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Als Freiwilliger in Burundi
Sensibilisierungsarbeit in einem vom Krieg gezeichneten Land



Es regnet seit zwei Tagen, und es ist kalt. Für deutsche Verhältnisse ist es wohl immer noch warm, doch für uns hier in Burundi, im „Herzen Afrikas“, ist es kalt – ich trage ein langärmliges Hemd und eine Weste. Morgens möchte man nicht aufstehen, sondern sich unter der Decke verkriechen. Die Regenzeit geht ihrem Ende zu und die täglichen Regenfälle sind sehr stark. Die Schlaglöcher in Bujumburas Straßen haben sich bis oben hin mit Wasser gefüllt. Rollt ein Auto an, springen die Leute am Wegrand zur Seite, um nichts von der Dreckbrühe abzubekommen. Manchem Autofahrer sind die anderen herzlich egal und er brettert trotzdem über die Straßen. Glück hat, wer ein Auto hat. Und das sind die wenigsten. Der Rest muss laufen; zur Schule, zur Arbeit oder sonst wohin. Egal, wie stark es regnet. Es kann passieren, dass in den Büros nur die Menschen auftauchen, die ein Auto haben. Oder in der Schule fällt der Unterricht einfach aus. Wegen Regen. Die Straßen werden an manchen Stellen unbefahrbar. Die Schlaglöcher bereiten selbst Geländewagen Probleme und das mitten in der Hauptstadt. Die Polizei steht rum, scherzt, kümmert sich recht wenig. Ab und an wird ein Autofahrer an den Rand gezogen und überprüft. Ist der Fahrer weiß, kommt es schon einmal vor, dass er nach einem Amstel-Bier gefragt wird – auch wenn die Papiere in Ordnung sind. Das gehört zum Alltag in Bujumbura mit seinen circa 400.000 Einwohnern.

Es ist manchmal verwunderlich, wie alles funktioniert in einem Land wie Burundi, das viele Jahre Krieg mit etwa 300.000 Toten und mehr als einer Million Flüchtlinge hinter sich hat. Alles funktioniert irgendwie. Ich beobachte gerne das rege Treiben auf den Straßen. Das Leben scheint so normal. Es gibt jedoch Momente, in denen einem schlagartig vor Augen geführt wird, wo man eigentlich ist. Das ist immer dann der Fall, wenn ich mich im Projekt zur Sensibilisierung der Bevölkerung in Bujumbura Rural befinde. Unser neues Programm sieht Aufklärung in Siedlungen in ländlichen Gebieten vor, die in der Peripherie der Hauptstadt liegen. Themen sind Malaria, HIV und Aids, Hygiene und Durchfallerkrankungen – die größten Probleme und die häufigsten Todesursachen.

Als wir heute von der geteerten und mit Schlaglöchern übersäten Straße hinter dem Flughafen rechts ins Feld abbiegen, offenbart sich schon das, was uns erwarten wird. Nicht, dass der Anblick neu für mich wäre, immerhin bin ich schon einige Zeit in Burundi. Doch ein Abhärten, wie es manch einer beschreibt, kann ich nicht ausmachen. Die Piste vor uns erinnert mich an die Strecke zwischen der burundischen Grenze und dem Kongo: Schlaglöcher, dass man Angst hat, das Auto kippt, und rechts und links: nichts. Entlang der Straße mühen sich Menschen ab, auf dem Kopf oder Fahrrad Waren zu transportieren. Frauen, Männer, Kinder. Vor den einfachen Lehm- und Strohhütten sitzen junge Männer, kauen gelangweilt auf Strohhalmen herum. Manche blicken finster, andere winken uns grüßend zu. Ehemalige Kindersoldaten? Rebellen?

Wer weiß. Vielleicht beides. Oder keines von beiden. Kinder, oft nur mit einem viel zu großen T-Shirt bekleidet, schauen uns mit aufgerissenen Augen hinterher. „Muzungu!“ – Weißer! Mädchen kichern, verstecken sich. Andere lachen uns offen an. Links von uns stehen graue Häuser. Akkurat angelegt; alle sehen gleich aus – ein Flüchtlingslager. Menschen, keine Ahnung wie viele, die aus Tansania zurück in ihr Heimatland gekehrt sind. Zusammengepfercht. Mit welchen Aussichten? Wenigstens gehört diese Gruppe hier zu denen, die bleiben dürfen, wo sie sind.

Die Fahrt scheint kein Ende zu nehmen. Der Pfad wird immer enger, links und rechts nur Wald, Felder, Wiesen. Wir fahren durch riesige Wasserpfützen, von denen wir nicht wissen, wie tief sie sind. Jedes Mal hoffen wir, dass der alte Land Cruiser es noch schafft. Kostenlose Safari, könnten Zyniker sagen. Nur sehen wir keine ästhetischen wilden Tiere, sondern Kinder, deren Bäuche vor Hunger und Wurmerkrankungen aufgebläht und deren Haare vor Mangelerscheinungen weiß sind. Wir wollen ihnen helfen. Wir kommen an. Muyabaga, der Fahrer, hält direkt vor einer kleinen Kapelle. „Karibu!“ – „Willkommen“, sagt mein Kollege, lächelt und weist auf den Eingang in die halbfertigen Gemäuer. „Das Geld hat noch nicht gereicht, um fertig zu bauen“, erklärt er. Hauptsache ein Dach über dem Kopf. Das kommt uns gelegen, denn es regnet ununterbrochen. „Vorhin waren hier sehr viele Menschen“, sagt uns jemand. Sie hätten auf uns gewartet, dann wäre der starke Regen gekommen und sie seien alle nach Hause gegangen. Doch schon leuchten aus allen Richtungen die bunten Gewänder der Bäuerinnen. Sie kommen zurück. Sie haben den Motor des Geländewagens gehört und eilen wieder zur halbfertigen Kapelle. Nach und nach treffen sie ein – hauptsächlich Frauen mit ihren Babys auf dem Rücken, alte Männer, aber auch ein paar jüngere und natürlich: Kinder. Als meine Kollegen beginnen, haben sich rund 100 Menschen versammelt. Sie sitzen auf dem staubigen Boden des halbfertigen Gebäudes, manche bleiben draußen, lehnen sich durch die Aussparungen für die späteren Fenster. Drei Mädchen kichern, weil der „Muzungu“ einem alten Mann die Hand schüttelt.

Um die kleine Kapelle herum stehen einfach gebaute Häuser aus Lehmsteinen. Die Wege verwandeln sich bei Regen fast in Bäche. Wenn man nicht aufpasst, sackt man ein. Ich bemühe mich, mich nicht zum Affen zu machen. Ein alter Mann quält sich in die Kapelle, gestützt auf seinen dünnen Bambusstab, der ihn halbwegs aufrecht stehen lässt. Gehen bereitet ihm sichtlich große Mühe. Doch an dem Ereignis möchte er teilhaben, endlich jemand, der zuhört und Hilfe verspricht. Ich schiebe ihm einen Stuhl hin, damit er sich nicht in den Sand setzen muss. Ein Kind streunt um mich herum. Interessiert, doch sehr ängstlich. Immer wieder schaut es sich nach seiner Mutter um, die mit dem kleineren Geschwisterchen beschäftigt ist. Als ich ihm die Hand zum Gruß hinstrecke, rennt es weg. Eine Frau, die die Situation beobachtet hatte, lacht. „Ararwaye“, erklärt sie und tippt sich mit der Hand an den Kopf. Das Kind ist krank. Traumatisiert. Hier, im ländlichen Raum um Bujumbura, ist der Krieg noch präsent in den Köpfen. Können die Menschen endlich in Frieden leben? Die Rebellen gibt es offiziell nicht mehr. Die sind jetzt einfache Banditen. Genügend Waffen sind noch im Umlauf. Ich möchte nicht wissen, was diese Menschen erlebt und gesehen haben. Doch ich kann es mir leider vorstellen. Ein betrunkener Mann schreit von draußen. Mein Kollege spricht ruhig mit ihm, lädt ihn ein, sich zu uns zu setzen. Er akzeptiert. Auch er ist gezeichnet vom Krieg.

Das Programm beginnt. Celestine, unsere Krankenschwester, wird heute zusammen mit ihren Kollegen über Malaria sprechen, die Todesursache Nummer eins in Burundi. Die Leute hören aufmerksam zu. Im Anschluss können sie Fragen stellen. Zwei Männer ergreifen das Wort. Nachdem sie sich bedankt und wieder gesetzt haben, frage ich Celestine nach der Übersetzung. Sie meint, die Männer hätten vom Krieg erzählt. Was sie erlebt haben. Was sie sehen mussten. Sie wollen über ihre Erlebnisse sprechen und haben endlich eine Plattform dafür gefunden. Auch wenn wir eigentlich für etwas anderes gekommen waren. Eine ältere Frau erhebt sich. Sie spricht über Malaria. Celestine und ihre Kollegen schreiben mit, notieren Fragen. Sie brauchen Moskitonetze und Medikamente. Aufklärung ist wichtig, keine Frage. Doch allein nützt sie den Menschen nichts. Um sich zu schützen, brauchen sie die Netze. Zumindest für ihre Kinder. Und Medizin.

Fürs Mitschreiben verteilt Celestine Hefte und Kugelschreiber. Später, bevor wir abfahren, kommen noch ein paar Frauen zu uns und fragen nach Heften, weil sie keine bekommen hatten. Sie beginnen, sich untereinander zu streiten und werden handgreiflich – wegen ein paar Heften. Denn sie haben nichts. Eine sehr alte Frau lächelt mich an. Ihr faltiges Gesicht wirkt so sehr sympathisch. Sie hat keine Zähne mehr. „Murakoze“ – „Danke“, sagt sie. Dann geht sie weg, einen kleinen Pfad entlang, barfuß. Die Kinder tragen nur ein oft bodenlanges T-Shirt. Es ist braun, grau. Manche bibbern wegen des kalten Regens. Sie lachen und winken, bevor sie nach Hause gehen. In eine einfache Hütte, mit etwas Glück mit einer Schlafmatte auf dem Boden. Mit noch mehr Glück wartet am Abend ein Topf Maisbrei mit Bohnen auf sie. Und das nicht etwa in einem hinteren Winkel des Landes. Die Siedlung Maramvya liegt circa 20km von hier, der Innenstadt. Da, wo ich nun sitze, mit meinem Laptop und einem Joghurt zum Frühstück.


Philipp Ziser, 27, hat vor seinem Einsatz in Ostafrika an der Universität Karlsruhe studiert und als Journalist gearbeitet. Als weltwärts-Freiwilliger ist er insgesamt zwei Jahre lang in Burundi tätig.



itchy feet Nr.7, Ausgabe 2010

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