„Cut cut”. Zwei kleine braune Finger schnappen vor meinem Gesicht durch die Luft. Ich sitze auf dem Steinboden vor dem Schulgebäude und fülle die Seiten meines Reisetagebuchs mit Eindrücken vom nordindischen Landleben. „Cut cut“. Dora, der etwa vierjährige Junge aus dem Dorf, bedeutet mir, dass er mein Taschenmesser ausleihen möchte. Die kleine Schere daran ist der Hauptgrund, warum er jeden Nachmittag zur Schule zurückkommt. Seit ich ihm gezeigt habe, wie man ein Blatt Papier zusammenfaltet und einige Ecken raus schneidet, um dann einen Papierstern aufzufalten, hat er sich freudestrahlend bereit erklärt, das Wort „cut“ in seinen kleinen englischen Wortschatz aufzunehmen. Wie einfach es doch ist, Kindern Wörter beizubringen, selbst wenn es für diese gar keine Übersetzung in ihre eigene Sprache gibt. Bevor Dora die Schere entdeckte, gab es für ihn ja auch keinen Bedarf für das Wort „schneiden“. Während der Junge sich leidenschaftlich an die Arbeit macht, wende ich mich wieder meinen Aufzeichnungen über meine Erfahrungen als freiwillige Lehrerin in dem indischen Dorf zu. Wieder unterbricht Dora meine Gedanken. Er hat Schere und Papier fallen lassen, sich vom Boden erhoben und steht nun neben mir, eine Hand auf meiner Schulter, die andere mit erhobenem Zeigefinger nach oben gerichtet. Ich schaue ihn fragend an. Seine ohnehin großen Augen haben sich noch mehr geweitet, sein Mund steht leicht offen stillschweigend sucht er den Himmel ab. Wie immer läuft seine Nase, er schnieft fast geräuschlos. Der gebannte Gesichtsausdruck löst sich langsam in freudige Aufregung und dann höre ich es auch: Ratatatatatata, das Geräusch eines Motors, das eindeutig näher kommt. Dora schnappt mich an der Hand und zieht mich raus auf die Felder. Während wir rennen, hat der Junge den Blick ununterbrochen auf den Himmel gerichtet. Ich bemerke die Menschen, die aus dem ganzen Dorf aufs Feld gelaufen kommen: Kinder, Erwachsene und sogar kläffende Hunde alle in eine kollektive Aufregung versetzt. Ein Hubschrauber erscheint am Himmel, die Leute am Boden winken und staunen. Eine Minute später ist er bereits hinter den Wolken verschwunden. Über die nächsten Tage hinweg, bleibt der Hubschrauber das Gesprächsthema Nummer eins im Dorf. Als ich am Dorfbrunnen meinen Eimer mit Wasser fülle, zupft mich ein alter Mann am Ärmel. Mit seinem zahnlosen Lächeln redet er auf mich ein, zeigt zum Himmel und imitiert das Geräusch des Hubschraubers als wolle er sagen: „Hast du das gesehen?!“ Aus irgendeinem widersprüchlichen Grund scheinen die Dorfbewohner ganz besonders beglückt darüber, das Ereignis mit mir geteilt zu haben. Mit mir, der großen, blassen Fremden aus der Welt der Scheren und Hubschrauber. Was mache ich hier in diesem abgeschiedenen und armen Dorf im nordindischen Bundesstaat Bihar? „Lehr den Kindern von der Welt“, rufe ich mir den vagen Auftrag des indischen Projektgründers Siddharth zurück ins Gedächtnis. Ich traf Siddarth vor wenigen Wochen in einem kleinen staubigen Büro in Delhi. Auf einer großen Landkarte vom verarmten Staat Bihar malte er mit dem Finger in leeren Landschaften herum, auf Flächen in denen weit und breit keine Stadt eingezeichnet war. „Ungefähr hier liegt Cheo“, hatte er mir mit angestrengten Augen verraten. „Hier wohnen die Paharias. Und hier...“, er war mit dem Finger fast unmerklich nach unten gerutscht, „...wohnen die Shantals, unten im Tal“. Im nachfolgenden Gespräch hatte ich ein paar Einzelheiten zu den Gepflogenheiten der beiden Ethnien erfahren: Zwar haben beide ihre eigene Sprache, leben aber seit vielen Jahren in Harmonie nebeneinander und treffen sich einmal wöchentlich auf dem Markt im Tal, um Reis, Linsen, Zucker und ein paar weitere Lebensmittel zu tauschen. Ihre Hütten bauen sie aus einer Mischung von Kuhdung und Wasser, ihre Nahrung pflanzen sie größtenteils selbst an und Wasser gibt es am Brunnen im Dorf. Am besten solle ich reichlich Malstifte, Papier, Pflaster und Antibiotika mitbringen, hatte Siddharth mir noch mit auf den Weg gegeben. Und zu meinem Auftrag: „Zeig den Kindern, dass es außer Paharias und Shantals auch andere Menschen auf der Welt gibt“. Großer Worte, um zu erklären, dass ich aus einer anderen Welt stamme, bedarf es allerdings nicht. Dies stellte sich schon bei der Anreise nach Cheo heraus. Kaum aus dem Zug gestiegen, um wie besprochen den nächsten Bus aufs Land zu nehmen, bildete sich eine Traube von Leuten um mich, die mich anstarrte als wäre ich ein seltenes Tier. Die Männer verschränkten die Arme und glotzten schamlos, die Frauen zupften sich gegenseitig am Ärmel und kicherten verlegen und einige der ganz kleinen Kinder fingen beim Anblick einer so andersartigen Kreatur sogar zu schreien an. Viele Ausländer schienen sich wohl nicht hierher zu verirren. Allerdings lernte ich auch schnell den Fremden-Bonus kennen: Ich war gerade in den vollen Bus gestiegen, da fingen alle an, sich gegenseitig zuzurufen und wild mit den Händen zu fuchteln, bis sich eine junge Frau mit Kind von ihrem Sitzplatz erhob und mich schüchtern anlächelte. Meine Proteste nützten mir nicht: Geschoben von der Menge, wurde ich in den freien Sitz gedrückt. Neben mir lachte mich ein bärtiger alter Mann an, zwischen seinen Beinen blökte eine Ziege. Kaum saß ich, hatte ich auch schon zwei Kinder auf dem Schoß. Der Bus fuhr los. Die Straße war holprig und die Schlaglöcher so groß, dass ich immer wieder von meinem Sitz abhob. An meinen Knien und am Steißbein machte sich bald ein gleichmäßiger Schmerz breit. Eines der Kinder pinkelte mir leise auf den Schoß. Der ohrenbetäubende Hindi Pop aus dem Radio verlieh der Situation eine unwirkliche Komik. Nach etwa sechs Stunden ging es mit dem Taxi weiter. Um den Schlaglöchern auszuweichen, wechselte der Fahrer ständig von einer Straßenseite zur anderen. Dreimal blieb die Karre liegen und der Fahrer musste den Sitz ausbauen, um den Motor darunter zu reparieren. Unzählige Stunden später, es war bereits stockdunkel, kamen wir schließlich an einer kleinen Siedlung an. Ein Inder kam uns entgegen, wechselte ein paar Worte mit dem Fahrer, der mir meinen Rucksack überreichte und zurück in die andere Richtung fuhr. Ob das hier Cheo sei, fragte ich unsicher. „Nein“, antwortete der Mann auf Englisch. Das sei nur eine Siedlung in der ich übernachten könne. Morgen früh würden wir nach Cheo aufbrechen, ein kurzer Fußmarsch hoch in die Berge, nur etwa drei Stunden von hier. Wir sitzen im Kreis vor der Schule und spielen Memory. Acht Kinder, meine finnische Projektpartnerin Kaisu und ich. Als ich eines Morgens völlig erschöpft in Cheo erschienen war, hatte Kaisu bereits einen Monat hier verbracht. Wir schätzen beide die Gegenwart des anderen sehr, denn die vielen kleinen Dinge, die hier täglich passieren, schreien danach geteilt und erzählt zu werden. Kaisu ist kein Mensch der vielen Worte und dennoch verbinden uns die zahlreichen Stunden, die wir täglich nichts tun und nur dasitzen wie die anderen Menschen in Cheo auch. Während man im Westen vom Konsumzeitalter und chronischem Zeitmangel spricht, ist es hier genau anders herum: Geld gibt es fast gar nicht, meistens wird Nahrungsmittel gegen Nahrungsmittel getauscht. Zeit dagegen gibt es fast endlos viel. Die Tage beginnen mit den ersten Sonnenstrahlen. Kaisu und ich haben es uns zur Gewohnheit gemacht, der Sonne dabei zuzusehen, wie sie über dem weiten Tal aufgeht. Die längste Zeit am Tag, so scheint es zumindest, sind wir damit beschäftigt, kleine Steine aus unserem Reis und unseren Linsen auszusortieren. Dies sind die beiden Hauptnahrungsmittel, die auch für uns täglich zweimal auf dem Speiseplan stehen. Und dann gibt es noch die paar Stunden, an denen wir kein Essen vorbereiten und die Kinder im Dorf nicht auf den Feldern helfen müssen. In diesen Stunden sitzen wir meistens vor der kleinen Schule, denn drinnen in dem fensterlosen Raum, ist es viel zu dunkel. Wir haben den Mädchen und Jungen das Alphabet beigebracht. Auf den selbst gebastelten Memory-Karten setzt sich ein Paar wie folgt zusammen: Eine Karte mit einem Buchstaben gehört jeweils zu einer Karte mit einem Bild von einem Gegenstand, der mit diesem Buchstaben beginnt. So müssen die Kinder zum Beispiel zur Karte mit dem „A“ die Karte mit dem Apfel finden. Obwohl die Kinder noch nie einen Apfel gesehen haben, können sie diesen mittlerweile einwandfrei malen und seinen englischen Namen aussprechen. In einer Umwelt, in der die Anzahl der Dinge beschränkt ist, fiel es Kaisu und mir gar nicht so leicht, einen Gegenstand für jeden Buchstaben im Alphabet zu finden. Zumindest nicht solche, die wir zeichnen können. Mit dem Gedanken, dass die Kinder einen Apfel erkennen würden, sollten sie eines Tages ihr Dorf einmal verlassen, akzeptieren wir die Tatsache, dass wir auf Gegenstände aus „unserer Welt“ zurückgegriffen haben. So hoffen wir, unsere Aufgabe zu erfüllen und den Kindern zu zeigen, dass es noch andere Menschen außer Paharias und Shantals auf dieser Welt gibt. Doch das Wichtigste haben wir sicherlich von ihnen gelernt: Dass es da draußen in der weiten Welt noch Menschen wie die Paharias und Shantals gibt. Corinna Ritter, 29, lebt in Australien und arbeitet als freie Redakteurin und Journalistin. itchy feet Nr.6, Ausgabe 2009 |
|
|||||||||||||||