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Internationales Workcamp in Frankreich

Sechs Wochen Sommerferien. Für manche eine Zeit, um das Nichtstun zu perfektionieren: Verwöhnurlaub, ein bisschen Luxus und keinen Finger rühren, während man in der Sonne liegt. Für andere eine Gelegenheit, fremde Menschen, Länder und Sprachen kennenzulernen und etwas Neues zu erleben. Ich gehöre zur letzten Gruppe. Schon immer begeisterte Reisende, kamen bei der Frage „Was mache ich in den Sommerferien?“ Sehnsüchte auf, denen ich allen unmöglich nachgehen konnte. Die Schulferien würden nicht ausreichen, jedes meiner Wunschziele einzeln zu besuchen. Um in kurzer Zeit auf viele Menschen unterschiedlichster Nationalitäten zu treffen, entschied ich mich für die Teilnahme an einem internationalen Workcamp: Mit jungen Menschen aus verschiedenen Ländern kommt man an einem beliebigen Ort zusammen und wohnt, arbeitet, feiert und lebt miteinander.

Für mich hieß dieser beliebige Ort Monléon- Magnoac. Nein, es ist keine Kulturlücke, Monléon-Magnoac nicht zu kennen. Denn Monléon ist keine internationale Metropole, sondern ein Dörfchen mit circa 350 Einwohnern mitten in den südfranzösischen Pyrenäen. Für die Dauer von drei Wochen fanden sich dort 15 junge Menschen aus Frankreich, Spanien, Deutschland, Estland, der Türkei, der Slowakei und Korea ein. Zunächst hatte ich hinsichtlich meiner Französischkenntnisse Bedenken, und überhaupt, wie ist das, mit so vielen fremden Menschen zusammenzukommen? Mit einem etwas flauen Magen, aber auch voller Vorfreude, machte ich mich auf den Weg. Aufgrund einer Fehlkalkulation meinerseits kam ich leider erst mit einem Tag Verspätung an. Erst nachdem ich den Flieger nach Montpellier schon gebucht hatte, hatte ich bemerkt, dass dieser so spät dort landen würde, dass es unmöglich sein würde, Monléon noch am gleichen Tag zu erreichen. So stieß ich also als Letzte zu der Gruppe. Die Zelte, in denen wir in den bevorstehenden drei Wochen schlafen würden, waren bereits aufgebaut. Auch die Sporthalle, in der uns eine Küche und ein Aufenthaltsraum zur Verfügung standen, war schon in Beschlag genommen. Trotzdem wurde ich mit offenen Armen empfangen und konnte merken, dass ich nicht die Einzige war, der manchmal die Worte fehlten. Wir lernten jedoch alle schnell, auf Hände und Füße auszuweichen. Daraus entstand eine manchmal recht amüsante Art der Konversation, die ich sehr mag. Sie hilft, die Grenzen zu durchbrechen, die durch das Sprechen unterschiedlicher Sprachen zunächst bestehen.

Im Mittelpunkt des Workcamps würde die Arbeit für ein Festival stehen, welches an unserem zweiten Wochenende in Monléon stattfinden sollte. In der ersten Woche waren jedoch noch keine Aufgaben für das Festival zu erledigen, sondern etwas völlig anderes: Auf dem Dachboden eines mehrstöckigen Wohnhauses mussten wir Fußboden herausreißen und einen neuen verlegen. Mit Brecheisen und Mundschutz ausgerüstet, verrichteten wir schichtweise unsere Arbeit, die mit viel Dreck und Staub, aber auch mit ebenso viel Spaß und Lachen verbunden war. Die Sprachbarrieren wurden darüber genauso vergessen wie kulturelle Unterschiede. Schließlich waren wir alle gleich dreckig und verschwitzt, was uns schnell zu einer wirklichen Gruppe zusammenschweißte. Die Abgeschiedenheit von der übrigen Welt trug das Ihre dazu bei. Wir beschäftigten uns mit uns selbst, spielten Karten oder Volleyball, versuchten, Spielanleitungen verständlich auf Französisch zu vermitteln, machten Lagerfeuer, sangen gemeinsam und lernten einzelne Wörter aus der Sprache unserer Mitmenschen. Immer wieder hörte man: „Wie sagt man das in deiner Sprache?“ und erlebte, wie sich einige Leute bei dem Versuch, besonders komplizierte Wörter auszusprechen, die Zunge verknoteten. Mir erging es so, als ich versuchte, „Gute Nacht“ auf Türkisch zu lernen. Da meine türkische Zeltnachbarin mir vor dem Einschlafen auf Deutsch immer eine solche wünschte, war es in meinen Augen unerlässlich, mich dafür in ihrer Sprache zu revanchieren.

So verging die erste Woche wie im Flug. Da das Wetter die meiste Zeit über herrlich war, hatten wir schnell eine regelrechte Bauarbeiterbräune angenommen. Dann begann die Hauptarbeit unseres Workcamps: Vorbereitungen für ein Sambafestival. Geregelter Tageslauf ade! Jetzt hieß es, flexibel zu sein und oft selber nach Möglichkeiten zu suchen, wie man sich sinnvoll einbringen konnte. Folgende Aufgaben erwarteten uns: die Straßen von Müll befreien, jede Ecke des Dorfes schmücken, Schilder malen, einen Namen für die Bar aussuchen, die Toiletten, einen Festivaleingang und die Bühne aufbauen und das Essen für die Restaurants vorbereiten. Eigeninitiative und Kreativität waren gefordert. Wir sahen mit Staunen, wie sich das Dorf verwandelte und vor Ideenreichtum nur so strotzte. Von einem Tag auf den anderen erschienen Unmengen von Menschen, die ihre Zelte auf unserem Lagerfeueracker aufbauten. Daran gewöhnt, auf der Straße höchstens ein Huhn zu treffen, war das natürlich für alle spannend. Dadurch, dass Künstler und Besucher aus ganz Europa und sogar aus Lateinamerika anreisten, kam die in unserer Gruppe zelebrierte Internationalität zu noch größerem Ausmaß. Das Stimmengewirr wurde durch noch mehr Sprachen bereichert, und als Mitarbeiter diverser Straßenrestaurants waren wir mittendrin.

In den drei Tagen des Festivals schallten Tag und Nacht Trommel- und Sambaklänge durch das Dorf, und wir konnten den Feierabend kaum erwarten, um mit den Menschen aus aller Welt auf den Konzerten zu feiern. Auf Schlaf musste man weitestgehend verzichten. Wenn ich nicht gerade arbeitete, war ich tanzend anzutreffen. Den Höhepunkt stellte sicherlich der letzte Abend des Festivals dar. Nachdem wir aus den Restaurants und von den Straßenständen entlassen worden waren, stand einer durchtanzten Nacht auf der Straße nichts mehr im Wege. Noch einmal mit all den Künstlern, die wir als Freiwillige kennenlernen durften, den vielen tollen Menschen und vor allem auch mit unserer Gruppe die Samba genießend und feiernd, gingen manche von uns erst nach Sonnenaufgang ins Bett. Beim Aufwachen fehlte dann plötzlich etwas: keine Trommeln mehr zu hören. Vor allem aber: keine Leute mehr um uns herum. Etwas desorientiert und übermüdet nahmen wir uns zusammen und begannen mit dem Aufräumen. Das stimmte nicht wenige sehr nostalgisch.

Die letzten Tage des Workcamps hatten wir zur freien Verfügung. Im Pool, im Restaurant oder im nahe gelegenen Kletterpark mussten wir uns an den Gedanken der immer näher rückenden Trennung gewöhnen. Ein trauriger Gedanke, denn während der drei Wochen hatte ich ein Paradebeispiel internationalen Zusammenlebens erlebt. Es war interessant, mit Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturkreisen zusammenzuleben, ihre Eigenarten mitzubekommen, Vorurteile humoristisch zur Schau zu stellen und zu beseitigen, die verschiedenen Sprachen zu hören und zu „lernen“. So erlangten wir kleine Einblicke in Länder, in denen wir noch nie gewesen waren. Kulturelle Unterschiede stellten keinerlei Hindernis dar: Wir knüpften Freundschaften, führten Gespräche, arbeiteten und feierten miteinander und wurden zu einer Gruppe. Zum Schluss war es so normal, miteinander zu leben, dass es uns einige Male passierte, dass wir andere Leute in der falschen Sprache ansprachen. Da wurde ich auf Estnisch angeredet oder sprach selber mit den anderen Deutschen Spanisch, weil ich vorher in ein Gespräch mit einer Spanierin vertieft gewesen war.

Diese Menschen, die zu Freunden geworden waren, sollte ich nun verlassen? Am letzten Abend veranstalteten wir ein internationales Essen mit Spezialitäten aus den unterschiedlichen Ländern. Das war ein sehr schöner Abschluss der gemeinsamen Zeit, die viel zu schnell vergangen war. Der Abschied am nächsten Morgen brachte einige Tränen mit sich, aber vor allem auch viele Versprechen: Wir bleiben in Kontakt! Wir sehen uns wieder! Irgendwo auf dieser schönen Welt, vielleicht beim nächsten Workcamp!


Lena Wagner, 18, lebt in Dortmund und besucht die Jahrgangsstufe 13 einer Waldorfschule. Nach dem Abitur möchte sie ein Freiwilliges Soziales Jahr in Lateinamerika machen, am liebsten in Peru. Ihr Berufswunsch ist Journalistin.



itchy feet Nr.7, Ausgabe 2010



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