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Rückblick USA High School Year
Eine prägende Erfahrung

Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten – wen reizt das nicht? Ich war gerade 17 geworden und vor mir stand das große Abenteuer in Übersee. Mit tausend Gedanken, was alles schief laufen könnte, und mit Tränen in den Augen verabschiedete ich mich im Spätsommer 2000 am Frankfurter Flughafen von meiner Familie. Ein Jahr sollte ich jetzt in einem fremden Land auf mich selbst gestellt sein. Diesen Entschluss hatte ich schon lange vorher gefasst. Heute war es so weit – doch war ich es auch? Ich war es. Nur wusste ich das an jenem Tag im August noch nicht.

Ich flog. Viele Stunden verbrachte ich hellwach vor Aufregung im Flugzeug. Ich landete unbeschadet, wurde von meiner Gastfamilie am Flughafen abgeholt, und dann ging es mit Sack und Pack in mein neues Zuhause. Die ersten Tage im kleinen El Dorado Springs in Missouri – versucht erst gar nicht, es auf einer Karte zu finden – verlebte ich in Trance. Alles kam mir so unwirklich vor und mein Heimweh war immens. Meine neue Familie beherbergte mich, nahm mich dreimal die Woche mit in die Kirche und ließ mich ständig wissen, was ich nicht tun durfte. Es wurde kaum mit mir geredet und all meine Bemühungen, mit der Familie „warm“ zu werden, scheiterten. Vorab war ich davon überzeugt gewesen, dass meine Austauschorganisation genau die Familie für mich finden würde, die zu mir passt. Aber da, wo ich mich jetzt befand, fühlte ich mich physisch wie auch psychisch überhaupt nicht wohl.

Nach fünf Wochen rief ich meinen Betreuer, den „Area Representative“, an und es wurden mehrere Gespräche geführt. Dabei stellte sich langsam, aber sicher heraus, dass ich von meiner Gastfamilie mehr als Au Pair für die drei Kinder denn als Gastschülerin betrachtet wurde. Das war nicht Sinn und Zweck meines Aufenthaltes, und das sahen letztlich auch meine Gasteltern ein. Wir entschieden gemeinsam, dass ich umziehen sollte. Sie hatten selbst erkannt, dass das Zusammenleben nicht reibungslos klappte, und wollten, dass ich ein glückliches Amerika-Jahr verlebte. Über die High School machte ich mich auf die Suche nach einer neuen Gastfamilie. Bis der Papierkram erledigt war, musste ich natürlich noch bei der Familie wohnen bleiben. Das war eine komische Situation, aber wir hatten ja alle gemerkt, dass ein Wechsel die beste Lösung sein würde.

Eine Woche später zog ich bei Orvil und Paulette ein, einem Ehepaar Mitte 50, deren drei eigene Kinder bereits verheiratet waren und außer Haus lebten. Mein Jahr in den USA hatte einen Neuanfang! Ich wurde zum „little girl“ der beiden und genoss volle Aufmerksamkeit, Herzlichkeit und Liebe von allen Seiten. Alles, was ich in den ersten Wochen verpasst hatte, wurde nachgeholt: Stadtbesichtigung, Shopping, BBQs, Football-Spiele der El Do’ High School, Movie-Nights mit jeder Menge Popcorn, Familienfeiern, Bowling, Rodeo-Shows und vieles mehr. Ich hatte ein eigenes Zimmer, dessen Tür aber immer offen stand – geschlossene Türen werden in der Regel in den USA nicht gerne gesehen – und in das ich mich zurückziehen konnte. Paulette kam oft dazu, half mir bei den Hausaufgaben, wenn ich mal nicht weiterwusste, und so saßen wir zu zweit auf meinem Bett und plauderten über alles und nichts.

Ab dem Tag meines Gastfamilienwechsels ging es mir gut. Richtig gut. Heimweh hatte ich kurzzeitig zu Weihnachten, weil ich etwas krank war und das Fest nicht so gefeiert wird, wie man das aus Deutschland kennt. Ich empfand es als viel kitschiger. Meine Gasteltern gaben sich aber alle Mühe, mich abzulenken, und „X-Mas“ wurde so doch noch etwas ganz Besonderes: Wir besuchten die älteste Tochter in Denver, Colorado, und fuhren in den Rocky Mountains Ski. Meine Freizeit nach der Schule oder an den Wochenenden verbrachte ich oft mit Orvil auf der Rinderfarm, die sein Sohn. übernommen hatte. Hier war ich mittendrin, wenn die Cowboys die Rinder von einer Weide auf die andere trieben. Reiten wie im Wilden Westen, ich kam mir vor wie im Film! Wenn ich nicht auf der Farm war, war ich mit Freunden unterwegs. Und wenn es nur zum „cruisen“ war: Straße rauf und wieder runter. Ich fand zwar irgendwann Gefallen daran, den tieferen Sinn des Herumfahrens mit dem Auto habe ich jedoch bis zum Ende meines Aufenthaltes nicht verstanden.

In der El Do’ High School gehörte ich als Junior, also Elftklässler, zu den besten Schülerinnen, ohne groß etwas dafür zu tun. Nach drei Monaten sprach ich problemlos Englisch, verstand alles und fing an, auf Englisch zu träumen und deutsche Wörter zu vergessen. Ich wurde automatisch zur Mathenachhilfe für meine amerikanischen Mitschüler, die mich zu sich nach Hause einluden, wohl auch, weil man sich gerne mit einem „German girl“ zeigte. Außerdem fanden sie es alle urkomisch, deutsche Wörter zu hören und nachzusprechen. Neben Fächern wie English, Algebra, World History und Typing belegte ich Kurse wie Art, Drama, Marriage & Family bzw. Child Development. Letzteres war ein wirklich lustiger Kurs, den sogar Jungen besuchten. Wir planten unsere eigene Hochzeit, bastelten Kinderbücher und durften eine Woche lang mit einer lebensechten Babypuppe leben. Diese hielt uns durch Vollautomatik 24 Stunden auf Trab. In der High School lernte ich viele nette Leute kennen und ganz besonders die Lehrer haben mich begeistert. Sie waren immer für einen da, wenn man nicht ganz mitkam, eine Frage hatte oder man sich einfach nur unterhalten wollte. Ein Lehrer lud mich sogar zu seiner Hochzeit ein!

Alljährlicher Höhepunkt des Schuljahres war natürlich die „Prom“, der Abschlussball. Die Vorbereitungen liefen schon ein halbes Jahr vorher an, und bei den Mitschülerinnen ging es nur noch um Kleider, Schuhe, Frisur, Mani- und Pediküre und so weiter. Ich hatte Mike an meiner Seite, der mich gefragt hatte, ob ich mit ihm zum Ball gehen wolle. Alles war völlig kitschig, aber lustig. Er holte mich ab, wir tauschten die kleinen Ansteck-Blumenbuketts aus, die wir füreinander besorgt hatten, und dann wurden wir aus allen Perspektiven von der Familie fotografiert. Nachdem Orvil meinem Begleiter noch mal ausdrücklich „you better take care of my little girl“ mit auf den Weg gegeben hatte, fuhren wir zum Essen zu einem Mexikaner. Von dort aus ging es zur festlich geschmückten High School, wo die Feier stattfand. Alles und jeder stand unter Beobachtung der Lehrer, die es sich aber nicht nehmen ließen, mitzufeiern. Wir tanzten, sangen und krönten diverse Kings und Queens. Als das Licht zu später Stunde anging, fuhr man noch zu Freunden, bei denen die Party bis morgens weiterging.

Die Monate in den USA vergingen wie im Flug. Als das Jahr vorbei war, fiel mir der Abschied natürlich sehr schwer. Ich hatte meine Eltern gebeten, mich nicht abzuholen, und das war rückblickend die goldrichtige Entscheidung. Ich verbrachte die letzten Tage mit meiner „American Family“ und genoss jede Minute. Mit dem Flug über den Atlantik trockneten die letzten Tränen, und ich konnte mich auch schon wieder auf ein Wiedersehen mit Familie und Freunden in „good old Germany“ freuen. Den gemeinsamen Besuch zusammen mit meinen Eltern holte ich im Jahr darauf nach und anschließend kamen uns Orvil und Paulette in Deutschland besuchen. Noch heute habe ich engen Kontakt zu meiner Gastfamilie, und mein Englisch ist nie drastisch schlechter geworden; den amerikanischen Dialekt hört man angeblich immer noch raus. Ich weiß jetzt, dass es einen sehr viel weiterbringt, wenn man mal den Mund aufmacht, seine Meinung sagt und Eigeninitiative zeigt. Ich bin an meine Grenzen gestoßen – so weit wäre ich nie gekommen, wenn ich diese Herausforderung nicht angenommen hätte. Ich bin sehr dankbar, dass mir meine Eltern das alles ermöglicht haben, und ich empfehle es jedem, der mich danach fragt: Geh ins Ausland und entdecke dich selbst! Lass dich überraschen, welche Erlebnisse auf dich warten!


Mona Kammeier, 26, hat ihr duales BWL-Studium mit Schwerpunkt International Business Management abgeschlossen und ist als Expansionsmanagerin eines großen internationalen Unternehmens permanent im Ausland unterwegs. Als „Returnee“ ihrer ehemaligen Austauschorganisation berichtet sie jährlich über ihre Erfahrungen in den USA.



itchy feet Nr.7, Ausgabe 2010

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