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Das Verdrängen von Schattenseiten ![]() „Was isst du da?”, fragte ich, den Blick auf den Teller meines zwölfjährigen Gastkindes gerichtet. „Einen Bagel mit Frischkäse, Lachs und Kapern!”, lautete die Antwort. „Eeeewww”, sagte ich und verzog das Gesicht. Das Essverhalten der Amis habe ich schon immer belächelt, aber mit seinen kulinarischen Experimenten setzte mein Gastkind dem Ganzen noch einen drauf. Ich schnappte mir eine Scheibe Pumpernickel, beschmierte sie mit Frischkäse und setzte mich dazu. Zuvor hatte ich minutenlang vor dem langen Regal im Supermarkt gestanden, jedes einzelne in Plastik eingeschweißte Brot aus dem Fach geholt und mit beiden Händen zusammengedrückt. Wie eine Ziehharmonika. Die Verkäuferin, die neben mir angefangen hatte Regale einzuräumen, hatte mich mit vorwurfsvollem Blick angesehen. „Bullshit!”, hatte ich gedacht und schließlich einen Laib Pumpernickel in meinen Einkaufswagen geworfen. Brot für Amerika! Ein Jahr Au Pair in den USA. Alles war neu, alles anders. Das deutsche Essen war nur eine Sache, die ich vermisste. Mit der Sprache hatte ich anfangs ebenfalls Schwierigkeiten. Obwohl ich im Englischunterricht zu den Klassenbesten gehört hatte, kam ich mit der Geschwindigkeit und dem Akzent der Amerikaner schlecht zurecht. Ich fühlte mich wie eine Idiotin, die nicht auszudrücken in der Lage ist, was sie denkt. Mit der Zeit wurde mein Englisch immer besser. Das machte zwar vieles einfacher, aber dennoch gab es Unzufriedenheit. Manchmal fühlte ich mich so unfrei wie noch nie in meinem Leben. Ich hatte mich von der Abhängigkeit meiner eigenen Familie gelöst, um mich gleich darauf in die Abhängigkeit einer fremden Familie zu begeben. Es war eine Herausforderung, in derselben Familie zu leben sowie zu arbeiten, und die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit verschwammen oft. Auch kulturelle Unterschiede begleiteten mich das ganze Jahr über. In den USA freut man sich zum Beispiel anders. Zum Geburtstag meiner Kleinen backte ich einen Kuchen, dick mit Kuvertüre beschmiert und bunt verziert. Ich konnte mich vor dem Lob der feinen Geburtstagsgesellschaft kaum retten. Noch nie hatte einer von ihnen selbst einen Kuchen gebacken! Zwar war ich stolz auf mein Kunstwerk, zugleich aber auch peinlich berührt von der Begeisterung der Menge. Von allen Seiten riefen sie: „Oh my gosh, I can’t believe you did that!” und „I looooove it!” „Really outgoing“ sind sie, die Amerikaner. „Hypokriten-Staat“, dachte ich nur. Ich passte mich an, grüßte wildfremde Menschen auf der Straße zurück und erkundigte mich nach ihrem Befinden. Bei Begegnungen mit flüchtigen Bekannten erhöhte ich meine Stimmlage um einige Oktaven und beteuerte, wie schön es doch sei, sie zu sehen. Diese Oberflächlichkeit ging mir jedoch oft genug auf die Nerven. Ich regte mich über die arbeitsorientierte Lebenseinstellung der Eltern auf, die sich kaum Zeit für ihre Kinder nahmen, und über den Staat an sich, der Frauen einen viel zu kurzen Mutterschaftsurlaub zugesteht. Den Patriotismus der Amerikaner empfand ich als ebenso übertrieben wie ihren Jugend- und Schönheitswahn. Deo ließ ich mir das ganze Jahr über aus Deutschland schicken, weil es in den Staaten nicht in Sprühdosen verkauft wurde zu schädlich für die Umwelt. Aber riesige Autos mit enormem Spritverbrauch sind kein Problem? Im Fernsehen laufen zu jeder Tageszeit Gewaltszenen, aber sobald ein wenig nackte Haut zu sehen wäre, wird alles zensiert. Ein elfjähriges Kind darf nicht einmal eine Stunde lang alleine zu Hause bleiben, ein 15-jähriger Teenager darf Auto fahren, aber ein 20-Jähriger darf kein Bier trinken; lächerlich. Noch nie habe ich mich so deutsch gefühlt wie in den USA. Mit Stolz erzählte ich dort von unserem sozialen Netz und der gesetzlichen Krankenversicherung, erklärte unser Bildungssystem, schwärmte von Brot und Quark und brachte meinen Gastkindern ein paar Wörter Deutsch bei. Es ist nicht einfach in Worte zu fassen, wie sehr ich mich einerseits nach meiner Heimat sehnte und mein Leben in den Staaten verfluchte, und wie viel Freude mir andererseits das Jahr als Au Pair bereitete, wie froh ich darüber war, Deutschland für eine Weile hinter mir gelassen zu haben. Denn trotz all der Schattenseiten des Au Pair-Lebens und der Eigenarten der Amis hatte ich eine großartige Zeit. Ich baute mir einen tollen Freundeskreis auf, unternahm viel und besuchte wunderschöne Orte. Meine Gastkinder wuchsen mir sehr ans Herz, und auch wenn sie mir manchmal den letzten Nerv raubten, verbrachte ich gerne Zeit mit ihnen. Ich bereute meine Entscheidung nicht, Au Pair geworden zu sein. Obwohl ich wusste, dass der Abschied nicht einfach werden würde, zählte ich die Tage bis zum Rückflug. Ich konnte es kaum erwarten, zurückzukehren, meine Liebsten wiederzusehen und all die Vorteile meines Lebens in Deutschland zu genießen. Endlich wieder in Deutschland. Endlich wieder Laugenbrötchen, Leberwurst, rauchen, wann ich will und wo ich will, Freunde einladen, laut Musik hören, nicht mehr immer Rücksicht nehmen, nicht mehr immer Vorbild sein, machen, auf was ich Lust habe, einfach rausgehen, einfach frei sein, einfach leben! Pustekuchen! Nach meiner Rückkehr verflog die anfängliche Euphorie schnell. Alles kam mir so klein vor, so grau, so trist, so gnadenlos ehrlich. Die Gesichter der Menschen auf der Straße waren genauso trübe und eintönig wie das Wetter. Bei Blickkontakt wird nicht gegrüßt, sondern schnell auf den Boden geschaut. An der Supermarktkasse wird nicht geplaudert, sondern zügig weitergegangen. Willkommen zu Hause. Ich will zurück. Gefangen zwischen zwei Welten; Kulturschock, der zweite. Ich vermisste mein Leben in den Staaten: Die Unbeschwertheit, das Abenteuerliche und das Fremde. Ich sehnte mich nach den Menschen, nach der Sprache und nach meiner Arbeit. Paradox war, dass ich viele Dinge, die ich in den USA anfangs verteufelt hatte, hier am meisten vermisste. Ich glaube, dass es in der Natur des Menschen liegt, sich stets nach dem zu sehnen, was er gerade nicht hat. Unsere Erinnerung gaukelt uns vor, in der Vergangenheit sei alles so viel besser, schöner und einfacher gewesen; dabei verdrängen wir die Schattenseiten gerne. Jeder Lebensabschnitt beinhaltet neue Herausforderungen, in jedem Jahr gibt es Höhen und Tiefen und in keinem Land scheint jeden Tag die Sonne. Die Sehnsucht nach der Ferne ist mein ständiger Begleiter, egal, wo ich lebe. Inzwischen habe ich mich wieder in Deutschland eingelebt, bin von zu Hause ausgezogen und habe Zukunftspläne geschmiedet und mir Ziele gesetzt. An Amerika denke ich aber immer noch jeden Tag meistens mit einem Lächeln und an manchen Tagen voller Fernweh. Gerade in Momenten, in denen mir die Sehnsucht fast Tränen in die Augen treibt, ist eine zweite Heimat im Herzen wie eine Schatztruhe, in die ich in schlechten Zeiten hineingreifen kann, um mir ein paar schöne Erinnerungen herauszufischen. Manchmal muss man Deutschland den Rücken kehren, um Vorteile wirklich schätzen zu lernen. Und genauso muss man manchmal erst nach Deutschland zurückkehren, um zu merken, dass vermeintliche Vorteile oft nur eine Sache jahrelanger Gewohnheit sind. Meine Mitbewohnerin kommt in die Küche und starrt das Toastbrot an, das sorgsam präpariert auf meinem Teller liegt. „Frischkäse, Lachs und Kapern“, sage ich unaufgefordert. „IIiiihhhh“, sagt sie, und ich muss lächeln. Simone Kollmann, 22, studiert Linguistik, Phonetik und Informationsverarbeitung an der Universität zu Köln. itchy feet Nr.7, Ausgabe 2010 |
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