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Studieren und feiern in Wellington ![]() Geschafft: Ich bin im Herzen Neuseelands, des Landes der Ringe. Der grauschwarzen Ringe besser gesagt. Die zieren nämlich die Augen fast aller meiner Mitstudenten im Hörsaal. Es ist Donnerstagmorgen in Wellington, der Morgen nach Mittwochnacht und mittwochnachts ist „student night“ in allen großen Bars der Stadt. Das Nachtleben der neuseeländischen Hauptstadt verfügt über eine nahezu magnetische Anziehungskraft, der man sich nur schwer entziehen kann. Beim Balanceakt zwischen leben und lernen ist man oft in Gefahr, in kritische Schräglage zu geraten. Meine Augen versagen den Dienst im unbarmherzigen Neonlicht. Unten vor der Tafel bewegt sich eine schemenhafte rote Gestalt. Nach angestrengtem Hinsehen erkenne ich sie als den Professor. Er trägt wieder sein rotes Baseball-Cap, perfekt harmonierend mit dem rot-weiß karierten Pullunder und den 80er-Jahre-Damenjeans. In dieser Aufmachung fällt es mir recht schwer, seiner Vorlesung über Thomas Hobbes zu folgen, statt von dem hypnotischen Farbenspiel hoffnungslos in Trance abzudriften. „Hast Du den Essay über Anarchismus schon angefangen?“, fragt der Neuseeländer Edmund neben mir. Glücklicherweise ja, denn er ist am nächsten Tag fällig. „Ich muss heute auch mal damit beginnen, verdammt“, bemerkt er leidend. Das Studium in Politikwissenschaft und Internationalen Beziehungen ist nämlich nicht ohne: Anstatt über die Prüfungen am Ende jedes Semesters erfolgt die Bewertung hauptsächlich über Essays und Tests innerhalb des laufenden Studienhalbjahres. So hat man zusätzlich zu den umfangreichen Lektüren alle zwei bis drei Wochen mindestens einen Essay abzuliefern. Dies ist zwar gut machbar solange man sich seine Zeit einteilt, steht jedoch in krassem Gegensatz zum oft betont entspannten Lebensstil der Neuseeländer, die für jede Lebenslage immer ein beruhigendes „No worries, mate!“ auf den Lippen haben. Im Gespräch mit den Professoren merkt man aber sofort, dass man im Südpazifik statt an der Süderelbe studiert. Die Atmosphäre in den Vorlesungen und im Umgang mit einander ist angenehm persönlich und ungezwungen. Grundsätzlich redet man sich mit Vornamen an und die Professoren empfangen Studenten bereitwillig und auch unangemeldet zu Gesprächen unter vier Augen in ihren Büros. Die Vorlesung neigt sich dem Ende zu und war so interessant, dass ich schließlich doch den Schleier der letzten Nacht durchdringen konnte. Lernen macht hungrig und in der Pause gehen wir ins Studentencafé, das einen grandiosen Blick über die Wellingtoner Bucht bietet. Wir gönnen uns einen typisch englischen Snack, eine Pie, in der Konsistenz am ehesten vergleichbar mit würzigem Hundefutter umhüllt von Blätterteig. Nebenan trinken andere Studenten bereits das erste Bier, vermutlich, um die Nachwirkungen der letzten Nacht zu bekämpfen. Immerhin ist Donnerstag, also fast Freitag und dann beginnt ja wieder das Wochenende. Im kolossal hässlichen Innenhof des Hauptcampus der Victoria Universität, dem Kelburn Campus, wohnen Studenten gerade in einer Kommune aus selbst gebauten Papphäusern, um so gegen die diesjährig wieder einmal um 5% steigenden Studiengebühren zu protestieren. Dazwischen gibt es zu den Klängen Wer naindischer Musik veganes Essen der Hare-Krishna- Bewegung. Im Angesicht der trostlosen Alternativen findet dieses reißenden Absatz, vor allem bei den alteingesessenen Wellingtoner Studen ten. In ihren alten Anzügen und wallenden Kleidern leben viele wie in einem Hippie-Traum der 70er Jahre, inklusive freier Liebe und der einen oder anderen bewusstseinserweiternden Substanz. Die neuseeländischen Studenten bilden sowieso eine recht eingeschworene Gemeinschaft, Gespräche gehen oft nicht über das unvermeidliche „Where are you from?“ und darauf folgend die unsichere Frage „How do you like New Zealand?“ hinaus. Verwundert stelle ich nach den ersten Monaten fest, dass praktisch alle meiner neuen Bekanntschaften auch aus Nordeuropa kommen. Doch während einer Studienreise nach China in den Semesterferien knüpfe ich die ersten engeren Kontakte zu neuseeländischen Studierenden und bin bald danach in das lokale Studentenleben integriert. Erst da beginne ich zu schätzen, was Wellington so besonders macht: die grandiosen Privatpartys in alten Kolonialzeitvillen. Die große Liebe der Wellingtoner sind Mottoparties. Eine solche Party sieht dann zum Beispiel so aus, dass ein als Thomas Jefferson verkleideter DJ vor einer wogenden Menge von als „dead celebrities“ verkleideten Studenten deutsche Elektromusik auflegt. Um wirklich in Wellington anzukommen, sollte man sich für ein ganzes Studienjahr einschreiben. Viele Austauschstudenten kommen oft bloß für ein Semester und bleiben, frustriert von der Kontaktscheue der Neuseeländer, dann fast nur unter sich. Dies muss nicht unbedingt schlecht sein, denn dank der Popularität Neuseelands trifft man wirklich Leute aus aller Welt. Vor allem die Studenten aus dem asiatischen Raum, welche einen Großteil der internationalen Studenten an der Victoria University ausmachen, führen jedoch in den überschaubaren Räumlichkeiten der Studenten wohnheime, den Vorlesungssälen und der Universitätsbibliothek ein regelrechtes Paralleldasein. Die Herkunftsverhältnisse der Studenten spiegeln den demografischen Wandel des Landes wieder: Der europäische Bevölkerungsanteil ist rückläufig, während die Ureinwohner des Landes, die Maori, sowie zugewanderte Asiaten stetig mehr werden. Gerade für ein Studium der Politikwissenschaften ist Neuseeland deshalb hochinteressant. Nach der Loslösung von der Kolonialmutter England ist das Land praktisch ohne eigene Geschichte und Identität. Die alt eingesessenen Europäer beharren auf ihrer Lebensweise als „Leitkultur“, während sich die Regierung zunehmend in Richtung Asien orientiert. Am eigenen Leibe erfährt man diese Entwicklung, sobald man nicht bei McDonalds oder Burger King essen geht. Die Wahl fällt dann oft auf eines der asiatischen Schnellrestaurants, welche übrigens exzellent und billig sind. Wellington hat im Verhältnis zu seiner Bevölkerung bezeichnenderweise die größte Anzahl malaysischer Restaurants aller Städte außerhalb des Herkunftslandes. Darüber hinaus gibt es an praktisch jeder Straßenecke indische Restaurants. Europäische Küche hingegen ist rar gesät und gilt als exotische Delikatesse. Für eine typische Pizza, belegt mit Wiener Würstchen, Cheddar Käse und Barbecuesauce, zahlt man leicht zwanzig Dollar und mehr. In einem der besten Vertreter der zuerst genannten Kategorie, dem malay sischen Satay Kingdom, schlinge ich nach dem anstrengenden Tag meinen Bratnudelberg hinunter. Zusammen mit Wolf, einem Psychologiestudenten aus München und Anja, einer norwegischen Studentin der Development Studies, genieße ich die Nachmittagssonne. Ausnahmsweise geht das heute, ohne von heftigen Windböen Staubwolken in die Augen gepustet zu bekommen. Wind gehört normalerweise zu Wellington wie Wasser zu Venedig. Von der nebenan liegenden Cuba Street wehen die sanften Gitarrenklänge eines samoanischen Straßenmusikers herüber, welche sich mit dem „Hard-Folk“ aus einem Irish Pub vermischen. Da klingelt das Handy. Es ist Maurice, ein Philosophiestudent aus Zimbabwe und er erzählt von einer riesigen Beatnik-Mottoparty heute Abend. Das klingt verlockend, doch Samstag ist auch ein großer Test in Anthropologie... Das Wandeln auf dem schmalen Grat geht in die nächste Runde. Lennart Maschmeyer, 24, studiert Politik und verbringt zurzeit ein weiteres Semester als Gaststudent, diesmal in Singapur. itchy feet Nr.6, Ausgabe 2009 |
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