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Ik ben student in Amsterdam
Ein Einblick in meine kleine Studienwelt



Lebendig, bunt, international und doch gemütlich – das ist nach fast einem Jahr mein Eindruck von Amsterdam. Ich studiere an der Universiteit van Amsterdam (UvA) im Master-Studiengang Social Theory and Public Affairs. Gebracht haben mir die letzten Monate eine wirklich gute akademische Ausbildung, Freunde fürs Leben und jede Menge unbezahlbarer Erinnerungen. Hier ein Einblick in meine kleine Studienwelt: Die UvA ist keine Campus-Universtität sondern hat ihre Fakultäten über die ganze Stadt verteilt. Meine, die ISHSS, liegt ganz in der Nähe des Hauptbahnhofs und befindet sich in einem der wenigen modernen Neubauten. Sonst findet man seine Hörsäle vielfach in schönen alten Gebäuden, manchmal sogar mit Blick auf Grachten.

Im Gegensatz zum Hauptstudium in Deutschland ist die eigentliche Präsenzzeit an der UvA gering. Erwartet wird dafür ein hohes Maß an Eigenleistung und viel Arbeit im Selbststudium: hohes Lesepensum, Hausarbeiten, Tests und Präsentationen. Falls man dann doch einmal unklug geplant hat, stehen einem die Dozenten und Programmberater jederzeit mit Rat und Tat zur Seite. Durch die kleinen Kurse an der ISHSS ist die Betreuung exzellent. Einer der größten Unterschiede zwischen Deutschland und den Niederlanden ist das Notensystem. Es gibt Noten von 1 bis 10. Die besten Noten 8, 9 und 10 werden jedoch nur sehr spärlich vergeben. 8 ist somit schon eine sehr gute Note und reicht meines Wissens nach in den meisten Fällen sogar für ein Cum Laude beim Abschluss aus. Also: Die ersten niederländischen Noten bitte nicht mit den deutschen Noten gleich setzen! Bei einer 8 dürft ihr euch freuen und stolz sein!

Für europäische Studenten unter 30 betragen die Kosten für das Studium an der UvA derzeit 1.565 € pro Studienjahr. Das sind staatlich festgelegte Gebühren, zu denen eventuell noch gesonderte Programmkosten für den gewählten Studiengang hinzukommen. Falls man das Geld nicht schon vorher gespart hat, gibt es die Möglichkeit, in Raten vom niederländischen Konto abbuchen zu lassen. Mittlerweile ist es möglich, sich ein volles Studium im europäischen Ausland durch BAföG zu finanzieren. Dies ist für die Bachelor- Studenten, also die Studienanfänger, interessant. Bei bis zu zwei Gastsemestern wird das BAföG als Auslands-BAföG gezahlt: ohne Beeinträchtigung der Förderungshöchstdauer im Inland. Hierzu zählen Übernahme der Reisekosten und der Studiengebühren und ein monatlicher Förderungsbetrag der vom Einkommen der Eltern und von den eigenen Einkünften abhängt. Der neben den üblichen Nachweisen verlangte Sprachnachweis bezieht sich auf Grundkenntnisse. Den Schein kann euch ein Professor an eurer niederländischen Fakultät ausfüllen. Ein Sprachkurs vor Studienbeginn mit offizieller Bescheinigung macht das Leben in der neuen Wahlheimat natürlich leichter – vor allem von Deutschen werden in den Niederlanden zumindest rudimentäre Kenntnisse der Landessprache erwartet.

Ich selbst hatte einen Bildungskredit beantragt, durch den ich seit Studienbeginn monatlich 300 € im Monat zur Verfügung habe. Es gibt außerdem die Option, sich zu Beginn eine größere Summe auszahlen zu lassen, um erwartete Ausgaben wie Umzug und Studiengebühren abdecken zu können. Allerdings werden für dieses Darlehen Zinsen erhoben und die Rückzahlung muss – anders als beim BAföG – innerhalb von vier Jahren nach Erstauszahlung abgeschlossen sein. Als Europäer und Nicht-Erasmus-Student hat man auch die Möglichkeit, sich von den Niederlanden über „Studiefinanciering“ fördern zu lassen. Hierzu muss man in einen Bachelor- oder Master-Studiengang eingeschrieben sein und mindestens 32 Stunden im Monat in den Niederlanden arbeiten. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, hat man in der Regel Anrecht auf den Basissatz von derzeit 255 € und eine OV-Kaart, die Studenten das kostenfreie Reisen innerhalb der Niederlande ermöglicht. Der Basissatz kann aufgestockt werden, wenn man den Nachweis erbringt, dass die Eltern einen nicht finanziell unterstützen können. Das erste Jahr dieser zusätzlichen Zahlung ist ein Geschenk vom Staat. Da das Leben in Amsterdam recht teuer ist, kann man ein monatliches Darlehen aufnehmen, welches die Zahlung auf über 700 € im Monat erhöht. Weitere Informationen gibt es bei der Informatie Beheer Group: www.ib-groep.nl

Da der Wohnraum vor allem in Amsterdam ebenso begrenzt wie teuer ist, sollte man unbedingt das Angebot der Universität annehmen, sich eine Unterkunft vermitteln zu lassen. Bei Beantragung der Studentenwohnung können Präferenzen angeben werden: eigenes Appartement oder WG, eigene oder gemeinschaftlich genutzte Küche oder eigenes Bad. Normalerweise sind die Unterkünfte recht zentral zur jeweiligen Fakultät gelegen und sowohl mit dem Fahrrad als auch mit dem Bus schnell und gut zu erreichen. Die von der Hochschule vergebenen Wohnungen sind allerdings so genannte „Short Stay Facilities“, was bedeutet, dass man hier maximal ein Jahr lang wohnen kann. Falls man plant, länger zu studieren, sollte man sich daher schnellstmöglich bei der nationalen Studentenwohnungsseite www.studentenwoningweb.nl für klug ausgegebene 40 € registrieren lassen – die spätere Wohnungsvergabe erfolgt nämlich nach Einschreibedauer. Studentenwohnungen werden von DeKey, Duwo und Ymere angeboten. Solltet ihr auf dem freien Markt suchen müssen, dann fangt früh an: Die Preise sind höher, das Angebot knapp. Aber mit etwas Glück kann man auch so ein schönes bezahlbares Zimmer in einer WG finden.

Die Fortbewegung erfolgt in Amsterdam fast ausschließlich mit dem Fahrrad. Das ist nämlich nicht nur billiger, sondern oft auch schneller als Bus fahren. Bei schönem Wetter sollte man sich sofort aufs „Fiets“ schwingen, um einen Platz an einer der Grachten zu ergattern. Besonders schöne Cafés findet man im Jordaan entlang der Prinsengracht. Niederländer haben übrigens ein anderes Verständnis von schönem Wetter: ein frohes „Lekker weer!“ – also „schönes Wetter“ – bezieht sich auf einen grauen, aber regenfreien Tag. Sollte sich die Sonne ab und zu zeigen, dann ist das schon „Heel lekker weer!“ – „sehr schönes Wetter“. „Gezellig“ sein ist in Holland ganz wichtig und da alleine Kaffee trinken auf die Dauer nicht allzu „gezellig“ ist, steht das Kontakteknüpfen zunächst einmal an erster Stelle: Das internationale Studentennetzwerk ISN organisiert zweimal im Jahr ein Einführungs- und Kennenlernwochenende. Um zu quatschen oder zu tanzen trifft man sich nach diesem Wochende jeden Dienstagabend auf ein oder mehrere Heineken. Zusätzlich steht einem der in der Einführungswoche zugeteilte Coach während des Semesters mit Tipps zur Seite.

Amsterdam selbst sprüht vor Leben und hat wesentlich mehr zu bieten als die berühmtberüchtigten Sehenswürdigkeiten Rotlichtviertel und Coffee-Shops. Neben zahlreichen Musik-, Film- und Tanzfestivals gibt es über die Stadt verteilt eine riesige Auswahl an Museen und Ausstellungen. Falls irgendwie möglich, solltet ihr zumindest einmal im April in Amsterdam sein. Dann wird der „Koninginnedag“ zu Ehren des Geburtstags der verstorbenen Königin Juliana gefeiert. Am 30. April wird ganz Amsterdam zur orangefarbenen Partyzone. Überdimensionale Sonnenbrillen, riesige Hüte, Perrücken, T-Shirts, Federboas, Miss-Holland- Haarreifen – alles in orange. Noordermarkt, Museumsplein, Leidseplein und Jordaan verwandeln sich schon in der Nacht vorher in Konzertbühnen und alle Clubs der Stadt sind restlos ausverkauft. Da Amsterdam dank zahlreicher nationaler und internationaler Besucher aus allen Nähten platzt, sollte man sein Rad zu Hause lassen und weder auf Busse noch auf Züge zählen. Selbst zu Fuß kommt man nur sehr, sehr langsam voran. Macht bloß nicht den Fehler, den ich dieses Jahr gemacht habe: Geht mit euren Freunden feiern, aber verliert sie bloß nicht! Die Handyleitungen sind so überlastet, dass Telefonate unmöglich sind und SMS mit dem Treffpunkt Stunden später ankommen – falls überhaupt. Vielleicht sieht man sich ja in Amsterdam. Tot straks!


Angelina Rauber, 25, hat ihren Master of Social Theory and Public Affairs an der Universiteit van Amsterdam erworben und plant, Arbeitserfahrung im Ausland zu sammeln. Zwischen 2005 und Anfang 2007 gestaltete sie als studentische Hilfs kraft dieses Magazin mit.



itchy feet Nr.6, Ausgabe 2009

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