| Besser als vorher?
Nach wochenlangem Interviews führen, Transkribieren, Auswerten, Operationalisieren und Programmieren ging der Fragebogen Anfang März 2008 schließlich online und ich nach dem Drucken, Eintüten und Frankieren von 4.000 Einladungen an ehemalige Programmteilnehmer der Austauschorganisation YFU fast zu Boden. Die folgende Zeit war vor allem von einem bestimmt dem ständigen Blick auf die Statistik. Wie viele der Angeschriebenen nehmen teil? Füllen sie den Bogen auch alle bis zum Ende aus? Funktioniert alles? Sind alle angeschriebenen Jahrgänge (1998 bis 2005) vorhanden? Beim tausendsten Teilnehmer ließ ich die Sektkorken knallen; letztendlich waren es sogar 1.131 ehemalige Austauschschüler (alle: Ganzjahresprogramme), die den Onlinefragebogen vollständig ausgefüllt hatten. Dann ging es ans Eingemachte die Auswertung. Während ich manchmal vor lauter Zahlenwirrwarr nicht mehr klar denken konnte, gab es immer wieder Momente überraschender Erkenntnisse. Wer hätte beispielsweise gedacht, dass sich USA-Gastschülerinnen und Nicht-USA-Gastschülerinnen hinsichtlich der Studienwahl signifikant voneinander unterscheiden bei den männlichen Gastschülern jedoch kein gravierender Unterschied zwischen USA- und nicht USA-Schülern festzustellen ist? Aber auch längst Vermutetes schwarz auf weiß zu sehen, kann ungeahnte Befriedigung verschaffen. So bestätigten die Zahlen nicht nur, dass Mädchen wesentlich häufiger einen Schüleraustausch antreten als Jungen sie stellen nur etwa ein Drittel der Austauschschüler , sondern auch, dass die Mädchen bei der Wahl ihres Gastlandes experimentierfreudiger sind. Im Mittelpunkt der Untersuchung stand ein Thema, das schon im Wort des „Schüleraustausches“ bzw. „Austauschschülers“ vorhanden ist: die Schule. Natürlich lernt man nicht für die Schule, sondern fürs Leben, aber welche Auswirkungen ein Schüleraustauschprogramm auf die schulischen Leistungen hat, das dürfte in vielen Fällen eben doch ein ausschlaggebender Grund sein, sich für oder gegen einen solchen Auslandsaufenthalt zu entscheiden. Also ließ ich die Teilnehmer ihre Schulnoten von einem Jahr vor und von einem Jahr nach dem Austauschjahr aufschreiben. Um keine Zahlenkolonnen abfragen zu müssen, waren nur die Noten in Mathematik, Deutsch und der ersten Fremdsprache von Interesse. Bei über 90% der Befragten war Englisch erste Fremdsprache. Ein gängiges Klischee besagt, dass Austauschschüler vor allem in Mathematik nach ihrer Rückkehr große Probleme bekommen. Die Ergebnisse meiner Studie bestätigen dies jedoch nicht. Im Gegenteil: Fast ein Viertel der Befragten konnte die Mathematiknote nach dem Austauschjahr sogar verbessern; gleich blieb die Note bei 46%. Besonders beeindruckend ist hierbei, dass einigen Rückkehrern unabhängig davon, ob sie nach dem Austauschjahr in ihren alten Jahrgang zurückkehrten oder das Schuljahr „wiederholten“ teils große Notensprünge gelangen. Bei der Deutschnote bot sich ein ganz ähnliches Bild. Mit einer Verbesserung der Note in der ersten Fremdsprache hätte man wohl am ehesten gerechnet und die Studie gibt in diesem Punkt Recht. Ganze 53% der Teilnehmer an der Befragung konnten ihre Note in diesem Fach verbessern, verschlechtert haben sich lediglich 6%. Da die erste Fremdsprache bei der großen Mehrheit der Befragten Englisch war, ist es nicht verwunderlich, dass vor allem diejenigen, die ihr Austauschjahr in den USA verbrachten, in Bezug auf die Note profitieren konnten: 94% der USA-Fahrer hatten nach ihrer Rückkehr eine 1 oder 2 in der ersten Fremdsprache. Aber auch diejenigen, die sich für ein anderes Gastland als die USA entschieden hatten (davon waren nur circa zehn in einem englischsprachigen Land), erhielten in über 80% eine 1 oder 2 in der ersten Fremdsprache. Viele erzielten also gute Englischnoten, obwohl sie gar nicht in einem englischsprachigen Gastland gewesen waren. Betrachtet man die Entwicklung in allen drei untersuchten Fächern, stellt sich heraus, dass 53% der Befragten ihren Notenschnitt verbessern konnten, bei 22% blieb er gleich, bei 25% verschlechterte er sich. Auch diverse andere Daten zum Schulbesuch im Gastland und zurück in Deutschland wurden gesammelt. So wurde zum Beispiel deutlich, dass die ehemaligen Austauschschüler von der vor allem in den USA angebotenen breiten Fächerauswahl Gebrauch gemacht hatten. Von Modedesign über Culinary Arts bis hin zu Crime in America war hier alles vertreten. Sie betonten, dass ihnen das „Ausprobieren“ zunächst unbekannter Fächer für die spätere Studien- und Berufswahl immens viel gebracht hätte. Viele kombinierten die für Deutschland ungewöhnlichen Fächer mit im deutschen Lehrplan existierenden Fächern wie Englisch oder Mathematik. Etwa ein Viertel der Befragten „wiederholte“ nach der Rückkehr das Schuljahr. Statt in ihrem alten Jahrgang zu bleiben, setzten sie also ihre Schulbildung in Deutschland dort fort, wo sie sie vor dem Austauschjahr beendet hatten. Dieses „Wiederholen“ hatte ganz unterschiedliche Gründe: Bei einigen wurde es vom Bundesland oder der Schule vorgeschrieben, andere wollten sich eine Wiedereinstiegsphase gönnen, bevor sie mit der Abiturvorbereitung beginnen würden. Sie waren unsicher, ob sie das „Auslassen“ eines Schuljahres leistungsmäßig verkraften würden. Das Ergebnis der Befragung zeigt, dass sich die „Wiederholer“ in ihren Leistungen noch mehr verbessern konnten als die „Nicht-Wiederholer“, die in ihre alte Jahrgangsstufe zurückgekehrt waren. Obwohl der Einfluss des Austauschjahres auf die berufl ichen Möglichkeiten von den Teilnehmern an der Befragung im Durchschnitt als sehr groß (Skala 0 bis 5; Mittelwert: 4,3) eingeschätzt wird, ist „Lebenslauf- bzw. Karriereoptimierung“ bei sehr wenigen der ausschlaggebende Grund für das Austauschjahr gewesen. Kaum jemand (1%) bereut es, diesen Schritt gewagt zu haben. Im Gegenteil: 97% der Befragten lehnen die Aussage „Ich habe es im Nachhinein bereut, ein Austauschjahr gemacht zu haben“ vehement ab. Ebenso viele würden ihren eigenen Kindern ein Austauschjahr empfehlen. Mein oben erwähntes Fernweh ist übrigens alles andere als außergewöhnlich. Etwa die Hälfte der Befragten, die die Schule bereits beendet hatten, gab an, noch einmal für mindestens zwei Monate am Stück im Ausland gewesen zu sein. Viele andere hatten Pläne, noch einmal für längere Zeit ins Ausland zu gehen. Auffallend ist, dass viele es nicht bei einem erneuten Auslandsaufenthalt belassen sie leben meist noch ein drittes, viertes oder fünftes Mal für längere Zeit in einem anderen Land, um dort zu studieren, zu arbeiten, sich weiterzubilden. Weitere interessante Ergebnisse und Zahlen der Studie gibt es unter www.yfu.de/lehrerzimmer/forschung. Lisbeth Hürter, 26, schrieb im Jahr 2008 ihre Magisterarbeit zum Thema „Entfernung schafft Klarheit die Auswirkungen eines im Ausland verbrachten Schuljahres auf die schulischen Leistungen und den weiteren Bildungsweg“. Nach dem erfolgreichen Abschluss ihres Magisterstudiums in den Fächern Soziologie, Recht und Kunst- und Medienwissenschaften arbeitet sie mittlerweile beim internationalen Kinderhilfswerk Plan International. itchy feet Nr.7, Ausgabe 2010 |
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