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Sprachschule in Neuseeland Ich glaube, nach dem Abitur weiß niemand so richtig, was er machen will und ich hatte das Gefühl, es am allerwenigsten zu wissen. Auf gar keinen Fall wollte ich mich gleich zum Wintersemester an einer x-beliebigen Universität für ein x-beliebiges Studium einschreiben. Ich hatte Fernweh und nur eins im Sinn: raus aus Deutschland und rein in die Welt. Weil es nie schaden kann, einen international anerkannten Nachweis über seine Englischkenntnisse zu besitzen, beschloss ich, das IELTS-Zertifikat zu erwerben. Im Gegensatz zum meist bekannteren TOEFL-Test basiert der IELTS-Test auf dem britischen Englisch. Die USA übten nie eine nennenswerte Faszination auf mich aus, weshalb ich mich zunächst einmal für Großbritannien entschied. Doch beim Durchsehen der Kataloge fielen mir zwei Dinge auf: der graue Himmel auf vielen der Englandfotos und das regnerischnasskalte Winterwetter, welches während meiner Reisezeit Oktober bis Februar wahrscheinlich Saison haben würde. Außerdem wurden IELTS-Vorbereitungskurse auch in sonnigeren Ländern angeboten, wie zum Beispiel in Neuseeland. Da wurde mir plötzlich klar, was ich wollte: Ich wollte nach Aotearoa, ins Land der großen weißen Wolke, um dort an einer Sprachschule einen zehnwöchigen Intensivkurs zur Vorbereitung auf mein Zertifikat zu belegen. Gesagt, getan: Der Kurs und mein Flug waren schnell gebucht und die restliche Zeit verflog beim Abschließen diverser außer europäischer Reiseversicherungen und dem sehnsüchtigen Warten auf meinen Reisepass und das dazugehörige Visum. Als mein Flugzeug vom Frankfurter Flughafen abhob, gab es trotz aller Zweifel und Befürchtungen kein Zurück mehr. Ich war unterwegs nach Christchurch, New Zealand, mit Zwischenstopp in Dubai und Sydney in 30 Stunden ganz allein an das andere Ende der Welt. Doch glücklicherweise verlief alles nach Plan: Mein Gepäck flog nicht ohne mich nach Timbuktu und ich setzte mich beim Umsteigen in Dubai nicht in den falschen Flieger. Am Flughafen Christchurch erwartete mich ein livrierter, glatzköpfiger Taxifahrer, der mich wohlbehalten zu meiner Gastmutter brachte. Melanie war sehr viel jünger als ich sie mir vorgestellt hatte, allein stehend und eher eine Art Tante oder große Schwester als eine Ersatzmama. Letzteres hatte ich mit meinen stolzen 19 Jahren schließlich auch nicht mehr nötig... Trotzdem kümmerte sie sich während der ganzen zwei Monate, die ich in ihrem kleinen Haus wohnte, liebevoll um mich. Ich wurde ihrer Familie vorgestellt und von allen mit offenen Armen empfangen. Wie ich in der Sprachschule erfuhr, hatten leider nicht alle so viel Glück mit ihrer „homestay“-Platzierung wie ich. An meinem ersten Tag kam ich natürlich zu spät zur Sprachschule. Es war nicht meine Schuld, sondern die der neuseeländischen Haustür, die sich nur nach einem mir damals unbekannten Verfahren schließen ließ. Folglich war ich sehr nervös und aufgeregt. Doch Natalie, die gute Seele der Schule und Mädchen für alles, beruhigte mich und brachte mir sogar noch ein Glas Wasser, bevor endlich alle Neuankömmlinge vollzählig waren und mit dem Einstufungstest beginnen konnten. Zwar wusste ich, dass mein Englisch gut war, doch hatte ich nicht damit gerechnet, gleich in die höchste Klasse gesteckt zu werden. Die Schule ist recht klein und besitzt nur ungefähr fünf Klassen mit verschiedenen Niveaustufen, die wiederum aus maximal 14 Schülern bestehen. Die Atmosphäre war sehr familiär, der Unterricht konnte individuell gestaltet werden und ich fühlte mich dort bald schon wie zu Hause. Jeden Morgen um 9 Uhr begann der allgemeine Sprachunterricht, der von mehreren Pausen unterbrochen bis Viertel vor eins andauerte. Nach der Mittagspause ging es für mich und die meisten anderen mit Kommunikationsübungen oder spezifischer Examensvorbereitung weiter. Um halb vier wurden wir schließlich nach Hause entlassen, jedoch niemals ohne Hausaufgaben aufzubekommen. Das klingt nach Stress und harter Arbeit, doch für einen Lehrer wie Brad aus Johannesburg, der mit Rastalocken und Skaterhosen selbst bei schwierigen Themen immer einen Witz und ein aufmunterndes Lächeln auf den Lippen hatte, stand sogar ich morgens gerne auf. Bei ihm hörten wir Nachrichten im neuseeländischen Radio und Rocksongs, deren Texte wir ergänzen sollten. Wir büffelten Grammatik, übten das Verfassen von Texten, erzählten uns gegenseitig von unserer jeweiligen Heimat und den dortigen Bräuchen und machten Konversation zu den unterschiedlichsten Themen. Obwohl es in den Morgenstunden sehr viel lockerer zuging als ich es vom Englischunterricht in meiner deutschen Schule gewohnt war, habe ich doch noch nie so viel über eine Sprache gelernt wie bei diesem Lehrer. Ein anderer Wind wehte nachmittags im IELTS-Vorbereitungskurs. Bei Lauren, der zierlichen Amerikanerin mit der ganz untypischen Vorliebe für schweres Sauerteigbrot und dem schönsten Staatenakzent, den ich je gehört habe, hatte man sich zu benehmen. Was nicht hieß, dass sie keinen Spaß verstand, nein, aber wir arbeiteten konsequent und letztendlich sehr erfolgreich auf unser aller Ziel hin: den IELTS-Test mit möglichst hoher Punktzahl zu bestehen. Meine Prüfungen fanden Anfang Dezember an der Lincoln University statt und dank Laurens systematischer Vorbereitung erreichte ich die Traumnote 8.5 von 9. Zusammen mit der kleinen Feier, die für jeden Schüler abgehalten wird, der die Sprachschule verlässt, bildete dieses Ergebnis den krönenden Abschluss meines Sprachkurses. Ein möglichst geringer Anteil deutschsprachiger Schüler war bei der Entscheidung für diese Schule für mich ein wichtiger Aspekt gewesen. Schließlich lernt man eine Fremdsprache am besten, indem man sie spricht. In der Tat waren an meiner Sprachschule nur wenige Deutsche anzutreffen. Die Zahl der Schüler aus dem asiatischen Raum dagegen war immens. Generell trifft man in Neuseeland auf sehr viele Koreaner und Japaner, die sich dort niederlassen wollen und dazu passable Sprachkenntnisse benötigen. In meiner Schule waren Spanier und Südamerikaner, ein kleines Grüppchen Europäer verschiedener Nationalitäten sowie einige Araber in der Minderheit. Die „English only“-Regelung während des Unterrichts und der Pausen sowie bei außerschulischen Veranstaltungen stellte kein größeres Problem dar, denn jeder versuchte seinen Horizont zu erweitern und andere Kulturen kennen zu lernen. Untereinander kam man schnell in Kontakt und nach Schulschluss ging es nicht selten gemeinsam in den nächsten Pub oder am Wochenende zum Wellenreiten an den Strand von New Brighton, wo der azurblaue Pazifik lockte. Überhaupt kann es Outdoorfreaks in Neuseeland nie langweilig werden, so viel gibt es zu sehen und zu erleben. Die Natur ist einfach traumhaft schön, stellenweise fast schon unwirklich. Ich hatte mehr als einmal das Gefühl, im nächsten Moment Elben und Hobbits begegnen zu müssen. Da ist leicht nachvollziehbar, dass der liebste Volkssport der Kiwis das „tramping“ ist, bekommt man doch nur beim Wandern die Möglichkeit, die Landschaft in ihrer ganzen Vielfalt zu erfahren. Straßen gibt es nicht viele in Neuseeland, von Autobahnen einmal ganz abgesehen. Deshalb haben sich die Bewohner andere Fortbewegungs- und Sportmöglichkeiten erschlossen und sind beim Radeln, Paddeln, Segeln, Rennen und Fliegen extrem wettbewerbsorientiert. Legendär ist der jährlich stattfindende „Coast to Coast“, eine Art Triathlon, bei dem die Athleten laufender, paddelnder und radelnder Weise in zwei Tagen die Southern Alps überqueren. Ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen, denn die Southern Alps sind keine sanften grünen Hügelchen, sondern ausgewachsene Berge und durchaus vergleichbar mit unseren europäischen Alpen. In meinen knapp fünf Monaten Down Under habe ich festgestellt, dass in Neuseeland die Uhren ein wenig anders ticken als im Rest der Welt, den man auf diesen beiden kleinen Inseln mitten im Südpazifik ganz schnell vergessen kann. Die Kiwis sind außerordentlich gastfreundlich, hilfsbereit und aufgeschlossen gegenüber fremden Kulturen. In ihrer Mitte fühlt man sich gleich ein wenig wie zu Hause. Ich habe nach meinem Sprachkurs noch zwei Monate lang das Land bereist, dort eine wunderbare Zeit verbracht und auch über mich selbst viel gelernt. Ich habe viele verschiedene Menschen kennen gelernt, mit denen ich teilweise noch in Kontakt stehe, mein Englisch kann sich mittlerweile wirklich hören lassen und vielleicht bin ich sogar ein wenig erwachsen geworden. Und eines Tages, wenn mich die Sehnsucht packt, setze ich mich in ein Flugzeug und fliege noch einmal in 30 Stunden an das andere Ende der Welt... Simone Schlecht, 20, hat nach ihrer Rückkehr zunächst als Nachhilfelehrkraft gearbeitet und ein Praktikum absolviert. Nun studiert sie Pharmazie. itchy feet Nr.6, Ausgabe 2009 |
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