| Freiwilligendienst in Estland
Es ist halb acht. Wieder klopft es. Diesmal an meiner Tür. „Jane, Jane!“ Das ist mein Name hier im Heim, weil Jane einfacher ist als Juliane. Der freche, aber liebenswerte Igor möchte etwas. Ich reagiere nicht. So ist die Regel: Bin ich in meinem Zimmer, habe ich keine Zeit. Das weiß Igor und darum soll er warten, erst recht so früh am Morgen. Dass das keine egozentrische Härte, sondern eine Notwendigkeit ist, um die Privatsphäre zu erhalten, habe ich schnell gelernt. Eine Stunde später gehe ich zu „meiner“ Gruppe, in der 22 Kinder leben, die meisten schwerstbehindert. Igor stürmt mir entgegen und erklärt, dass er schon die ganze Zeit auf mich gewartet habe, er brauche dringend eine neue Zahnbürste. Die erste Aufgabe, die ich in meiner Gruppe im September bekommen hatte, war es, in der halben Stunde vor Schulbeginn möglichst viele Kinderzähne zu putzen. Inzwischen bin ich die Zahnputz-Frau geworden, die sowohl Zahnbürsten als auch -pasta verwaltet. Igor holt seine alte Zahnbürste demonstrativ aus der Kloschüssel, erklärt, dass Fredi sie dort hinein geschmissen habe und wiederholt, wie dringend er, bevor gleich die Schule losgehe, eine neue brauche. Ich glaube ihm kein Wort, denn der taube Autist Fredi käme nie von alleine auf so eine Idee. Aber ich sehe ein, dass Igor seine alte Bürste nicht mehr in den Mund stecken sollte. Er bekommt eine rosa Zahnbürste mit Prinzessinnen und keine blaue mit den Power Rangers, so wie er sich das gedacht hatte. Igor flucht und wütet, will sogar die alte Bürste weiterhin nehmen. Schließlich putzt er widerwillig seine Zähne mit der rosa Zahnbürste; ein bisschen Strafe muss sein. 20 Minuten später gehen 13 Kinder mit sauberen Zähnen in die Schule, die einen Flur weiter im selben Gebäude ist. Nur wenige lernen dort schreiben oder rechnen, der Großteil wird vor allem beschäftigt. Neun Kinder, die meisten von ihnen im Rollstuhl, bleiben noch in der Gruppe. Nachdem ich ihnen ebenfalls die Zähne geputzt habe und erstaunlich wenig Tränen geflossen sind, kommt Mihkel mir freudig lachend im Flur entgegen. Er kaut an seinem Ärmel, der wie der ganze Pullover voll mit Erbrochenem ist. Kein ungewöhnlicher Anblick, denn Mihkel nimmt alles furchtbar gerne in den Mund: Blumenblätter, den Wandputz, Fensterbilder, Badeschwämme allerdings häufig zu tief. Wie immer freue ich mich über seine unbeschreiblich gute Laune und fange grinsend an, ihn umzuziehen. Damit er nicht noch einmal aus Langeweile erbricht, will ich ihn die zwei Stunden, die es noch dauert, bis auch er in die Schule geht, beschäftigen: klatschen, kuscheln, kitzeln, kichern. Mihkel gackert vor Freude. Aber diese Tageszeit, in der die aktiven, aufgedrehten Kinder schon in der Schule sind, bietet nahezu die einzige Chance, den spastischen Kindern im Rollstuhl Aufmerksamkeit zu schenken. Einfordern können sie sie nicht, häufig liegen sie nur herum. Denn die Devise der völlig überforderten Betreuerin, die alleine alle 22 Kinder versorgen soll, lautet „satt und sauber“. Es ist schon beachtlich, dass sie das schafft. Zeit für Zuneigung und Nähe bleibt da nicht. Das sehe ich als meinen Part an, obwohl ich auch beim Wickeln, Waschen (mit Waschmaschine aber ohne Wäschetrockner) und Füttern helfe. Also hebe ich Mihkel von meinem Schoß herunter auf das Sofa und gehe zu Ukus Rollstuhl. Sein Lätzchen ist voller Speichel, seine Augen spiegeln Unsicherheit wider. Flüsternd wünsche ich ihm einen guten Morgen, erzähle ihm, dass draußen die Sonne scheint und streichle vorsichtig über die weichen Haare neben seinen Ohren. Langsam schwindet die Angst aus seinem Blick, seine Gesichtszüge entspannen sich. Und da ist es: Ukus unverwechselbares Lachen, bei dem er so schöne Fältchen um die Augen herum bekommt. Mein Herz hüpft und ich merke, wie sehr ich ihn und all die anderen Kinder lieb gewonnen habe. Die zarte, kleine Kelli fängt an zu fiepen und weint schließlich. Als ich sie auf den Arm nehme, merke ich, wie trocken ihre Haut ist. Sie leidet unter Flüssigkeitsmangel, weil sie nicht richtig trinken kann. Ich hole ein Glas Wasser und einen Teelöffel aus der Küche und fange an, ihr das Wasser einzuflößen. Selbst auf diese Art ist es ein Akt, aber sie ist nicht widerwillig wie so häufig, sondern bemüht sich. „Ein guter Tag!“, denke ich mir, als ich ein lautes Würgen und Husten höre. Mihkel! In der Mittagspause falle ich auf mein Bett und schließe die Augen. Wie schon häufiger in den letzten Tagen merke ich, dass ich die Zeit mit den Kindern am liebsten aufsaugen und nicht mehr herauslassen würde. Ich erinnere mich an die letzten Monate. Die ersten zehn spannenden Tage in Tallinn, in denen ich zusammen mit all den anderen gerade angekommenen europäischen Freiwilligen einen Sprachkurs besucht hatte und in Estlands Hauptstadt erste Eindrücke vom Land gewinnen konnte. In der Zeit habe ich „Kohuke“ kennen gelernt, einen mit Schokolade überzogenen und mit Marmelade gefüllten Quarkriegel, der ungesund und mächtig, aber sehr lecker ist. Es gibt sogar welche, auf deren Verpackung Rockstars abgedruckt werden. Marketing-Strategien funktionieren überall gleich. Auch den ersten Schnee Ende Oktober werde ich nie vergessen. Fünf Monate lang sollte er nicht mehr schmelzen. Fünf Monate, in denen ich mehrmals wöchentlich dick vermummt die dreieinhalb Kilometer zum nächstgelegenen Ort gegangen bin, um mir liebevoll gepackte Päckchen bei der Post abzuholen, Lebensmittel zu kaufen oder Zutaten für das Backen mit den Kindern zu besorgen. Gerade in der Vorweihnachtszeit wurde viel gebacken. Dann aber mit bereits abgelaufenem Pfefferkuchenteig, den das Heim geschenkt bekommen hatte. Am 22. Dezember war Heiligabend. Zumindest für die Kinder, denn an dem Tag hatten noch alle Betreuerinnen Zeit, als Familienersatz bei ihren Gruppen zu sein, während sie den 24. Dezember bei ihren eigenen Familien verbringen wollten. Durch norwegische Spenden hat jedes Kind ein mehr oder weniger sinnvolles Geschenk bekommen können. Mir wurde eine CD überreicht, „Eesti Schlaagerid!“ estnische Schlager, furchtbare Musik für meinen Geschmack. Meine juckende Kniekehle holt mich aus meinem Tagtraum. Obwohl ich zunächst gar nicht glauben wollte, dass diese Hautparasiten es aus dem Mittelalter bis in die Gegenwart geschafft haben, frage ich mich seit meiner Ankunft bei jedem Jucken, ob ich womöglich die Krätze von den Kindern bekommen habe. Während ich überlege, dass ich sie auch wieder loswerden würde, mir aber die Erinnerung an die schönen Momente mit den Kindern niemand mehr nehmen kann, mache ich mich auf den Weg zurück in meine Gruppe. Ich will Fredi abholen, wir fahren mit einigen anderen aus dem Heim zum Schlittschuhlaufen in die Eishalle. Nur zwei Wochen sind von den acht Monaten noch übrig geblieben. Dabei hatte ich am ersten Tag noch nicht einmal gewusst, wie ich zwei weitere Tage in dem Heim überstehen sollte. Meine Unsicherheit und Hilflosigkeit in Verbindung mit der Tatsache, dass gerade die Cleveren unter den Kindern mich austesten wollten, führten zu einem Desaster. Nach nur einer Stunde in der Gruppe und einem Faustschlag auf meine Nase war ich heulend in meinem Zimmer verschwunden. In den folgenden sechs Wochen blieb dieses Zimmer mein liebster Rückzugspunkt. Es war eine Zeit ständiger Überwindung, schließlich war mir die Fähigkeit, ohne Ekel Windeln zu wechseln, Zehennägel zu schneiden, kaputte Zähne zu putzen und Erbrochenes wegzuwischen nicht angeboren. Erst als ich die Persönlichkeiten und Eigenarten der Kinder kennen und lieben gelernt hatte, konnte ich meine Aufgaben souverän erfüllen, denn von da an war mir klar, dass es nur um sie und nicht um mich ging. Trotzdem habe auch ich wahnsinnig von meiner Zeit in Estland profitiert. Nach siebeneinhalb nicht immer einfachen Monaten bin ich mir nun sicher, zukünftigen Herausforderungen bei Praktika, während des Studiums oder später im Beruf gelassener und mit meiner „estnischen Freude“ begegnen zu können. Juliane Binder, 22, studiert Kommunikationswissenschaft und Sozialwissenschaften an der Universität Erfurt. itchy feet Nr.6, Ausgabe 2009 |
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