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Deutschunterricht auf La Réunion
Politisch Frankreich, geografisch Indischer Ozean

Gesine Schwan, die damalige Präsidentin meiner Universität, der Viadrina in Frankfurt an der Oder, hatte für das Fremdsprachenassistentenprogramm in Frankreich geworben. Der Pädagogische Austauschdienst suche Studierende aller Fachrichtungen, die Lust hätten, sieben bis neun Monate lang Kindern und Jugendlichen Deutschunterricht zu geben. Eine interessante Idee: Ich würde mir den Einsatz von meiner Universität als Auslandspraktikum anrechnen lassen können und zudem Geld verdienen. Eine Bekannte erfragte, ob auch der Einsatz in Überseedepartements möglich sei. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung, was das überhaupt ist, aber als die Antwort lautete, dass es Stellen im Indischen Ozean gäbe, stand mein Entschluss schnell fest: Die Insel La Réunion sollte es sein. Das klang in meinen Ohren aufregend und exotisch. Ich sollte in meinen Erwartungen nicht enttäuscht werden.
In den Wochen vor meiner Abreise begann ich, meine Wissenslücken über meine Wahlheimat auf Zeit zu schließen. Ich kaufte mir einen Reiseführer und erfuhr, dass es sich bei La Réunion um eine ehemalige Kolonie Frankreichs handelt und dass die Insel heute noch zu Frankreich gehört ein Überseedepartement eben. Ich las, dass mein Ziel nahe Mauritius und östlich von Madagaskar liegt und dass die Menschen dort Französisch und Kreol sprechen. Außerdem fand ich interessant, dass die Bewohner von La Réunion aufgrund der Lage der Insel die ersten Europäer waren, die bei der Währungsumstellung zu Beginn des Jahres 2002 mit dem Euro bezahlen konnten. Ich sah traumhafte Fotos von Stränden, Regenwäldern, Bergen und dem Vulkan der Insel. Trotzdem blieben Zweifel, da ich keinerlei pädagogische Erfahrung mitbrachte und ich meine Französischkenntnisse als, nun ja, ausbaufähig beschreiben würde. Auf was hatte ich mich da nur eingelassen?
Mit meinen Zweifeln und einer Unmenge von Sonnencreme und Mückenspray im Gepäck landete ich auf La Réunion. Meine Vermieterin holte mich am Flughafen ab und brachte mich zu einem wunderschönen weißen kreolischen Haus, das für die nächsten sieben Monate mein Zuhause sein sollte. Zunächst lernte ich meine neuen Mitbewohnerinnen kennen. Sie alle waren ebenfalls als Fremdsprachenassistentinnen nach La Réunion gekommen und stammten aus Spanien, England und Deutschland. Später kam zeitweilig noch ein Franzose dazu. „Verkehrssprache“ im Haus war von Anfang an Französisch, weswegen meine Wortbeiträge zunächst eher verhalten ausfielen. Die ersten Wochen vergingen wie im Flug. Ich unternahm viel mit meinen Mitbewohnerinnen, und wir nutzten unser schönes Haus natürlich auch, um zu feiern. Zu unserer ersten Party kam unser Nachbar mit seinen Freunden, und von da an waren unsere neuen Bekannten bei den meisten unserer Unternehmungen dabei. So blieben wir Ausländer nicht die ganze Zeit unter uns, sondern hatten regelmäßig Kontakt zu Einheimischen. Schnell lernte ich, dass Franzosen hier Metropolfranzosen genannt werden und ich zwar politisch in Frankreich lebte, La Réunion aber eben doch ein ganz besonderes Departement ist. Es wohnen viele Schwarzafrikaner und Inder auf der Insel, aber auch Einwohner europäischer und chinesischer Herkunft. Die Frage, ob man sich nun als Europäer, Franzose oder doch vor allem als Réunionnaise fühlt, ist für die meisten gar nicht so leicht zu beantworten.
Als ich meine Arbeit aufnahm, amüsierte ich mich zunächst darüber, ein eigenes Fach im Lehrerzimmer zu haben. Erst einmal wurde ich allen Klassen vorgestellt, doch schon bald ging es richtig los und ich schlug mich mit einigen Anfangsschwierigkeiten herum. Die Lehrer, mit denen ich zusammenarbeitete, ließen mir viel Freiheit in Bezug auf meine Unterrichtsgestaltung, womit ich mich zuerst etwas überfordert fühlte. Neben der Beschäftigung mit praktischen Fragen wie „Welches Thema eignet sich für meine Schüler und wie bereite ich es am besten vor?“ war ich anfangs irritiert von den oft deutlich strengeren Regeln des französischen Schulsystems. Zum Glück fand ich bei einigen besonders netten Lehrern immer ein offenes Ohr, und bald kam mit der Routine fast etwas überraschend für mich auch der Spaß am Unterrichten. Manchmal gestaltete ich den Unterricht mit einem Lehrer zusammen, meistens aber betreute ich kleinere Schülergruppen in Eigenregie. Gerade mit den Schülern an der Schulform, die mit dem deutschen Gymnasium vergleichbar ist, hielt ich schöne Unterrichtsstunden ab, in denen ich versuchte, ihnen deutsche Musik oder das Leben in der DDR näher zu bringen. An einem der beiden „collèges“ gestaltete sich meine Arbeit teilweise schwieriger. Hier stieß ich an meine Grenzen, wenn trotz Meckerns und Ermahnens keine Ruhe in die Klasse zu bringen war. Gleichzeitig erlebte ich bei den jüngeren Schülern aber auch die größte Begeisterung für die Fremdsprache, und mit der Zeit lernte ich, mit auftretenden Problemen gelassener umzugehen. Schon mein Vorgänger hatte in seinem Erfahrungsbericht dazu geraten, die Erwartungen besser etwas herunterzuschrauben, da eben nicht jeder Schüler Interesse am Deutschunterricht zeigt. Trotzdem waren fast immer einige interessierte Schüler dabei und den Rest konnte ich zumindest ab und zu mithilfe eines netten Themas zur aktiven Teilnahme am Unterricht bewegen.
Neben der Arbeit nutzte ich die Zeit, um die schöne Insel zu erkunden. Wir fuhren oft an den Strand, wo ich schnorcheln ging oder mein Bodyboard ausprobierte; hierbei handelt es sich um eine Art kleines Surfbrett. Wir begaben uns auf Wanderungen und sahen den Vulkan, den Regenwald und die wunderschönen Berglandschaften, die ich schon von Fotos kannte, mit eigenen Augen. Ich profitierte auch von den günstigen Sportmöglichkeiten der Universität und lernte dadurch nette Leute kennen. So machte ich mich mit der Uni auf zum „Rando-Aqua“, dem Wandern im Fluss, und zum „Canyoning“, ebenfalls wandern im Fluss, aber inklusive Abseilen an steilen Schluchten und deshalb eine Aktivität für besonders Abenteuerlustige. Dass ich zu denen normalerweise eigentlich nicht gehöre, wurde mir wieder bewusst, als ich mich 35m tief im Wasserfall abseilen sollte. Dafür war die Freude, sich getraut zu haben, hinterher natürlich umso größer. Mit weniger Angst um mein Leben verbunden waren ein Segelwochenende sowie der Indische Tanz, an dem ich mich probierte. Durch die indischen Einflüsse der vielen hier lebenden Einwohner indischer Herkunft ist dieser Tanz auf La Réunion ziemlich beliebt. Bei all den Unternehmungen schwärmten eine Freundin und ich immer wieder, was für ein Glück wir doch gehabt hatten, hier im Paradies gelandet zu sein. Ganz nebenbei verbesserte sich langsam, aber sicher mein Französisch, da ich die Sprache von früh bis spät egal, ob gerade 35m über dem Abgrund hängend, im Lehrerzimmer, in den Geschäften oder im Gespräch mit meinen Mitbewohnern anwenden musste.
Kurz vor Weihnachten begannen unsere Sommerferien und zugleich die Regenzeit. Wir hatten etwa fünf Wochen frei, in denen es viel regnete und tropische Wirbelstürme, die im Indischen Ozean als Zyklone bezeichnet werden, an unserer kleinen Insel vorbeizogen. Mehrmals gab es Zyklonenwarnung. Einmal schien es so, als ob der Zyklon wirklich auf unsere Insel zukäme, sodass ich und meine Mitbewohnerinnen uns mit Wasserflaschen, Lebensmitteln und Kerzen eindeckten. Man hatte uns erklärt, dass ein Zyklon sehr starke Regenfälle und Wind mitbringen und dann ein Ausgehverbot gelten würde. Der Wirbelsturm zog zwar vorbei, für viel Regen sorgte er aber trotzdem. Noch bis Februar blieb das Wetter wechselhaft und zwang uns immer wieder, Unternehmungen zu verschieben. So fiel auch das Fest zum Gedenken an das Ende der Sklaverei, das immer am 20. Dezember statt- findet und vielen Bewohnern der Insel sehr wichtig ist, buchstäblich ins Wasser. Es wurde ein paar Tage später mit bunten Paraden und Livemusik nachgeholt.
Nach meiner Rückkehr von einer Reise nach Madagaskar blieben mir noch drei Wochen auf meiner Trauminsel, in denen ich mich von allen verabschiedete, noch einmal an den Strand und wandern ging. Ins Flugzeug stieg ich mit gemischten Gefühlen und meinem Bodyboard, auch wenn die Nutzungsmöglichkeiten dafür in Frankfurt an der Oder leider begrenzt sind. Der Abschied fiel mir nicht leicht. An meinem letzten Abend war ich zum Essen bei unseren Nachbarn eingeladen, und der Vater unseres Freundes riet mir, nicht immer zurückzuschauen und besser die nächste Etappe anzugehen. Verbunden natürlich mit der Einladung, bei ihnen zu übernachten, wenn ich das nächste Mal nach La Réunion kommen sollte.
Katja Engelhardt, 23, hat ihr Bachelorstudium der Kulturwissenschaften an der Universität in Frankfurt an der Oder abgeschlossen und im Herbst ihr Masterstudium „International Law“ in den Niederlanden aufgenommen.
itchy feet Nr.7, Ausgabe 2010
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