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Jüdische Lebensgeschichten
Friedensdienst in Prag



Den Schwerpunkt meiner Arbeit bei der jüdischen Gemeinde in Prag bildet die offene Altenarbeit. Vormittags gehe ich meistens mit dem Mittagessen zu Frau C. und Frau. D., die beide in der Innenstadt wohnen. Der Weg zu ihnen ist zwar immer ein Slalom zwischen spanischen, italienischen und amerikanischen Touristen gruppen, aber auch eine schöne Route durch die Altstadt. Ich gehe durch das jüdische Viertel, vorbei an Franz Kafkas Geburtshaus über den Altstädter Ring und den Wenzelplatz zum Platz der Republik. Die alten Damen wohnen beide ganz allein und sind Mitte 80. Frau C. besteht auf die exakte Essenslieferung um Viertel vor zwölf. Sie spricht gut Deutsch und auch wenn ich den Zeitplan manchmal nicht ganz einhalte, freut sie sich über das „Fräulein“, das ihr erzählt, wie das Wetter draußen ist und was es nächste Woche zu Essen geben wird. Frau D. hebt meine Laune regelmäßig mit ihrem gewagten Schlüsselwurf aus dem dritten Stock, da sie selbst nicht mehr runterkommen kann, um mir aufzuschließen. Irgendwann wird sie vielleicht noch einen Touristen mit ihrem Schlüsselbund treffen. Frau D. erscheint mir sehr einsam und sie klagt darüber, schon viel zu alt für diese Welt zu sein. Sie wartet oft schon am Fenster auf das Mittagessen und meist plaudern wir noch ein wenig.

Immer dienstagnachmittags begleite ich Deborah, ein blindes sechsjähriges Mädchen, zu einer Theatergruppe für Kinder in der jüdischen Schule. Sie ist eigent lich sehr selbstständig und mittlerweile gut in die Gruppe integriert. So ist meine Anwesenheit an sich nicht unbedingt notwendig. Allerdings gab es wohl eine Auseinandersetzung zwischen der Schauspielerin, die die Gruppe leitet und Deborahs Mutter, die ebenfalls blind ist. Also hole ich Deborah bei der Mutter ab und nehme sie mit zum Theater. Auf diese Weise wird ein Zusammentreffen der Konfliktparteien vermieden. Ich habe Deborah sehr lieb gewonnen und bewundere die Sicherheit, mit der sie sich selbst in unbekannten Territorien bewegt. Sie mag mich ebenfalls ganz gern. Oft tanzen wir vor der Probe noch ein wenig durch die Klassenzimmer und sie verteidigte anfangs mein schlechtes Tschechisch gegenüber den anderen Kindern: „Sie kann ja wohl sprechen, nur nicht so gut Tschechisch!“

Mittwochs arbeite ich den ganzen Tag im jüdischen Kindergarten. Mit dieser Aufgabe hatte ich anfangs gar nicht gerechnet und freute mich deshalb umso mehr, als ich das Angebot bekam. Der Kindergarten stellt eine angenehme Abwechslung zur Arbeit mit älteren Menschen dar. In meiner Gruppe werden Kinder von einem Jahr bis zu fünf Jahren betreut. Der Großteil ist allerdings zwei oder drei Jahre alt und sehr lebhaft und quirlig. Ich werde mittlerweile bevorzugt als Klettergerüst, zum Kuscheln und Kitzeln oder zum Hoppe-Reiter-Spielen eingesetzt. Zunächst war ich durch mein schlechtes Tschechisch noch etwas eingeschränkt, aber ich stellte schnell fest, dass ich nicht die Einzige bin, die kein Tschechisch mit den Kindern spricht. Die Hauptsprache in diesem Kindergarten ist nämlich Hebräisch, was mir natürlich nicht sehr hilft. Allerdings ist es erstaunlich, wie gut man sich mit den einfachsten Begriffen verständigen kann. Das Programm im Kindergarten richtet sich sehr nach den jüdischen Traditionen und Feiertagen. Mit einem ausgiebigen Frühstück und mit Gebeten wird freitags morgens feierlich der Sabbat begrüßt. Der Unterschied zwischen Kindern aus orthodoxen und liberalen Familien bleibt einem dabei nicht verborgen. Erstere können bereits die hebräischen Gebete mitsprechen und kommen mit Kippa und Hemd zum Sabbat, während die anderen bei den Gebeten fröhlich mit schmierigen Nutellabroten durch den Raum galoppieren.

Meine sonstige Zeit ist für „meine“ Senioren reserviert. Anfangs verbrachte ich viele Stunden im Denní Centrum. Dies ist ein Treff im Altenheim, das sowohl den Bewohnern offen steht als auch Leuten, die noch daheim wohnen, sich dort jedoch einsam fühlen. Für sie gibt es einen Fahrservice, der sie vormittags abholt und spätnachmittags wieder nach Hause bringt. Im Altenheim habe ich zu vielen alten Menschen ein sehr gutes Verhältnis aufgebaut und bin für sie zu einer Ansprechpartnerin geworden. Ich unterhalte mich mit allen ein wenig, spiele Karten, Schach oder andere Brettspiele. Mittlerweile weiß ich über die Schicksale der einzelnen Bewohner und Besucher Bescheid. Hana, die mich immer mit einem herzlichen „Welcome home“ begrüßt, hat über 30 Jahre in Kanada gelebt und spricht gut Englisch. Seit 1990 ist sie wieder in Prag, ihre Kinder wohnen aber in Kanada. Hana war in Auschwitz und hat dort beinahe ihre ganze Familie verloren. Sobald das Thema angeschnitten wird, will sie schnell über etwas anderes reden. Ich war geschockt, als uns eines Tages eine der Mitarbeiterinnen bat, in Hanas Gegenwart kein Deutsch zu sprechen, weil sie ein schweres Trauma hat, das vom Klang der deutschen Sprache schnell wieder hochkommt. Sie selbst behauptet meist, sie verstünde Deutsch gar nicht. Nach ein paar Monaten erlaubte sie mir, ihr einen deutschen Text vorzulesen.

Esti ist bereits 96 und sieht kaum noch. Sie freut sich über den Besuch und beklatscht begeistert mein Klaviergeklimper. Als ich einmal ahnungslos fragte, ob sie Kinder habe, erfuhr ich, dass ihr einziger Sohn in Auschwitz umgebracht wurde. Sie liebt Spaziergänge, allerdings kann sie leider nicht mehr selber gehen. Gerne spendiert sie tapferen Rollstuhlschiebern im Parkcafé eine Horka Čokolada, die beste heiße Schokolade der Welt! Maruška war früher Kinderärztin und spricht fließend Deutsch. Bei ihr fiel mir gleich die Unterarmtätowierung mit ihrer Häftlingsnummer aus Auschwitz auf. Allerdings spricht auch sie nie über die Zeit dort. Sie ist schon ein wenig vergesslich, sonst aber geistig noch sehr rege. Oft sitzt sie lächelnd neben mir in ihrem Sessel und streichelt meine Hand, während sie mir den Ratschlag gibt, meine Jugend zu genießen und viele Männer kennen zu lernen, solange ich noch frei und unbeschwert bin. Eva ist 89 und wurde Ende 1941 nach Theresienstadt deportiert. Kürzlich wurde ihr Tagebuch aus den ersten Kriegsjahren in Prag und ihrer Zeit im Ghetto veröffentlicht. Sie hatte die Tagebücher in Schränken oder Kommoden versteckt, um niemanden mit der Geschichte zu belasten, bis ihre Kinder auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken einmal auf die Hefte stießen. Jetzt, über 60 Jahre später, ist ihre Geschichte publik geworden.

Es ist interessant, was für unterschiedliche und beeindruckende Schicksale hier aufeinandertreffen. Nach wie vor ist es für mich unmöglich, mir diese Menschen als junge Leute in den Baracken vorzustellen, die ich vor ein paar Monaten in Auschwitz besichtigt habe. Ich bewundere die Offenheit und Gelassenheit uns deutschen Freiwilligen gegenüber und weiß es sehr zu schätzen, dass sie uns nicht mit den früheren Generationen in direkten Zusammenhang bringen. Ich mag die Arbeit hier wirklich. Ich kann so viel zuhören und es freut mich, dass die Menschen, die ich betreue, meine Gesellschaft genießen und ehrlich an mir interessiert sind. Gerade der große Altersunterschied macht unsere Gespräche so anregend. Oft bin ich nach einer Begegnung mit einem „meiner“ Senioren besonders gut gelaunt. Während ich mir vor dem Besuch über banale Dinge Gedanken gemacht habe, merke ich in Anbetracht so mancher Lebensgeschichte schnell, wie nebensächlich meine Sorgen eigentlich sind. Sehr oft hilft mir auch der Ratschlag der alten Menschen, alles etwas gelassener zu sehen.

Erstaunlich oft werde ich von tschechischen jüdischen Gleichaltrigen etwas belächelnd gefragt, ob ich das, was die Deutschen den Juden im Zweiten Weltkrieg angetan haben, mit meiner Arbeit wiedergutmachen will. Ich denke, der zuständige Länderreferent von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste hat es einmal gut ausgedrückt, als er sagte: „Das, was geschehen ist, kann nicht gesühnt werden. Aber wir können Verantwortung tragen und durch unser Verhalten versuchen, einer Wiederholung solcher Geschehnisse vorzubeugen.“ An meiner Arbeit in der jüdischen Gemeinde sehe ich, wie sehr dieser Versuch honoriert wird.


Claudia Kappes, 20, studiert mittlerweile Medizin in Leipzig.



itchy feet Nr.6, Ausgabe 2009

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