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Tausche norddeutsches Dorf gegen Kanada
Vom Eintauchen in eine andere Welt


Mein Schuljahr im Ausland begann mit dem Wunsch, einmal aus unserem norddeutschen 800-Seelen-Dorf herauszukommen und die Welt da draußen zu entdecken. Ich entschied mich für das Land, das nie in unseren Englischbüchern vorkam: Kanada, das flächenmäßig zweitgrößte Land der Erde und doch eins, über das wir in Deutschland recht wenig wissen. Nach den letzten vorfreudig-verunsicherten Wochen in Deutschland ging es endlich los. Nie werde ich meine Eindrücke während der ersten Fahrt durch die Prärieprovinz Manitoba, das geografische Herz des Landes, vergessen. Mit knapp 650.000km² ist Manitoba viel größer als Deutschland, dort leben aber nur circa 1,1 Millionen Menschen; davon allein etwa 650.000 in der Provinzhauptstadt Winnipeg. Kanada ist unvorstellbar groß! Meine neue Heimat für ein Jahr wurde Dauphin – mit seinen 8.000 Einwohnern eine typische nordamerikanische Prärie-Kleinstadt nördlich vom Riding Mountain National Park. Natürlich herrlich englisch ausgesprochen, deutet der Name des Ortes auf ursprünglich französische Besiedlung hin. Heute jedoch leben dort vor allem die Nachfahren ukrainischer Einwanderer, die ihre Traditionen sehr lebendig halten. Viel wichtiger als der Wohnort sind aber die Gastfamilie und die Schule, denn hier lernt man die Menschen kennen, mit denen man den Großteil seiner Zeit verbringt und die zu Freunden werden.

Meine Familie bestand aus Cheryl, einer Grundschullehrerin, meiner achtjährigen Gastschwester Ariel, Hund Kiara und Katze Cherokee. Sie leben am Stadtrand in einem kleinen einstöckigen Haus mit Garten. Meine Gastfamilie war in Zusammensetzung, Art und Alter der Familienmitglieder ganz anders als meine leibliche Familie. Ich bin froh und dankbar dafür, wie herzlich und selbstverständlich ich in ihrer Mitte aufgenommen wurde. Wir entwickelten ein großartiges Verhältnis, und ich fühlte mich dort schon bald sehr wohl, und zwar als Teil der Familie und nicht als Gast. Mit meiner kanadischen Familie erlebte ich nicht nur die Feiertage eines Jahres samt ihren Traditionen, sondern auch den ganz normalen Alltag mit seinen Haushaltspflichten und vielen Kleinigkeiten, die neu oder anders für mich waren. Die Zimmertüren blieben grundsätzlich offen; schloss ich sie anfangs, fragte Cheryl mich, ob etwas nicht in Ordnung sei. Mit Freunden zog man sich nicht sofort in sein Zimmer zurück und mit Jungs sowieso nicht! Der Fernseher lief jeden Tag stundenlang im Hintergrund. Dann war da noch der – jedoch immer tolerante – Nationalstolz der Kanadier; das Ahornblatt der Flagge war allgegenwärtig. Mit dem Auto legen Kanadier Strecken von nur einigen 100m sowie mehrstündige oder gar mehrtägige Fahrten mit der gleichen Selbstverständlichkeit zurück. Wir fuhren manchmal ins Kino nach Brandon: zwei Stunden Fahrt hin, Film schauen, etwas essen, zwei Stunden Fahrt zurück!

Meine Schultage begannen um 9 Uhr morgens mit der unvergesslichen Lautsprecherdurchsage „Good morning staff and students, today is day ... on the six day cycle. Everyone please rise for ‘O Canada’.” Auf die Nationalhymne folgten die „morning announcements“, dann hatte ich vormittags zweimal 75 Minuten Unterricht, anschließend eine Stunde Mittagspause und nachmittags noch einmal zwei Stunden bis 15:30 Uhr. Nach einem Semester wechselte man seine Fächer, die ich mir aus den vier Klassenstufen der High School zusammenstellen durfte. Pflicht waren ein Mathe- und ein Englischkurs sowie ein gesellschaftswissenschaftliches Fach. Die Auswahl war groß, was den Schwierigkeitsgrad oder die Ausrichtung der Kurse anging. Es gab sogar einen beruflichen Zweig, an dem man sich für Fächer wie Autoreparatur, Schweißen oder Frisieren und Schminken entscheiden konnte. Ich belegte einige arbeitsintensive, interessante Fächer wie Weltgeschehen, Kanadische Geschichte auf Französisch und meinen Biologiekurs, aber auch spaßige Sachen wie Darstellendes Spiel, Sport in Kombination mit Health Education und Textverarbeitung am PC. Viele Fächer waren deshalb mit viel Arbeit verbunden, weil in Kanada die mündliche Beteiligung weniger zählt und die Note, angegeben in Prozentzahlen, fast ausschließlich aus Tests und jeder Menge schriftlichen Haus- und Projektarbeiten berechnet wird. Als „PISA-Gewinner“ können sich die kanadischen Schüler auf wenige Fächer konzentrieren, und das große schriftliche Arbeitspensum stellt das selbstständige (Er-)Arbeiten in den Vordergrund.

Mehr noch als hier ist die Schule in Kanada ein sozialer Treffpunkt. Zahlreiche Sportaktivitäten und andere Angebote wie Theaterspiel, Jahrbuch, Fotografie, Musizieren in einer Band usw. füllen die Nachmittage aus und bieten jedem etwas. Die Schulen übernehmen die Angebote und Aufgaben der Vereine in Deutschland. Die Schülervertreter an meiner High School waren bestens organisiert und mit sehr viel Ernst und Elan bei der Sache. Es gab immer wieder Aktionen, zum Beispiel zu Halloween oder am Valentinstag, sowie Tage, an denen alle in den Farben der Schule gekleidet erscheinen sollten. Jeder beteiligte sich lebhaft, und insbesondere bei Spielen von Schulmannschaften – vor allem natürlich, wenn es um den Nationalsport Eishockey ging – wurde der gelebte „school spirit“ deutlich. Wer wollte, konnte sogar an einer von Schülern geleiteten kleinen Bank ein Konto eröffnen, und ich machte meinen Führerschein im Rahmen eines Schulkurses. Die Sportteams wurden sehr professionell zusammengestellt und trainiert. Um Teammitglied zu werden, musste man die „try-outs“ bestehen. Wie in Deutschland spielte ich Badminton, hatte eine großartige Saison und wurde am Ende zum „most valuable player“ gewählt.

In der Schule lernte ich viele Leute kennen, darunter auch meine späteren Freunde. Anfangs galt es, sich aus der Traube Austauschschüler zu lösen. Als „die Neue“ musste ich die Initiative ergreifen und andere ansprechen oder mich zu ihnen setzen. Zum Glück waren die meisten Mitschüler offen und gesprächig. Das stimmte zuerst euphorisch. Dennoch stellte ich im ersten Halbjahr immer wieder frustriert fest, dass ich zwar viele Leute kannte und ständig mit ihnen redete, aber Unterhaltungen liefen nie über „small talk“ hinaus. Ich hatte oft das Gefühl, mich aufdrängen zu müssen, wenn es um gemeinsame Unternehmungen ging. Mit der Zeit fiel es mir jedoch leichter, auf andere zuzugehen, und ich war sehr froh, als die merkwürdige Anfangsphase schließlich vorbei war. Es tat gut, im Badmintonteam oder bei anderen Aktivitäten Gleichgesinnte zu treffen, Humor zu beweisen und auch mal über mich selbst, zum Beispiel über meinen wohl recht ausgeprägten Akzent, lachen zu können.

Mein Jahr in Kanada wurde eigentlich immer besser. Gegen Weihnachten fühlte ich mich endgültig wohl in meiner Umgebung sowie sicher im Umgang mit der Sprache. Zudem hatte ich erste Freundschaften geschlossen. Ich bin froh, dass ich auf so wenige Probleme stieß. Ich hatte nur zwei ausgeprägtere Heimwehphasen im Dezember und Anfang Mai, die ich zum Glück mit ein wenig Verständnis und Unterstützung schnell überwinden konnte. Hinzu kam, dass ich im zweiten Halbjahr vermehrt Probleme mit dem Essen bzw. den Essgewohnheiten bekam. Fettiges oder sehr Süßes schon zum Frühstück (der Toaster darf nicht fehlen!), jeden Tag Fleisch, wenig Gemüse und viel Fastfood vertrug sich nicht gut mit meinem Magen und Appetit. Aus der Not entstand allerdings eine Tugend, da ich vermehrt für uns alle zu kochen begann.

Die Zeit verging eigentlich das ganze Jahr über schnell und ich sammelte viele einzigartige, wertvolle Erfahrungen. Ich kämpfte mich bei bis zu minus 50°C durch den kanadischen Winter, der von Oktober bis März dauerte. Auf dem Programm standen Live-Eishockey, Schneeschuhwanderungen, Snowboarden, Ski und Schneemobil fahren, rodeln, Curling sowie „tubing“, ein Freizeitspaß, bei dem man auf großen Gummireifen hinter einem Pick-up-Truck durch den Schnee gezogen wird. Mein Auslandsjahr bot mir viele großartige Möglichkeiten, Neues auszuprobieren. Ich unternahm die verschiedensten Dinge mit meiner Gastfamilie und verbrachte lustige Stunden mit den anderen Austauschschülern im Haus meiner Betreuerin. Sie hatte immer ein offenes Ohr für uns, egal, ob es um Sorgen oder Freuden des Austauschschülerdaseins ging. Viel Spaß hatte ich zudem mit meinen kanadischen Freunden: Wir spielten Bowling, schauten Filme, bummelten durch die „shopping mall“, zelteten bei Lagerfeuer am See oder trafen uns in einem der unvermeidlichen Fastfood-Restaurants. Außerdem besuchte ich ab und zu eine kirchliche Jugendgruppe, die nicht nur Bibelstunden, sondern auch allerhand Freizeitaktivitäten anbot. Die beste Zeit war der Sommer, der unaufhaltsam vorbeizog. Die Veranstaltungen rund um die „Graduation“, an denen wir Austauschschüler als „honourary grads“ teilnehmen durften, flogen geradezu vorbei. Ungefähr zwei Wochen vor meiner Rückreise wurde mir bewusst, dass es bald Abschied nehmen heißen würde. Ich musste mich dem aussichtslos erscheinenden Unterfangen widmen, ein Jahr meines Lebens in zwei Koffern und einem Handgepäckstück zu verstauen. Jedem Austauschschüler schaudert es wohl bei dem Gedanken an das „baggage weight limit“!

All die traurigen Abschiede möchte ich mir gar nicht noch einmal ins Gedächtnis rufen. Kanada ist nun weit weg, doch für mich steht fest, dass ich dieses wundervolle Land eines Tages noch einmal bereisen werde. All denen, die Lust auf ein Schuljahr im Ausland und die Möglichkeit dazu haben, kann ich nur raten, die Chance zu nutzen. Ich habe immer wieder festgestellt, dass uns ehemalige Austauschschüler eine ganz besondere Erfahrung verbindet. Später wird man nicht wieder die Gelegenheit erhalten, so tief in ein Land, seine Kultur und Lebensweise einzutauchen und Teil einer zunächst fremden Familie zu werden. Mein Auslandsjahr hat mir mehr gebracht als Vokabeln zum Angeben im Englischkurs. Ich habe vieles erlebt, gesehen und viele interessante Menschen aus aller Welt kennengelernt, die ich in meinem kleinen Dorf in Deutschland nie getroffen hätte. Ich finde, ich bin während des Jahres selbstbewusster, offener, lebenslustiger und unabhängiger geworden. An kleinen oder vielleicht auch einmal größeren Konflikten bin ich gewachsen. Ich habe ein großes Interesse an der Welt, am Reisen und an Fremdsprachen entwickelt und mich deshalb für ein Studium im Ausland entschieden.


Theresa Herrmann, 20, ist in der Gemeinde Linden in Schleswig-Holstein aufgewachsen und hat dort ihr Abitur gemacht. Seit August 2009 studiert sie Europastudien an der niederländischen Universiteit Maastricht.



itchy feet Nr.7, Ausgabe 2010

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