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Die Ryukoku-Universität in Kyoto
Die rote Ziegelsteinfassade der Ryukoku-Universität erinnert mehr an eine Fabrik als an eine buddhistische Hochschule, die noch dazu einem der größten Tempel der Stadt angehört. Im Rahmen der Partnerschaft mit meiner Universität in Deutschland erhielt ich die Möglichkeit, ein halbes Jahr an der landesweit bekannten Hochschule zu studieren, welche sich unerwartet modern zeigt. An die buddhistische Tradition der Ryukoku, auf Deutsch „Drachental“, wird man meist nur auf recht subtile Art und Weise erinnert. So spielt beispielsweise der Gong, der an die Rahmenzeit der Kurse erinnert, eine traditionelle buddhistische Melodie. Im Notizbuch, das jeder Studierende am Anfang des Semesters erhält, sind neben Terminplaner und allgemeinen Informationen über den Campus auch Texte aus alten Lehrreden Buddhas, sogenannten Sutren, abgedruckt. Zudem wird die feierliche Zeremonie des Universitätseintritts sehr traditionell begangen. Vor einem prunkvollen Altar in der Turnhalle des Campus werden mit tiefen Stimmen choralartig alte Sutren gesungen, und jeder neue Student bekommt ein Zertifikat und eine Gebetskette. Die recht steife Prozedur führt bei vielen der zukünftigen Erstsemester dazu, reihenweise die Augen zu schließen und einzuschlafen, ganz in Analogie zu dem Bild, was sich durch die morgendlichen Bahnfahrten schon eingeprägt hat. Und als ob die Veranstalter der Feier selbst wüssten, dass sich die Mehrheit der recht jungen Studienanfänger nicht wirklich für langatmige Zeremonien begeistern lässt, stürmen im nächsten Augenblick weibliche Cheerleader in Miniröcken den Saal und sorgen mit flotten Bewegungen zu rhythmischer Musik wieder für Aufmerksamkeit. Das Land Japan zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass das Traditionelle scheinbar perfekt mit dem Modernen harmoniert. Wer schon einmal inmitten der grauen Häuserfassade einer Großstadt wie Tokio einen alten Schrein oder Tempel entdeckt hat, weiß dies zu bestätigen. Auch die Ryukoku-Universität, die nach außen eindeutig mit ihren traditionellen Wurzeln wirbt, verblüfft in dieser Hinsicht. Mitten auf dem Hauptcampus, kaum abseits der von Säulen gestützten Zeremonienhalle, thront ein riesiger LCD-Bildschirm, der tagsüber Clips der Studierenden und des Uni-Lebens ausstrahlt. Leiht man sich ein Buch in der Bibliothek aus, so erblickt man auf der Rückseite des Ausleihscheins berühmte Filmzitate aus Blockbustern wie „Terminator“ oder „Titanic“. Die Multimediaräume sind technisch bestens ausgerüstet, und Platz für die in Japan üblichen Aktivitäten der Studenten in den circa 100 Uni-Zirkeln oder Clubs ist reichlich vorhanden. Die Vielfalt an Angeboten ist groß und reicht von den schon angesprochenen Cheerleadern, die abends im Schutze des Haupteingangstors ihre Formation proben, über die Breakdance- Gruppe mit ihrem Stammplatz am anderen Ende des Campus und den Gitarrenclub, dessen Mitglieder kaum ausländisches Liedgut kennen, bis hin zu den in ihrer Freizeit ausschließlich trainierenden Basketball-Club-Mitgliedern. Als Austauschstudent bin ich der Wirtschaftsfakultät zugehörig, besuche aber zusätzlich die obligatorischen Sprachkurse. Während des Semesters legt man besonderen Wert darauf, interessierten ausländischen Studenten die Lehren Buddhas näher zu bringen. Neben wöchentlichen fakultativen Buddhismusseminaren inklusive kurzer buddhistischer Meditationsübungen erhielten wir in der Mitte des Semesters die Möglichkeit, am sogenannten „Heiwa-Program“ teilzunehmen. Die zu Deutsch als „Friedensprogramm“ betitelte Veranstaltung sollte den Austausch zwischen den Kulturen fördern und uns eine komplett gesponserte Reise nach Hiroshima ermöglichen. Besonders beeindruckend an diesem Wochenende war die Tatsache, dass insgesamt zehn Studenten verschiedener Nationen zusammen mit den Mönchen eines befreundeten Tempels der Universität an einer Zeremonie zur Ehrung der Opfer des Atombombenabwurfs auf Hiroshima im Jahre 1945 aktiv teilnehmen durften. Dazu lehrte man uns, wie wir uns im Tempel bewegen sollten, wie man in Vasen Blumen hält, auf welcher Seite man laufen muss und wie man die Gaben richtig darbietet. Es sollte perfekt sein. Das Resultat war ein sehr bewegender Moment für uns sowie für die Besucher des Tempels, die der Zeremonie beiwohnten. Abends wurden wir Gastfamilien zugeteilt, die enge Beziehungen zu dem Tempel in Hiroshima pflegen. Dadurch kam es unter anderem zu Grillabenden mit den Mönchen inklusive Fleisch, Fisch und viel Sake, dem japanischen Reiswein. Der Kontakt bleibt bestehen und somit auch die Anlaufstelle in der „Stadt des Friedens“. Für mich ist dieses halbe Jahr eine Zeit voller neuer Eindrücke und Erfahrungen. Mit Ende des Semesters gehen die meisten befreundeten Kommilitonen leider wieder zurück in ihr Heimatland. Die Seminare über die Meditationstechnik „Zazen“ haben in mir ein vollkommen neues Interesse geweckt. Im Anschluss an meinen Studienaufenthalt werde ich mehrere Wochen in einem Zen-Tempel in den Bergen nahe dem japanischen Meer verbringen. Dort leben die Mönche völlig auf der Basis von Subsistenzwirtschaft, also Selbstversorgung. Reisfelder werden mit der Hand bestellt, Bäume für Brennholz und kleinere Bauprojekte gefällt, und selbst die Seife wird aus natürlichen Zutaten hergestellt. Den Kern des täglichen Lebens stellt die Sitzmeditation dar. Am frühen Morgen und am Abend wird jeweils zwei Stunden lang meditiert. An bestimmten Tagen wird die Meditationspraxis mit teilweise bis zu 15 Stunden bis zum Exzess getrieben. Eine der schmerzhaftesten, aber auch besten Erfahrungen, die man meiner Meinung nach in Japan machen kann und ein gelungener Abschluss des Semesters an der „Universität im Drachental“. Benjamin Hentschel, 26, hat sein Studium der Ostasien- und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Duisburg-Essen abgeschlossen. Er macht seinen Master an der Sophia University in Tokio und plant, anschließend in Asien zu arbeiten. itchy feet Nr.7, Ausgabe 2010 |
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