzes Buch über die wunderbare und sehr verrückte Zeit mit den Jungs schreiben. So kam es dazu, dass ich tatsächlich die meiste Zeit mit Mexikanern verbrachte und mein Spanisch deutlich verbesserte. Die typischen Austauschstudentenpartys fand ich eher uninteressant und bevorzugte es, etwas mit meinen neuen Freunden zu unternehmen. Allerdings lernte ich auch ein paar sehr liebe Freunde aus Finnland, Australien und Frankreich kennen, mit denen ich gerne Kinovorstellungen besuchte oder abends in die Altstadt fuhr. An den Wochenenden bot die Hochschule ein sehr interessantes Kulturangebot an, das Theaterbesuche, Konzerte und Tanzaufführungen beinhaltete, die für uns Austauschstudenten gratis waren. Da das Sportangebot der Universität sehr groß war, fiel mir eine Entscheidung schwer. Doch schließlich besuchte ich fast täglich die Yoga-Klasse. Ganz plötzlich war es schon Ende November und die finalen Klausuren standen an. Überall auf dem Unigelände wurde fleißig gelernt. Die Aufbruchstimmung unter den internationalen Studierenden war deutlich zu spüren und an jeder Ecke wurden Reisepläne für die Zeit nach dem Semester ausgetauscht. Im Dezember reiste ich mit einem meiner mexikanischen Freunde per Anhalter quer durch Mexiko. Wir besuchten koloniale Bauwerke, Mayapyramiden, Strände und Freunde. Es folgten unvergessliche Weihnachten und Silvester im Kreise der Familien meiner Freunde. Im neuen Jahr zogen wir zu dritt los und erkundeten den wunderschönen und sehr traditionellen Bundesstaat Chiapas im Südosten des Landes. Wir schliefen in Hängematten und unter freiem Himmel am Strand, wurden nachts vom Schreien der Affen geweckt, sahen Krokodile, Schildkröten und Kaffeepflanzen und erlebten viele Abenteuer. Leider mussten meine beiden Freunde bald nach Monterrey zurückkehren, da dort das neue Semester begann. Ich entschloss mich spontan, Freiwilligenarbeit bei einer Schildkrötenrettungsaktion zu leisten. Für eine Woche lebte ich auf einer kleinen Insel an der Pazifikküste und half den frisch geschlüpften Schildkröten auf ihrem Weg ins weite Meer. Eine Freundin aus Deutschland entschloss sich, mich zu besuchen. Wir verbrachten zwei unvergessliche Wochen zusammen und reisten durch Chiapas und die Karibik. Immer wieder lernten wir geheimnisvolle Orte und liebe Menschen kennen. Bevor ich nach Monterrey zurückflog, um mich zu verabschieden, verbrachte ich noch einige Tage allein auf der Halbinsel Yucatán. Nach meiner Ankunft blieben mir fünf Tage bis zur geplanten Heimkehr nach Deutschland. Last Minute entschloss ich mich dazu, meinen Aufenthalt um fast einen Monat zu verlängern. Eine Entscheidung, die zwar nicht unbedingt vernünftig, die aber letztlich richtig war. In den letzten Wochen wohnte ich in der WG meiner mexikanischen Freunde und arbeitete als Volontärin in einem Kunstzentrum. Nach knapp acht Monaten hieß es schweren Herzens Abschied nehmen. Aber ich kehre bestimmt eines Tages zurück, denn Mexiko hat mich verzaubert. Man könnte sogar sagen, dass ich mich in das Land verliebt habe. Lena Maria Loose, 24, hat an der TU Dortmund ihren Bachelorabschluss gemacht und im Herbst 2009 mit ihrem Masterstudium Europäische Medienwissenschaften in Potsdam begonnen. itchy feet Nr.7, Ausgabe 2010 |
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