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Trommeln, viel Olivenöl und Sesamstraße
Erasmus-Zeit im internationalen Granada

Ich wache von einem dumpfen Klopfen auf. Rhythmisches, dumpfes Klopfen. Der Blick auf mein Handy sagt mir: Es ist halb vier morgens. Ich überlege benommen, ob dumpfe Schläge in meiner Wohnung ein Grund zur Sorge sind. Die Erfahrung von zwei Monaten in meiner spanischen WG gibt die Antwort: nein! Mir fällt ein, dass meine Mitbewohnerin sich heute eine Trommel gekauft hat. Halb vier am Morgen ist keine Zeit, die in Granada jemanden daran hindert, zu trommeln. Mir fällt ein Artikel ein, den ein Freund mir vor meiner Abreise nach Spanien gezeigt hat. Darin erzählte eine Studentin von ihrem Sprachkurs in Andalusien. Land und Leute sind ihr in erster Linie als laut in Erinnerung geblieben. Ich überlege, ob ich meiner Mitbewohnerin sagen soll, dass sie bitte auf der Straße trommeln möchte. Die WG-Erfahrung in Granada lehrt aber nicht nur, dass nächtliches Trommeln kein Grund zur Verwunderung ist, sie beweist außerdem, dass ich mir das Aufstehen sparen kann, weil es am Geräuschpegel nichts ändern würde. Koki würde vielleicht aufhören zu trommeln, aber dann würde sie, weil es ja dann so still wäre, Musik anmachen oder singen oder beides. Ich suche meine Ohrstöpsel und schlafe wieder ein.

In den ersten Monaten ist das Leben in Spanien in erster Linie körperlich anstrengend. Wenn ich mit meinen Mitbewohnerinnen tanzen gehe, trennen sich morgens um halb sechs unsere Wege, da ich – kurz vorm Umfallen – nach Hause wanke und sie fröhlich die nächste Disco suchen, die für diese Nacht noch nicht die letzte sein wird. Außerdem ist es hin und wieder ein bisschen schwierig, dass ich mir ausgerechnet Andalusien zum Studieren ausgesucht habe. Hier sprechen die Menschen einen Dialekt, der sich hauptsächlich dadurch auszeichnet, dass keine Konsonanten gesprochen werden. Hin und wieder schleicht sich ein „t“ in die Aussprache ein, aber das ist selten. Bei „taueo!“ kann ich nur dem Kontext entnehmen, dass wohl „Hasta luego!“ gemeint ist. Neun Monate lang schaffe ich es nicht, meine Mitbewohnerinnen ohne Probleme zu verstehen. Das mag allerdings auch daran liegen, dass wir nicht viel miteinander sprechen – schließlich schlafen sie, wenn ich wach bin, weil sie getrommelt haben, als ich schlafen wollte. Neben dem Andalú vermischen sich in Granada viele andere Sprachen zu einem Sprachengewirr, das in erster Linie beweist, dass Spanien tatsächlich das Erasmus-Land Nummer eins ist. Unzählige Deutsche, Franzosen, Italiener, Polen, Österreicher, Tschechen und Briten, aber auch Studenten aus Nordamerika, versuchen, sich verständlich zu machen. Dies scheint in der Regel zu klappen. Ein Amerikaner, der zu seinem Vermieter „Wir mögen einander – das Licht“ anstatt „Uns gefällt die Lampe“ sagt, kann diesen Eindruck zwar temporär zum Wanken bringen, aber nicht völlig zerstören.

Die Grundregeln der granadinisch-andalusischen Kultur und damit verbunden der sprachlichen Eigenheiten lernt jeder Austauschstudent schnell: Es dauert keine Woche, bis auch wirklich jeder – selbst unser Freund mit der Lampe – für sich „una cana“, ein kleines Bier, oder „un tuvo“, ein großes Bier, bestellen kann. Statt des Biers gern auch „tinto de verano“, Rotwein mit Limonade. Dazu gibt es eine Tapa gratis. Jede Bar hat ihre eigene Spezialität: Brot mit Schinken, Paella, kleine Hamburger, Mini-Döner, Fischsuppe, Ofenkartoffeln, Nudelsalat oder „patatas bravas“. Wir haben es ausprobiert: Zwei Semester reichen nicht aus, um alle Lokale zu testen. Jedenfalls nicht, wenn das Abendessen nur an drei Tagen der Woche aus Tapas besteht. Wenn ich zu Hause mit meinen Mitbewohnerinnen esse, stelle ich jedes Mal wieder fest, dass es die „leichte mediterrane Küche“, propagiert von jeder deutschen Frauenzeitschrift, nicht gibt. Jedenfalls nicht in Spanien. Die Grundregel lautet: frittiere, was sich frittieren lässt. Anbraten, dünsten oder grillen von Fleisch, Fisch oder Gemüse sind out. Meine WG verbraucht in einer Woche so viel Olivenöl wie ich in Deutschland in einem Semester. Aber mit meiner WG habe ich ohnehin nicht allzu viel zu tun. Dass wir unterschiedliche Schlaf-Wach-Rhythmen haben, hatte ich ja bereits erwähnt. Zudem bin ich regelmäßig in der Universität, was nur eine meiner drei Mitbewohnerinnen ebenfalls von sich behaupten kann.

In meiner Fakultät sind leider nicht viele Spanier anzutreffen. Das kann allerdings daran liegen, dass die armen Spanier unter der Flut von Gaststudenten untergehen. Wenn ich mich in Granada an der Fakultät für Politikwissenschaft umschaue, können nicht mehr viele Franzosen in Frankreich übrig sein. Das Gleiche scheint für Italien und Deutschland zu gelten. In jedem meiner Seminare gibt es mehr Ausländer als Spanier. Lediglich im Arabischkurs sitzen bloß vier Deutsche zwischen dreißig Spaniern. Ein Traum! Dabei hat kaum ein Kurs so viel Unterhaltungswert wie dieser. Eine komplett fremde Sprache in einer so gut wie fremden Sprache zu lernen, ist für mich auf jeden Fall mal etwas anderes. Wir gucken die „Sesamstraße“ auf Arabisch. Dabei lerne ich, dass „Ernie und Bert“ auf Spanisch „Epi y Blas“ heißen und die Sendung selbst „Barrio Sésamo“, also Sesamviertel. Bezeichnenderweise weiß ich die Vokabeln auf Arabisch nicht mehr. Zusätzlich erfahren wir, dass „Reise nach Jerusalem“ auf Arabisch „Das Stuhlspiel“ heißt – das ist wohl auch besser so.

In den Politikseminaren kommen wir in den Genuss des guten alten Frontalunterrichts. Um Punkt 9 Uhr fängt der Dozent an zu reden, um Punkt halb elf hört er wieder auf. Während ich zumindest am Anfang nur Bahnhof verstehe, haben meine französischen Freundinnen das ganze Seminar über Wort für Wort mitgeschrieben, was er gesagt hat. Das ist ungemein hilfreich für das Lernen am Ende des Semesters. Jede der Fragen in der Klausur hat der Dozent im Seminar schon einmal gestellt und eigens beantwortet. Eine sehr ausländerfreundliche Methode des Klausurenstellens – zumindest besteht jede von meinen Erasmus-Freundinnen ihre Seminare. Grund genug, nach den Lernphasen im Januar sowie im Juni eine Pause einzulegen und ein wenig zu reisen. Weil es uns so vorkommt oder zumindest auf der Landkarte so aussieht, als sei Marokko von Granada aus praktisch zu Fuß zu erreichen, fliegen wir hin. Vermutlich hat jeder zweite Erasmus-Student in Granada seine Wochenenden mehr oder weniger willkürlich verlängert, um ein paar Tage nach Fez, Marrakesch oder Tanger zu fahren. Wir sind zwei Tage lang in Marrakesch und einen in Casablanca und beschließen am Ende des Kurztrips, unbedingt wieder herzukommen. Daraus wird zumindest während des Austauschjahres nichts, weil neben dem Norden Afrikas noch Sevilla, Valencia, Madrid, Tarifa und Córdoba besucht werden wollen.

Es gibt aber nicht nur das Erasmus-Reise-Phänomen, sondern auch die umgekehrte Erscheinung, von der jede von uns ein Lied singen kann: Die heimischen Freunde und Verwandten müssen unbedingt die Freundin, den Freund, die Tochter, die Schwester oder die Cousine in Spanien besuchen. Das führt dazu, dass die Wohnungen von mir und meinen Freunden in Granada um Pfingsten herum aus allen Nähten platzen, weil alle Leute aus der Heimat die Idee hatten, uns zur gleichen Zeit zu besuchen. Wir zeigen unseren Freunden von zu Hause „unsere“ neue Stadt, und gehen in so viele Tapas-Bars wie möglich – das heißt in mindestens zwei am Mittag und zwei am Abend. Schnell fühlen wir uns an unsere Anfangszeit in Granada erinnert, weil unsere Freunde immer schon um 5 Uhr morgens aus der Disco nach Hause wollen oder gar nicht erst bereit sind, Verabredungen um 1 Uhr morgens wahrzunehmen.

In dieser Zeit der Besuche von zu Hause wird uns bewusst, dass unser Leben bald wieder so sein wird, wie früher, dass all das, was wir im Moment noch genießen, nicht ewig halten wird. Wir versuchen, diese Tatsache mit aller Macht aus unserer Wahrnehmung auszublenden. Wir gehen noch öfter Tapas essen, wir machen noch häufiger Picknicks am Aussichtspunkt mit dem schönsten Blick auf die mittelalterliche Stadtburg Alhambra, wir fahren zusätzlich nachmittags nach dem Seminar gleich an den Strand. Und wir weigern uns, der Mutter unserer Freundin zu glauben, die gesagt hat: „Es gibt auch noch ein Leben nach Granada!“


Teresa Peters, 23, studiert Journalistik und Politikwissenschaft an der Universität Leipzig.



itchy feet Nr.6, Ausgabe 2009

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