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Ein unerwarteter Höhenflug in England
Sprachferien im College


Eines Abends fragte mich mein Vater, ob ich mir vorstellen könnte, in meinen Sommerferien für drei Wochen in England einen Sprachkurs zu belegen. Ich stimmte spontan zu und schaute mir die von ihm vorgeschlagene Sprachschule, ein englisches College, im Internet an. Die Entscheidung war schnell gefallen – ich würde dort einen Teil meiner Ferien verbringen. Als ich am Flughafen in London Heathrow ankam, wurde ich von einem Betreuer abgeholt und zu einem Sammelpunkt gebracht, an dem sich schon einige Schüler aus anderen Ländern eingefunden hatten. Als Erstes traf ich ein Mädchen aus Norwegen, das so wie ich, auch drei Wochen im College bleiben wollte. Nachdem wir ein paar Stunden auf dem Flughafen gewartet hatten bis alle eingetroffen waren, wurden wir in einen Kleinbus verfrachtet und zum College gefahren. Dort erwarteten uns die anderen Schüler und begrüßten uns herzlich. Mir wurde mein Zimmer gezeigt, in dem ich auch sofort einen meiner Mitbewohner traf. Es war Filip aus Polen. Als erste Mahlzeit gab es Cheeseburger, die, dank des herrlichen Wetters, draußen zubereitet werden konnten und wir lagen dabei entspannt in der Sonne und aßen. Während des Essens knüpfte ich erste Kontakte zu meinen Mitschülern. Ich lernte Maria aus Moskau kennen und danach Albrecht, einen anderen Deutschen, die beide schon länger hier waren. Sie zeigten mir das Gelände und erzählten mir Geschichten über die Mitschüler und Betreuer. Außerdem bereiteten sie mich schon einmal auf den morgigen Test vor, nach dessen Absolvierung ich in eine der sechs Englischgruppen eingestuft werden würde.

Meine erste Nacht verlief relativ ruhig. Nach dem Frühstück stellten sich die Lehrer vor und alle neu Angekommenen schrieben den Einstufungstest, der aus einem schriftlichen und einem mündlichen Teil bestand. Ich wurde in die drittbeste Gruppe eingeteilt. Der Unterricht war immer interessant gestaltet. Die Lehrer brachten den Stoff lebendig und lustig rüber, sodass man die Dinge gut und schnell verstand. Sie halfen einem, wo sie nur konnten. Das war auch bitter nötig, denn jeden Samstag mussten wir einen Test schreiben durch den man ab- oder aufsteigen konnte. Unterricht hatte ich täglich von 9:30 bis 12 Uhr. Danach gab es Mittagessen und im Anschluss daran begannen die verschiedenen Workshops, für die man sich entweder bereits am Tag zuvor oder am selben Tag in eine Liste eintragen konnte. Viele unterschiedliche Sportarten wurden angeboten, wie zum Beispiel Basketball, Schwimmen, Tennis, Fußball und Volleyball. Eine Woche lang belegte ich Schauspielunterricht. Jeden Tag führten wir einen kleinen Sketch vor, was mir viel Spaß machte. So war jeder Tag – gerade zu Beginn meines Aufenthalts – ausgefüllt mit neuen Eindrücken und ich lernte in kürzester Zeit viele interessante Leute kennen.

Ab der zweiten Woche war ich nicht mehr „der Neue“. Nun kannte ich mich überall aus und hatte mich gut eingelebt. Meine Freundes-Gruppe bestand aus drei Engländern, einer Russin, einem Araber, zwei Belgierinnen und zwei Deutschen. Mit ihnen verbrachte ich den Großteil meiner Freizeit. Dank des schönen Wetters konnten wir in den ersten zwei Wochen jeden Tag im Pool der Sprachschule schwimmen oder Wasserball spielen. Hinterher legten wir uns gerne noch auf die große Wiese vor dem College in die Sonne und unterhielten uns. Es war toll für mich, mit Leuten aus so vielen verschiedenen Ländern aus Europa und von anderen Kontinenten zusammen zu sein und zu hören, welche Geschichten sie aus ihren Heimatländern erzählten. Besonders beeindruckt hat mich, dass es eine ganze Reihe von Schülern gab, die mehrere Sprachen sprechen konnten. Richard, ein Engländer aus meiner Gruppe, konnte „krass gut“ Klavier spielen. Auswendig spielte er Stücke von Mozart und Beethoven.

Zusätzlich zu den Sportangeboten gab es nachmittags und abends ein paar Spiele, die sich bei meinen Freunden und mir besonderer Beliebtheit erfreuten, wie zum Beispiel das „Bottle-Game“. Es funktioniert folgendermaßen: Überall auf dem Gelände werden Flaschen versteckt, die mit unterschiedlichfarbigen Flüssigkeiten gefüllt sind. Ziel der vier Teams ist es, möglichst viele Flaschen in ihren Stützpunkt zu bringen. Das Lustige daran ist, dass es bei diesem Spiel keine wirklichen Regeln gibt, es war also fast alles erlaubt, um dem Gegner die Flasche abzunehmen. Das andere Spiel heißt „Bonfight“: Zwei Spieler sitzen sich an einem Tisch gegenüber und es wird von einem der Leiter eine Frage gestellt. Derjenige Spieler, der die Frage zuerst richtig beantwortet, darf seinem Gegenspieler einen kleinen Kuchen mit Schlagsahne direkt ins Gesicht schmeißen. Dieses Spiel endete manchmal in einer wahren Kuchenschlacht. Außerdem spielten wir in der ersten Woche „Paintball“. Das Spiel stärkt enorm den Teamgeist, denn alleine hätte man überhaupt keine Chance gegen das andere Team und würde sofort abgeschossen werden – man muss einfach zusammenhalten. Etwa viermal in der Woche wurde auf der Wiese des Colleges ein riesiges Feuer errichtet. Darin wurde alles verbrannt, sogar übrig gebliebene alte Sofas und Matratzen! Eine der Sachen, die ich seit meiner Rückkehr besonders vermisse, ist die Möglichkeit, mit 60 Leuten gemeinsam um so ein riesiges, gemütliches Feuer zu sitzen, sich einfach zu entspannen und miteinander zu reden.

Neben dem Unterricht, den Nachmittags- und Abendangeboten und der eigenen Tagesgestaltung, gab es jede Woche feste Programmpunkte: So gingen wir dienstags ins Kino und an den Donnerstagen wurde ein Tagesausflug in eine größere Stadt unternommen. In der zweiten Woche fuhren wir nach London. Dort konnten wir zwischen fünf verschiedenen Programmpunkten auswählen. Ich entschied mich für die „Tate Modern“. Nach dem Museums besuch hatten wir den weiteren Nachmittag zur freien Verfügung und zogen alleine los. Ich ging mit Freunden auf der Oxford Street shoppen, entdeckte aber für mich – außer ein paar Leckereien – leider nichts, was ich hätte kaufen wollen. Samstagabends feierte das gesamte College in der großen Halle eine ausgelassene Party. Einer der Betreuer spielte den DJ und machte seine Sache so gut, dass fast jeder Lust bekam zu tanzen; immerhin musste es dem DJ gelingen, einen internationalen Musikgeschmack zu treffen. An den Partyabenden gingen wir nicht, wie sonst immer, schon um 23 Uhr ins Bett. Wir durften unbegrenzt wach bleiben, was meistens darauf hinauslief, dass ich gar nicht schlief und den Sonntag dazu nutzte, meinen Schlaf nachzuholen. Da es aber den anderen ähnlich ging, war der Sonntag inoffiziell ein Schlaf- und Entspannungstag.

Die dritte und letzte Woche war für mich mit Abstand die beste, weil ich zu diesem Zeitpunkt schon viele Freunde gefunden hatte und mich im College-Alltag auskannte. Am Ende waren wir zwar nur noch 40 Schüler, aber meine engsten Freunde blieben zum Glück auch noch da. Die Party am letzten Samstag war sehr traurig, weil wir uns voneinander verabschieden mussten. Wir konnten nur hoffen, dass wir uns nächstes Jahr wiedersehen würden. Da ich am nächsten Morgen sehr früh abfahren musste, blieb ich mit meinen Freunden einfach wach, um dann um 7 Uhr mit dem Bus nach London Heathrow gefahren zu werden. Das Einzige was mir in den drei Wochen Eng land nicht gefallen hat, waren das Essen und die Duschen, die leider sehr eng waren und kaum Wasserdruck besaßen. Insgesamt waren es eine meiner besten Ferien, die ich je erleben durfte, weil ich so viele neue und nette Freund schaften schließen konnte, die ich – dank Internet – hoffentlich auch weiterhin pflegen kann. Ich habe „supercoole“, hochbegabte Leute kennen lernen dürfen, die zu meinen Freunden geworden sind.


Julius Hannesen, 16, geht in Berlin zur Schule und kann sich gut vorstellen, als Austauschschüler für ein Jahr in England zu leben.



itchy feet Nr.6, Ausgabe 2009

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