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Ausbildung im „Duftenden Hafen“
Hongkong 香港, die Drehscheibe Asiens

„Jo san“ das ist Kantonesisch, der chinesische Dialekt, welcher in Hongkong gesprochen wird, und heißt „Guten Morgen!“ Es ist 7:30 Uhr ein neuer Arbeitstag beginnt. Schnell in den Anzug schlüpfen, Krawatte richten und die Lederschuhe putzen. Dann verlasse ich mein kleines Apartment und befinde mich mitten im Strudel der asiatischen Wirtschaftsmetropole Hongkong. Wie so oft in dieser Stadt, hängt eine feuchte Hitze in der Luft. Mit der Tram einem über 100 Jahre alten Überbleibsel der Briten und zugleich die letzte Doppeldeckerstraßenbahn der Welt fahre ich ins Herz von Hong Kong Island, dem politischen und wirtschaftlichen Zentrum der Metropole. Unzählige Wolkenkratzer und Glasfassaden ziehen an den Scheiben der Tram vorbei. Auf den Straßen herrscht ein Treiben wie in einem Ameisenhaufen: Überall sieht man geschäftige Anzugträger auf dem Weg ins Büro. Mein Arbeitsplatz befindet sich in einem der größten Hochhäuser der Welt, im 77. Stockwerk des Centers. Nicht jede große Firma hat hier in Hongkong ihr eigenes Gebäude. Die meisten sind in einem Hochhaus mit anderen Firmen zusammen angesiedelt. Von meinem Arbeitsplatz aus blicke ich auf den Victoria Hafen.
Seit zwei Jahren lebe und arbeite ich in der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong. Ich mache eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann bei der Bayer MaterialScience AG. Wie viele andere deutsche und internationale Unternehmen auch, hat Bayer in Hongkong seinen Sitz für das Asien-Pazifik-Geschäft. Die Ausbildung ist im Prinzip genauso aufgebaut wie eine entsprechende Berufsausbildung in Deutschland. Sie wird angeboten als Kooperationsprojekt der Deutschen Außenhandelskammer und der Deutsch-Schweizerischen Internationalen Schule hier in Hongkong und dauert 22 Monate. Am Ende werde ich ein IHK-Diplom als Kaufmann des Groß- und Außenhandels bekommen. Ich arbeite dreieinhalb Tage im Büro von Bayer, und zweimal in der Woche besuche ich die German-Swiss International School. Dort lerne ich alles über Außenhandelsprozesse, Spedition, Logistik, habe aber auch Fächer wie Chinesische Studien und Mandarin. Die Unterrichtssprache ist Deutsch, aber im Betrieb wie auch sonst in Hongkong ist Englisch die gängige Geschäftssprache. Meine Schule befindet sich in Sai Ying Pun, einem sehr chinesisch geprägten Viertel. Auf der Straße gibt es etliche Händler, die getrocknete Haiflossen und Vogelnester anbieten.
In meiner Firma arbeite ich mit Menschen aus aller Welt zusammen, was den Arbeitsalltag sehr abwechslungsreich und spannend macht. Während meiner Ausbildung habe ich bereits 16 verschiedene Abteilungen durchlaufen und so einen Einblick in sämtliche Firmenbereiche erhalten. Station gemacht habe ich beispielsweise in den Abteilungen Logistik, Marktforschung sowie Rechnungswesen. Meine Chefin ist eine Deutsche, meine Kollegen sind allerdings größtenteils Chinesen. Die Hongkonger sind sehr fleißige und hart arbeitende Menschen, weshalb es passieren kann, dass man manchmal erst weit nach Sonnenuntergang nach Hause kommt.
Mein Zuhause befindet sich im Viertel Wan Chai. Ich wohne in einem kleinen Apartment, was allerdings so viel kostet wie eine große Wohnung in Deutschland. Der Wohnraum in der Metropole ist rar, sodass es die Immobilienpreise in sich haben: Für ein kleines, einfaches Apartment muss man rund 500 € Monatsmiete zahlen. Viele Leute können sich deshalb nur eine kleine Wohnung leisten, und auch mein Zimmer ist so groß bzw. klein wie ein Badezimmer in Deutschland. Aufgrund der beengten Wohnsituation spielt sich das Leben nach Feierabend meist draußen ab. Man trifft sich in Parks oder in Einkaufszentren, und meistens geht man zusammen in ein Restaurant zum Essen. Ich wohne sehr zentral, wer es jedoch eher ruhiger und abgeschiedener mag, der kann auf eine der umliegenden Inseln wie zum Beispiel Lamma Island ziehen. Innerhalb von 25 Minuten ist die Insel mit der Fähre zu erreichen. In den zweigeschossigen Häusern wohnen viele Europäer, zum Teil Aussteiger und Langzeiturlauber, die der Großstadt entfliehen wollen.
Hongkong ist eine Stadt mit einer unglaublichen Dynamik. Die Metropole ist immer in Bewegung, und kein Tag ist wie der andere. Die Modernität Hongkongs spiegelt sich im öffentlichen Verkehrsnetz wider. Die Metro ist eine der modernsten Asiens, die Fahrten werden mit der sogenannten Octopus-Karte bezahlt: eine aufladbare Mehrfahrtenkarte für alle öffentlichen Verkehrsmittel. Will man sich von Insel zu Insel begeben Hongkong besteht aus über 260 Inseln , so schippert man auf einer der vielen Fähren über das südchinesische Meer. Innerhalb von nicht einmal einer halben Stunde kann man so dem Wolkenkratzer-Labyrinth entfliehen und an herrlichen Stränden und in idyllischer Natur landen. Etwas, was selten mit Hongkong verbunden wird, denn jeder denkt sofort an Hochhäuser und Menschenmassen. Doch letztlich sind nur 25% des Territoriums besiedelt, der Rest ist Natur. In meiner Freizeit habe ich hier zwei neue Sportarten entdeckt: das Drachenbootfahren und das Wandern. Um Hongkong herum gibt es Hunderte von Wanderrouten, und zwar sowohl einfache als auch Extremwanderwege. Wandern ist der Volkssport der Hongkonger. Bei einer guten Wanderung werden schon einmal 1.500 Höhenmeter überwunden! Und das bei einer Luftfeuchtigkeit von fast 100% und Temperaturen von 30°C.
Aber nicht nur Naturfreunde, sondern auch Partyliebhaber und Gourmets kommen voll und ganz auf ihre Kosten. In dem stadtbekannten Barund Kneipenviertel Lan Kwai Fong reiht sich eine Disko an die andere. Berührungsängste sollte man dort wie auch sonst in Hongkong nicht haben. Vor allem dann nicht, wenn man sich in chinesische Garküchen wagt, die meist prall gefüllt sind. Die kantonesische Küche ist eine der besten der Welt. Zubereitet werden viele kleine gedämpfte oder frittierte Köstlichkeiten, genannt Dim Sum, und unzählige Gerichte mit frischen Meeresfrüchten. Nur die Essgewohnheiten der Chinesen sind zunächst ein wenig gewöhnungsbedürftig: Lautes Schmatzen gehört zu einem guten Mahl dazu. In der Stadt wird nicht nur chinesische Küche angeboten. Wer durch den Distrikt Central wandert, der stößt von deutscher bis zu indonesischer Küche auf so gut wie alles, was es auf der Welt zu finden gibt. Die Mahlzeiten werden meist mit einem Treffen mit Freunden oder Kollegen verbunden, man isst selten alleine.
Hongkong ist sehr international. Deshalb sind die Straßen und Geschäfte hier meist in beiden offi ziellen Amtssprachen, also in Kantonesisch und in Englisch, ausgeschildert. Doch trotz aller Internationalität begegnet einem natürlich immer wieder die chinesische Kultur. Neben den modernen Einkaufszentren und den Bürogebäuden der internationalen Firmen gibt es überall noch kleine chinesische Geschäfte, vor denen die Besitzer morgens ihr spirituelles, meist buddhistisches Zeremoniell vollführen und Räucherstäbchen anzünden. Die Menschen habe ich als sehr aufgeschlossen und freundlich kennengelernt. Jeder versucht, einem zu helfen oder entgegenzukommen seien es Arbeitskollegen oder Freunde.
Generell gilt hier: Alles ist ebenso möglich wie unmöglich! Zwar ist Hongkong von der Weltwirtschaftskrise auch hart getroffen worden; viele Arbeitsplätze sind in dem asiatischen Finanzzentrum verloren gegangen. Doch es wird nicht gemeckert, sondern es wird Einsatz gezeigt. Mit Mammutprojekten wie dem Bau einer Brücke im chinesischen Las Vegas Macao versucht die Regierung, dem globalen Rezessionstrend entgegenzuwirken. Die Hongkonger schauen nach vorne, lassen den Kopf nicht hängen und suchen nach neuen Dingen, mit denen sie Erfolg haben könnten. Eine Dynamik und ein Optimismus, der unheimlich anstecken kann und in den letzten zwei Jahren auf mich übergegangen ist. Zwei Jahre, die ich nicht missen möchte!
Marcel Kamlesh Singhal, 23, absolvierte in Indien seinen Anderen Dienst im Ausland bevor er nach Hongkong ging. Dort schloss er seine Ausbildung 2009 erfolgreich ab und studiert nun Sozial- und Kulturanthropologie in Berlin.
itchy feet Nr.7, Ausgabe 2010
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