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Rundum erfolgreicher Sprachschulbesuch
Von einer Mischung aus Unsicherheit und unbegrenztem Tatendrang gezeichnet, fand ich mich nach einer langen Anreise am riesigen Flughafen der kanadischen Großstadt wieder. Durch die übergroßen Fenster des Gebäudes erkannte ich graue Wolken, durch die schwacher Sonnenschein fiel. Dies bestätigte nicht unbedingt, was ich mir vorher ausgemalt hatte. Es hieß doch, in Vancouver herrsche das beste Wetter Kanadas! Schließlich saß ich mit zwei weiteren Sprachschülern im Auto und wurde vom Fahrer meiner Sprachorganisation zu meiner Gastfamilie gebracht. Nach langer Bedenkzeit, in der ich mir den Satz so gut wie möglich zurechtlegte, nahm ich den Mut zusammen und fragte nach der Beständigkeit des Wetters. Der unaufhörlich erzählende Mann drehte sich grinsend zu mir um und erklärte, dass man Vancouver durchaus das beste Wetter Kanadas zusprach, gleichzeitig jedoch dem etwa 200km entfernten Seattle das schlechteste Wetter der USA. Nun ja, vom Wetter würde ich mir den Aufenthalt sicherlich nicht vermiesen lassen, und wie es der Zufall wollte, genoss ich einen Monat lang Temperaturen über 20°C und Sonnenschein. Sehr ungewöhnlich für Kanada. In meiner Gastfamilie angekommen, begrüßte mich mein Gastvater freundlich und trug meinen Koffer in den Keller des Hauses. Zunächst war ich leicht schockiert darüber, dass ich nun einen Monat lang im „Basement“ leben sollte. Als ich jedoch sah, dass das Untergeschoss gemütlich ausgebaut war und ich meine Behausung mit einer Mexikanerin sowie einer Sprachschülerin aus Costa Rica teilen würde, entspannte ich mich schnell wieder. Doch schon bald erlitt ich den nächsten Schock: Es ereignete sich ein Zusammenstoß mit kanadischem Kulturgut. Während ich mich neugierig in dem großen Haus umsah, stolperte ich in das dunkle Arbeitszimmer meines Gastvaters und sah mich plötzlich einem riesigen Kopf mit Geweih gegenüber, der mich finster anstarrte. Zu Tode erschrocken, wendete ich mich ab und starrte in die Augen eines zähnefletschenden Bären. Als ich endlich den Lichtschalter fand und es hell im Zimmer wurde, erkannte ich, dass nicht nur Hirsch und Bär, sondern auch noch diverse andere Tiere von den Wänden des kleinen Zimmers auf mich herabsahen. Grinsend über mich selbst begutachtete ich die Tiere und setzte meine Entdeckungstour fort. Am nächsten Tag begann mein Sprachkurs in Kanada. Trotz der unglaublichen Größe Vancouvers kommt man mit Bus, Sea Bus oder Sky Train mühelos an sein Ziel. Vor der Sprachschule stieg ich aus dem Bus und drängte mich durch die vor dem Eingang versammelte Meute spanisch sprechender Jugendlicher. In der Schule tummelten sich überall internationale Grüppchen, die sich in gebrochenem Englisch, aber bestens gelaunt unterhielten. Unsicher durchquerte ich den Raum und erläuterte der jungen Frau am Empfang so gut ich konnte mein Anliegen. Diese verstand mich problemlos, drückte mir ein Formular in die Hand und bat mich freundlich, noch einen Moment zu warten. Als ich mich umsah, erkannte ich eine Handvoll Leute, die genauso verloren schienen wie ich, und gesellte mich zu ihnen. Schon hier machte ich die ersten Bekanntschaften und von Minute zu Minute fühlte ich mich wohler. Die Schule befand sich auf der ersten Etage eines Gebäudes in der Pender Street, zentral im Herzen der Stadt. In den Vorräumen gab es Sofas für die Pausen, ein Kicker stand mitten im Raum und ein Computerraum war frei zugänglich. Durch Glasscheiben konnte man das Geschehen im Innern der Klassenzimmer verfolgen, die mehrheitlich mit einem großen Gruppentisch ausgestattet waren. Nach meinem Einstufungstest wurde ich drei Kursen zugeteilt, die meinem Sprachniveau entsprachen und in denen ich die nächsten vier Wochen verbringen würde. Die Fächer Reading and Writing sowie Listening and Speaking standen vormittags täglich auf dem Stundenplan. Am Nachmittag folgte dann ein Kurs, den die Schüler selbst wählen konnten, um an ihren individuellen Mängeln zu arbeiten. Mit einigen Leuten beschloss ich schon am folgenden Tag, die erste Touristenattraktion Vancouvers unsicher zu machen, den Grouse Mountain. Doch wie sich herausstellte, ist dies nichts für bequeme Touristen. 1.200m ragte der Berg vor uns in die Höhe, als wir nach einer langen Fahrt in North Vancouver ankamen. Zwar besteht die Möglichkeit, sich für 20 Dollar mit der Seilbahn hochfahren zu lassen, aber schließlich wollten wir etwas erleben und entschieden uns für den beschwerlichen Fußweg. Mit drei Mexikanern, einer Japanerin und einer weiteren Deutschen machte ich mich auf den Weg, um eine Stunde später völlig außer Atem am Gipfel anzukommen. Es hat sich jedoch gelohnt. Neben schneebedeckten Plateaus, gigantischen Holzstatuen und zwei echten Bären bot sich uns eine unbeschreiblich schöne Aussicht über die ganze Stadt, die wir bis tief in die Abendstunden genossen. Wir mussten uns letztlich auf den Rückweg machen, weil ein Brasilianer, der sich uns auf dem Weg angeschlossen hatte, unglaublich fror. Er hatte es nicht lassen können, sich von oben bis unten voll mit Schnee zu machen, den er ja aus seiner Heimat nicht kannte. Dieser erste Tag auf dem Grouse Mountain schweißte unsere Sechser-Clique so sehr zusammen, dass wir von da an jeden Abend miteinander verbrachten. Von 9 Uhr morgens bis 17 Uhr am Nachmittag vergnügten wir uns in der Sprachschule, um danach gemeinsam essen zu gehen und um die Häuser zu ziehen. Und die Sprachschule war wirklich ein Vergnügen. Durchweg junge, interessierte und tolerante Lehrer versuchten uns auf kreativste Art und Weise die englische Sprache schmackhaft zu machen. Um uns das Lernen zur Freude werden zu lassen, präsentierten sie uns kleine TV-Ausschnitte und kanadische News, brachten Zeitungsartikel mit oder ließen uns Serien und Songtexte durchs Hören erschließen. Meist waren wir wirklich mit Spaß und motiviert bei der Sache. Da wir alle unterschiedliche Kurse belegten, kamen wir schließlich gut gelaunt in den Pausen wieder zusammen, schlenderten über die Straße zur Kaffeehauskette Tim Hortons, tranken literweise Iced Cappuccino, aßen Muffins und spielten noch ein wenig „Foosball“, also Kicker, bevor die nächste Stunde begann. Im Grunde habe ich während meiner Aufenthaltszeit eindeutig mehr über die mexikanische Mentalität gelernt als über die kanadische. Es dauert nicht lange, bis man als Deutscher merkt, dass Pünktlichkeit nicht in allen Kulturen großgeschrieben wird. Als einer der Jungs wieder einmal 30 Minuten nach der ausgemachten Zeit noch nicht eingetroffen war, teilte uns seine mexikanische Mitbewohnerin am Telefon fröhlich mit, dass Mario sich gerade unter der Dusche befinde. Sehr bezeichnend für den mittelamerikanischen Charakter. Doch neben dieser kleinen Unannehmlichkeit, für die man einfach Toleranz zeigen muss, stellt man fest, dass die meisten Mexikaner äußerst lebensfroh und aufgeschlossen sind. Es ist sehr schwierig, sich in Vancouver ein Bild vom „typischen Kanadier“ zu machen. Die Stadt ist ein Schmelztiegel, der alle möglichen Nationalitäten vereint. Schon seit Jahren ist Kanada eines der beliebtesten Auswanderungsziele für Brasilianer, Mexikaner etc., aber insbesondere für Koreaner und Chinesen, die wegen der Unterdrückung im eigenen Land und den besseren Jobmöglichkeiten in die kanadische Metropole ziehen. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir mein Abschlussabend. Wie es der Zufall wollte, begann an meinem letzten Tag der jährlich stattfindende Feuerwerk-Wettbewerb Celebration of Light. Drei oder vier Länder, darunter natürlich Kanada, konkurrieren über der English Bay um das schönste und pompöseste Lichtspiel, um am letzten Abend gemeinsam ein gigantisches Feuerwerk zu veranstalten. Die meisten Einwohner begutachten das Spektakel vom Strand aus. Glücklicherweise lebten zu der Zeit zwei Mexikaner aus meinem Bekanntenkreis in einem Hochhaus-Apartment mit Blick auf die Bucht, und so konnten wir uns das kanadische Eröffnungsfeuerwerk von dort aus anschauen. Nach einer langen und lustigen Nacht machte ich mich mit zwei Freundinnen auf den Heimweg, um mich an meinem letzten Abend in dieser riesigen Stadt doch noch einmal zu verlaufen. Ich rate jedem Besucher Vancouvers, sich von der Hastings Street fernzuhalten. Unvorstellbar viele Obdachlose saßen und schliefen dort oder liefen an uns vorbei, während wir nur mit großem Entsetzen und völlig überwältigt die Not und das Elend um uns herum beobachten konnten. Bevor uns jedoch richtig klar geworden war, wo wir uns befanden, hupte und stoppte neben uns ein Linienbus und der Fahrer winkte uns hinein. Dankbar fuhren wir den Rest des Weges. Im Nachhinein wurde uns bewusst, dass das auch schlimmer hätte ausgehen können. Am nächsten Morgen, noch geprägt von der vorigen Nacht, war in der Sprachschule Graduation Day. Traditionell mussten alle, die in den nächsten Tagen abreisen würden, eine kleine Abschlussrede halten, bekamen ihr Certificate, schüttelten den Lehrern die Hände und wurden von Freunden mit Blumen und Geschenken überhäuft. Ein sehr angenehmer Brauch, um sich noch einmal in Erinnerung zu rufen, wie viele unterschiedliche Menschen man getroffen und wie viele unvergessliche Erfahrungen man gemacht hat. Gesprochen habe ich in diesen vier Wochen ausschließlich Englisch und ich verdanke dem Sprachkurs sowie den weltweiten Bekanntschaften eine Sprachsicherheit, die ich ohne diese Erfahrung nie an den Tag legen würde. Ich war nur einen Monat in der multikulturellen Metropole, aber die Toleranz und Offenheit, die dort nur zu üblich sind, haben mich nachhaltig beeindruckt. Die Zeit, die ich in Vancouver verbracht habe, wird mir noch lange in lebendiger Erinnerung bleiben. Julia Schmälter, 20, studiert European Studies an der niederländischen Universiteit Maastricht. Sie plant, ein Semester im europäischen Ausland zu verbringen, und möchte später gerne als Journalistin arbeiten. itchy feet Nr.7, Ausgabe 2010 |
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