| Begegnung mit dem amerikanischen Studienalltag
Angekommen in Chicago ist die Freude und die Spannung gleichermaßen groß und allerlei Fragen warten darauf, beantwortet zu werden. Wie sind Uni, Leute, Sprache, Wohnheim und vor allem meine Mitbewohnerin, die sich mit mir ein Zimmer teilen wird? Bis jetzt schwirrt mir nur das typische Klischee der oberflächlichen, immer freundlichen Amerikaner im Kopf herum. Werde ich mich hier überhaupt wohl fühlen? Oder wird mich dieser „Way of Life“ einfach nur langweilen? Fragen, auf die sich sehr bald Antworten finden würden. Erstmal geht es ab in die über eine Million Einwohner große „Kleinstadt“ am Lake Michigan. Das Abenteuer kann beginnen. Die ersten zwei Wochen fühlen sich wirklich an wie Urlaub. Temperaturen über 30°C, Sonne pur und ein See, der aussieht wie das Meer und dazu noch das passende Hotel. Zumindest wirkt die Lobby unseres Studentenwohnheims so und auch über die Zimmer können wir uns nicht beklagen. Wir? Ach ja, die ersten Tage verbringe ich mit anderen Austauschstudenten. Bevor die amerikanischen Studenten eintreffen und das Semester beginnt, haben wir noch ein wenig Zeit, die Gegend zu erkunden. Ein wenig hilflos zu Beginn, finden wir bald heraus, wo es langgeht. Downtown, der Lake, Restaurants, Bars, Clubs, Malls, nichts ist vor uns sicher. Schnell werden uns einige Dinge klar. Erstens: Nimm dir immer eine dünne Jacke mit, wenn du im Sommer shoppen gehst, selbst bei 30°C im Schatten. Warum? Wegen der Klimaanlagen, die es in allen Geschäften gibt. Die sind nämlich so eingestellt, dass es drinnen gefühlte 15°C kälter ist als draußen. Zweitens: Burger schmecken um 4 Uhr morgens am besten. Allerdings ist das Essen beim gleichen Diner nicht ganz so lecker, isst man dort mittags. Drittens: Nutze die 24-Stunden- Öffnungszeiten und kaufe Lebensmittel nachts, dann ist es am lustigsten, obwohl es wider Erwarten genauso voll ist wie nachmittags um drei. Viertens: Alkohol trinkt man besser nicht in der Öffentlichkeit, es sei denn man hat zuviel Geld und wollte schon immer mal einen amerikanischen Polizisten kennen lernen. Fünftens: Wenn du deutsches Bier magst, trinke in den USA keins. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Wir, mittlerweile etwa zwanzig Austauschstudenten aus der ganzen Welt, genießen die erste Zeit in einem Studentenwohnheim, das eigentlich für mehrere tausend Studenten angelegt ist. Überall hört man ein Sprachenwirrwarr und nach und nach entwickelt sich sogar eine eigene Sprache. Spanglish ist da noch gar kein Ausdruck! Richtig voll und laut wird es am letzten Wochenende vor Semesterbeginn. Es wimmelt nur so von amerikanischen Studenten und deren Eltern. Der Aufzug ist ständig besetzt und das große Einziehen beginnt. Und was ist mit uns? Anfangs wünschen wir uns unser leeres Wohnheim zurück. Doch als „Thanksgiving“ vor der Tür steht und fast alle Einheimischen anlässlich des wichtigsten Familienfests der USA nach Hause fahren, wünschen wir sie uns wieder her. Das Studentenwohnheim scheint wie ausgestorben. Keine schmatzenden Menschen in der Cafeteria, keine Essensreste auf dem Boden, keine laute Musik auf den Gängen, kein Lärm nachts, keine gemeinschaftlichen Abendplanungen am Wochenende, keine lustigen Partygeschichten von den Mitbewohnern. Mir sind meine fünf Mädels in meinem Appartement ganz schön ans Herz gewachsen. Zwar sind sie alle ein paar Jahre jünger, doch nicht weniger sympathisch und lustig. Einst Einzelkind, fühle ich mich jetzt als ob ich fünf jüngere Schwestern hätte. Meine anfänglichen Bedenken waren völlig unbegründet. Ich habe mich richtig in Land und Leute, die Stadt, das Wetter und die Hochschule verliebt. Die Universität bringt zwar viel Arbeit aber auch eine ganz neue, interessante Lernweise mit sich. Zu Beginn bereitet mir das Stichwort „kontinuierliches Lernen“ noch Gänsehaut, schließlich sind wir hier in Deutschland eher die „Ich-hammer-mir-kurz-vor-Ende-des-Semesters-noch-schnell-alles-für-dieentscheidende-Klausur-rein-und-mache-vorher-fast-gar-nichts-bis-auf-die-Stärkung-meiner-sozialen-Kompetenz“-Methode gewohnt. Doch gegen Ende muss ich einsehen, dass das amerikanische System seine Vorteile hat und gar nicht so Furcht einflößend ist, wie man anfangs denkt. Anders als in Deutschland bin ich hier keine siebenstellige Matrikelnummer, sondern eine reelle Person mit Gesicht und Namen. Das Lernen in kleinen Gruppen von circa 30 bis 40 Studenten ist richtig angenehm. Es ist ein bisschen so, als ob man eine Zeitreise zurück in die Schule macht, mit dem kleinen Unterschied, dass man nicht mehr als unreifer Teenager, sondern als selbstständiger Studierender angesehen wird. Aktive Teilnahme am Unterricht ist hier wie einst sehr erwünscht und auch sehr ratsam, da die Note für die mündliche Mitarbeit zu einem bestimmten Prozentsatz in die Endnote einfließt. In einem Raum voller Muttersprachler in einer Fremdsprache seinen Beitrag zum Unterricht leisten zu sollen, stellt definitiv eine Hürde dar, doch das gibt sich spätestens nach dem ersten Referat. Um einen Kurs zu bestehen, muss man nicht nur eine Abschlussklausur am Ende des Semesters mitschreiben. Weitere Anforderungen sind: Tests, Gruppenarbeiten, Referate, schriftliche Ausarbeitungen, Essays oder „Case Studies“. Am Anfang des Semesters stellt der Dozent seine ganz persönliche Kombination aus diesen Möglichkeiten zusammen und präsentiert sie seinen zukünftigen Studenten, die darüber fast so erfreut sind wie er. Die Betonung liegt hierbei auf „fast“. Beim wilden Kombinationsspiel des Lehrenden kann nämlich eine sehr aufregende Anforderungspalette entstehen, wie das folgende Beispiel zeigt: zwölf Tests, zwei Klausuren, ein Referat mit schriftlicher Ausarbeitung und eine Gruppenarbeit mit zehnseitigem „Business Plan“. Das alles für einen von insgesamt vier Kursen so viel zum Thema Begeisterung. Klar, dass wir deutsche Studenten anfangs geschockt sind. Doch jetzt muss ich ehrlich gestehen, dass es so schlimm nicht ist. Der Arbeitsumfang ist zwar bei Weitem größer als während meiner deutschen Semester, aber dafür werden alle Leistungen über das Semester verteilt erbracht und in Bezug auf das Niveau ist es für uns deutsche Studenten oft einfacher als in der Heimat. Wenn es Probleme gibt, kann man jederzeit mit seinen Dozenten sprechen. Durch die geringe Teilnehmerzahl der Kurse, ist der „instructor“ bereit, Hilfestellung zu leisten und sogar froh, wenn Studenten Vertrauen zeigen und mit ihren Anliegen zu ihm kommen. Steht dann doch einmal ein Kurs auf der Kippe, wird gemeinsam nach einer Lösung gesucht und das Zauberwort heißt meist „extra credit“. Mit kleinen Sonderaufgaben können Studenten ihre Noten ein bisschen verschönern und so auch gefährdete Kurse doch noch bestehen. Es gibt also keinen Grund zur Sorge, ganz im Gegenteil. Die guten Arbeitsbedingungen ermöglichen es mir, richtig gute Noten zu schreiben. Ein Hoch auf das amerikanische Studiensystem. Nicht nur in Bezug auf den Universitätsalltag schleicht sich eine gewisse „Amerikanisierung“ bei mir ein. Ich fange an, mich nicht mehr über das labberige Brot zu beklagen, Scheiblettenkäse ist plötzlich sehr lecker, Countrymusic klingt gar nicht mehr so schlecht, fast jeden Morgen gibt es einen „Coffee-to-go“, mein Lieblingsgetränk ist Himbeer-Wodka mit Preiselbeersaft und ich habe mir ein Glätteisen gekauft. Es ist eingetreten, was ich mir vor ein paar Monaten nie hätte träumen lassen und ich bin froh darüber. Bei dem Gedanken all die lieben Menschen, die ich kennen gelernt habe, in Kürze nur noch mehrere tausend Kilometer entfernt zu wissen, fällt der Abschied schwer. Ein Gutes hat es: Ich werde immer einen Grund haben, auf Reisen zu gehen und das Wiedersehen ist umso schöner. Mein Fazit: Eine spontane Entscheidung, die sich definitiv gelohnt hat! Laura Jax, 21, ist Studentin der Angewandten Fremdsprachen und Wirtschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen. Ihr Hauptfach ist Englisch. itchy feet Nr.6, Ausgabe 2009 |
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