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Ahoi! Oder auch: Ohøj Kopenhagen!
Erasmussemester am Wasser



„Du schneidest den Kopf ab, dann suchst du das Loch hinten und schlitzt ihn von hinten nach vorne auf.“ Joachim erklärt mir, was ich zu tun habe. Ich stehe im Seewind auf einem Kutter mitten im Öresund zwischen Dänemark und Schweden und blicke zweifelnd auf den glitschigen, silbrig glänzenden Fisch. Ich frage mich, wie das Zeug wohl aussieht, das da gleich rauskommt. Bei meinem ersten Angelversuch überhaupt habe ich exakt so viele Heringe gefangen, wie zeitgleich mein Lieblingsverein Werder Bremen in Stuttgart Tore geschossen hat, nämlich drei. Leider bringt mir das im Wettkampf mit den anderen überhaupt nichts, weil die einfach erfolgreicher sind. Irgendwie überwinde ich mich dann doch und stelle fest, dass so viele Innereien in einen Hering gar nicht reinpassen. Auf meine Belohnung verzichte ich trotzdem: Auf dem Rückweg zum Kopenhagener Hafen dürfen andere die Fischgedärme den Möwen zum Fraß vorwerfen.

Ein halbes Jahr habe ich in der dänischen Hauptstadt als Erasmusstudentin Politikwissenschaft – oder wie die Dänen sagen: Statskundskab – studiert. In dieser Zeit habe ich einiges erlebt: im Öresund geangelt, auf der Fähre nach Oslo gefeiert und Rotwein in der lettischen Botschaft getrunken. Ach ja, nebenbei studiert natürlich auch. Die Dänen sind gastfreundlich und vor allem unkonventionell. Alle duzen sich: Studenten und ihre Dozenten, Patienten und ihre Ärzte. Nur musiktechnisch gesehen sind sie gewöhnungsbedürftig. Als auf einer der ersten Partys plötzlich „Barbie Girl“ von Aqua erklingt, bin ich schlagartig wieder 13, trage eine Zahnspange und befinde mich auf Klassenfahrt – gefühlt zumindest. Aber man darf es den Dänen nicht verübeln. Schließlich gibt es nicht viele dänische Popgruppen, die irgendwann mal einen Hit im Ausland gelandet haben. Generell gibt es über eines kein Vertun: Die coolen Rockbands, die kommen alle aus Schweden. Die einzige dänische Band, die offenbar auch in Deutschland ganz groß ist, ist Alphabeat.

Wer sein Auslandssemester in Kopenhagen verbringen möchte, sollte auf jeden Fall einen Monat vor Beginn des Semesters nach Dänemark reisen. Die Københavns Universitet bietet vor Studienbeginn einen vierwöchigen Crashkurs Dänisch an. Dazu gibt es ein umfangreiches Kulturprogramm mit Museumsbesuchen, Filmnachmittagen und Stadtrundfahrten sowie die Möglichkeit, schon einmal erste Kontakte in der neuen Stadt zu knüpfen. Dabei wird ein gängiges Vorurteil widerlegt: Natürlich entscheiden sich viele Deutsche für den Studienaufenthalt im Nachbarland, aber es tummeln sich auch jede Menge Amerikaner, Chinesen, Brasilianer, Tschechen, Franzosen usw. unter den mehreren Hundert internationalen Studenten. Kein Wunder, denn die Universität bietet für Ausländer einige Seminare auf Englisch an, und das spricht schließlich jeder. Nach dem Intensivkurs beherrscht man Überlebensdänisch, und wer möchte, kann während des Semesters weitere Sprachkurse belegen.

Selbstverständlich fällt der Startschuss für die Erasmus-Feiern bald nach der Ankunft. Spätestens beim ersten Bier wird deutlich, dass das Semester seinen Preis haben wird. Bis zu umgerechnet 5 € kann ein Bier hier kosten. Im Supermarkt ist ebenfalls alles ein bisschen teurer als in Deutschland. Ein wahrer Schock aber ereilt mich in der Buchhandlung. 50 € muss ich für ein politikwissenschaftliches Grundlagenbuch hinblättern. Dabei ist es nicht besonders dick und hat keinen Hardcovereinband. Aber eigentlich wusste ich ja schon beim Unterschreiben des Mietvertrages, worauf ich mich mit Kopenhagen einlasse. 400 € bezahle ich für ein 12m2 großes Zimmer mit Gemeinschaftsküche und -bad. Im fünften Stock ohne Aufzug, versteht sich. Für die Bierpreise gibt es bald Abhilfe. Jeden Mittwochabend treffen sich die Erasmusstudenten im Studenterhuset. Das ist eine Bar, die zur Hochschule gehört und Getränke zu speziellen Preisen für Studierende anbietet. Außerdem kann man hier ehrenamtlich aktiv werden: Wer als Bartender arbeitet, bekommt im Gegenzug Biermarken. Am Ende des Semesters gibt es als kleines Dankeschön ein Studenterhuset-T-Shirt.

Trotz der hohen Lebenshaltungskosten würde ich meine Erasmusstadt für kein Geld der Welt tauschen. Kopenhagen ist mit seinen circa 510.000 Einwohnern skandinavische Metropole. Und ein Nachmittag im Hippie-Viertel Christiania, nach der Uni ein paar Stunden Erholung am Strand und ein Grillgelage an einem Sommerabend im Park sind sowieso unbezahlbar. Auch das politische Modell der Nachbarn im Norden ist interessant. Die Auswirkungen des Wohlfahrtsstaates bemerkt man als ausländischer Student am eigenen Leib: Während in anderen Staaten bei Arztbesuchen mit der heimischen Krankenkasse abgerechnet wird, zahlt das dänische Gesundheitssystem die Versorgung für die Erasmusstudenten. Die Ausstattung mit Kindertagesplätzen ist offensichtlich besser. Dies ist wahrscheinlich einer der Gründe, weshalb der Anblick schwangerer Studentinnen keine Seltenheit ist. Sowieso wird den Studierenden vom Staat das Leben leicht gemacht. Studiengebühren werden nicht erhoben, und jeder dänische Student erhält eine finanzielle Unterstützung von umgerechnet etwa 650 € pro Monat – ohne auch nur irgendetwas nach dem Studium zurückzahlen zu müssen! Doch all die Annehmlichkeiten haben einen hohen Preis: Die rechtspopulistische Dansk Folkeparti – quasi das dänische Pendant der NPD – erfreut sich eines relativ hohen Zuspruchs in der Bevölkerung und ist mit vergleichsweise vielen Sitzen im Folketinget, dem dänischen Parlament, vertreten. Ein Teil der Dänen möchte den eigenen Wohlfahrtsstaat schützen und unterstützt deshalb die restriktive Einwanderungs- und Ausländerpolitik der Partei.

Eigentlich muss man Kopenhagen gar nicht verlassen, um etwas zu erleben. Zig kleine Kneipen und Cafés, unzählige Parks und Museen laden zum Verweilen ein. Der weltbekannte Vergnügungspark Tivoli, der mitten in der Stadt liegt, ist ebenfalls einen Besuch wert. Außerdem ist man sowieso fast immer am Wasser: København, was wörtlich übersetzt „Handelshafen“ heißt, ist ausgestattet mit Seen, Kanälen und dem Meer gleich nebenan. Es wird also nicht langweilig, vor allem, da irgendwer immer eine Unternehmung über Facebook, die interaktive Bibel der Erasmusgemeinde, organisiert. Wer trotzdem mal rauskommen möchte, der kann einfach mit dem Bus über die Öresundbrücke nach Malmö fahren, mit der Fähre einen Wochenendausflug nach Oslo machen oder den Zug nach Roskilde nehmen, das Festivalkennern ein Begriff ist. Speziell am Institut für Politikwissenschaften halten die Mentoren ihre Schützlinge ganz schön auf Trab. Im Laufe des Semesters gibt es immer wieder Angebote für die ausländischen Studierenden. Dabei kommt es zu Premieren wie dem Besuch eines Balletts im Königlichen Theater und eben einem Angelausflug im Öresund.

Die Universität selbst bietet so einiges: Zum Beispiel kleine Seminargruppen, in denen Dänen und Ausländer gemeinsam lernen, und Computer- und Leseräume, die mit dem Studentenausweis und einem Passwort durchgehend an sieben Tagen in der Woche zugänglich sind. Zudem bieten die Dozenten in ihren Kursen „field trips“ an. So besuche ich mit meinem Seminar „The Baltic Sea Region after EU’s Eastern Enlargement“, den lettischen Botschafter. In der Landesvertretung werden wir gut mit Häppchen und Rotwein versorgt, was zur Folge hat, dass ich zwei Stunden später die Hostels für meine Estland, Lettland, Litauen- Tour in den Osterferien falsch buche. Apropos Baltikum: Wer sich für Regionalpolitik und insbesondere für den Ostseeraum interessiert, ist in Kopenhagen gut aufgehoben. Wegen der geografischen Lage ist dem politikwissenschaftlichen Institut das „Centre for Baltic Sea Region Studies“ angeschlossen.

Übrigens: Vor Kurzem erzählte mir eine Bekannte aus Kiel, dass Heringe eigentlich nur frisch richtig gut schmecken. Zu dumm, meine Prachtexemplare liegen seit Monaten im Gefrierschrank.


Christina Höwelhans, 24, stammt aus der Nähe von Osnabrück und studiert Politikwissenschaft auf Magister in Bonn. Nach ihrem Magisterabschluss möchte sie ein Volontariat machen und später als Radiojournalistin arbeiten.



itchy feet Nr.7, Ausgabe 2010

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