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Wer bleibt eigentlich noch zu Hause?
Nur 16 Monate später und alles ist Realität. Stolz im Flugzeug Richtung Südamerika sitzend, nach einem tränenreichen Abschied und der unendlichen Angst vor dem großen Fragezeichen, hätte ich aus lauter Ehrfurcht vor mir selbst gleich wieder umkehren mögen. Ich habe es gewagt und getan, was mir nicht viele Menschen geglaubt hatten: Ich habe meine Weltreise angetreten. Irgendwie scheinen alle großen Dinge immer in der Zukunft zu liegen. Man plant, kann die Zeit nicht abwarten und wenn es dann endlich soweit ist, kommt einem alles so unwirklich vor. Destination: Argentinien, Brasilien, Chile, Neuseeland, Australien, Bali, Singa pur und Thailand. Dauer: acht Monate, min destens. Gefühlte machbare Zeit zum Zeitpunkt der Abreise: vier Wochen. Tatsächliche Dauer: ein Jahr, nun ja, zwei Tage weniger, um genau zu sein. Was ist zu tun, was zu lassen, um eine Reise in dieser Dimension zu planen? Erst einmal nicht so eine riesige Angst vor dem „Ich kann mir das nicht leisten“ aufkommen lassen, denn mit 3.000 € in der Reisekasse plus circa 2.000 € für das so genannte „Around-the-World-Ticket“ kam ich gut hin. Weniger ist oft mehr, da man sparsamer lebt und mit einem Dorm-Bett im Hostel sehr zufrieden sein kann. Wenn die Angst versucht, die Oberhand zu gewinnen und einen im letzten Augenblick an der Reise hindern möchte, daran denken: Die Idee für eine Zeit lang wegzugehen, kam irgendwann einmal ja nicht grundlos auf. Es gehört dazu, dass man kurz vor der Abreise Panik bekommt und sich unsicher wird, sonst wäre es zu einfach. In dem Moment, in dem man durch die Passkontrolle geht und die drei Wochen stressbedingter Dauermigräne endlich wieder den Kopf freigibt, weiß man: Alles ist und wird gut! Noch heute habe ich das weiße Blatt Papier vom Auftakt meiner Reise vor Augen: Fragezeichen. Nur die Weihnachts- bzw. Neujahrswoche mit meiner Freundin Adrienne und ihrer Familie in Christchurch, Neuseeland war verplant. Zudem wollte ich meinen Freund, der ein Praktikum an der Universität in Auckland absolvieren würde, für ein paar Trips treffen und Ende März meinen besten Freund sehen. Ein Jahr danach, eine Weltreise später, kehre ich heim: um einen Koffer voller Erfahrungen und Erlebnisse reicher, um eine Liebesbeziehung ärmer, nach Verlust einer intensiven Freundschaft, nach Gewinn neuer guter Freunde. Das ist halt so. Aber hätte ich mich anders entscheiden sollen? Nein! Die Welt ist bunt und rund und groß, so viel größer als das bisschen, was mir bis jetzt begegnet ist. Sie lebt und pulsiert und überall ist Alltag, ist alles anders, doch alles auch irgendwie gleich. Es ist interessant, sich für eine Zeit lang in eine Außenseiterrolle zu begeben und es ist eine wertvolle Erfahrung, mit der größtmöglichen Distanz in Kilometern auf seine eigene Heimat zu schauen. Man kann nicht erklären, was auf so einer Reise mit einem geschieht: Erfahrungen in allen Gebieten im Überfluss. Macht man sich alleine auf die Reise, ist jedes Erlebnis noch intensiver und natürlich individueller. Mein Gap Year hat mich wachsen lassen und macht mich dankbar für das, was ich erlebt habe und das, was ich zu Hause habe. Marla Johst, 29, hat 2006 an der Sporthochschule Köln ihren Abschluss gemacht und arbeitet nun in Australien. itchy feet Nr.6, Ausgabe 2009 |
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