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Ein Au Pair, zwölf Kinder
Französisch kinderleicht



Die Tür zu meinem Zimmer springt auf, ich werde unsanft geweckt. Gersende, zweijährig und schon sehr wach, steht in meinem Zimmer und ruft meinen Namen. Aber ich stelle mich schlafend, ich will noch schlafen! Um 8 Uhr aufstehen ist früh genug und das ist erst in einer halben Stunde. Gersende begreift, mit einem lauten Knall wirft sie die Tür hinter sich zu und ruft laut über den Flur: „Henriette schläft noch, alle leise sein!“ Aber die großen Kinder, die gerade mit ihrem Vater zur Schule aufbrechen, lärmen unbeirrt weiter. Schließlich stehe ich wirklich auf und schlüpfe schnell in meine Klamotten, denn mein Arbeitstag hat schon begonnen. Ab in die Küche, das Fläschchen für die Kleinste der Familie vorbereiten. Während ich sie füttere, tollen ihre zwei Geschwister um mich herum, wollen sie auch halten oder streiten untereinander. Nur die Ruhe, denke ich und gähne herzhaft. Als sie ihr Bäuerchen getan hat, kommt die Kleine zurück ins Bett. Dann helfe ich den anderen beiden beim Anziehen, mache ihre Betten und befreie die Zimmer vom Chaos des Vorabends. Wir liegen gut in der Zeit, als wir schließlich zu dritt frühstücken und die Mutter verschlafen in die Küche schaut, um „Bonjour“ zu sagen.

Nachdem ich Gersende und Eudes in den Kindergarten im Nachbardorf gebracht habe, beginnt die Hausarbeit. Heute: bügeln. Da es in dieser Familie viele Kinder gibt, ist der Berg an Kleidchen, Hosen und Hemden recht groß – ich brauche über zwei Stunden, um ihn mit dem Bügeleisen zu bewältigen. Im Erdgeschoss schreibt währenddessen die Mutter Einladungen für die Taufe der Allerkleinsten, die friedlich in ihrer Wiege schlummert. Leise dringt klassische Musik durch das Haus. Am Ende des Bügelbergs bleibt mir noch ein wenig Zeit für die Hausaufgaben, die ich heute Nachmittag in der Sprachschule vorlegen muss. Um die Einladungen zur Taufe abzugeben, mache ich mich zum Postamt auf und fahre anschließend kurz zur Wäscherei. Punkt 12 Uhr muss ich Gersende und ihren Bruder aus dem Kindergarten abholen. Das Mittagessen mit der Mutter und den drei Kindern ist stressig, weil ich neben meinem eigenen Essen auch noch die Fütterung des Babys bewerkstelligen muss. Anschließend noch windeln, Gersende zur Mittagsruhe gebracht und dann beginnt meine Zeit.

Ich setze mich ins Auto und fahre zur Sprachschule in die Stadt. Mein Weg führt mich durch die grünen Weinfelder des Loiretals, die Luft riecht nach Meer und die Sonne scheint so herrlich warm, dass es sich schon ein bisschen wie Freizeit anfühlt. In meiner Klasse sitzen fast nur Au Pair-Mädchen, die aus aller Welt zusammengewürfelt sind. Ich freue mich schon darauf, mich mit ihnen über die neusten Ereignisse in unseren Familien auszutauschen! So drehen sich die Gesprächsthemen in den Pausen immer um Kinder, Kinder und Kinder und es tut sehr gut zu sehen, dass ich mit meinen Eindrücken aus dem französischen Familienleben nicht alleine bin. Nach ein wenig Grammatik sprechen wir im Konversationskurs über Esskultur. Neben Aufzählungen von Gemüsevokabeln und Diskussionen über Unterschiede im Abgang französischer Weine unterhalten wir uns auch über kulinarische Eigenheiten aus unseren eigenen Heimatländern. Mein chinesischer Mitschüler erzählt von rohen Affenhirnen und Suppe mit lebendigen Fischen.

Als die Stunde beendet ist und manche rote Wangen von der Weinprobe haben, geht die Arbeit für mich weiter. Mit dem riesigen Familienauto schlängele ich mich durch die verwinkelte Innenstadt in die kleine Straße, wo sich die Schule der größeren Kinder befindet. Hinter einem unscheinbaren Tor verbirgt sich das Kloster, in dem sie von Nonnen unterrichtet werden. Im wuselnden Durcheinander der vielen Kinder und Eltern entdecke ich „meine“ sechs, die nach mir Ausschau halten. Sie rufen „Salut!“, werfen die Ranzen in den Kofferraum und plappern drauflos. Es geht um ihre Hausaufgaben und die letzten Skandale auf dem Schulhof. Während die Schlacht um die Kekse losbricht, schalte ich auf Durchzug und in den ersten Gang, um im dichten Berufsverkehr aus der Stadt zu finden. Auf halbem Weg wartet noch Gaultier, der nur für das Wochenende aus dem Internat nach Hause kommt, mit seinem ältesten Bruder auf mich. Es wird eines der wenigen Wochenenden, an denen alle zwölf Kinder zu Hause sein werden. Das Auto ist jetzt so voll, dass einige übereinander sitzen. Gleichzeitig steigt der Geräuschpegel so sehr wie das Stauaufkommen auf der Straße vor mir. Nur die Ruhe...

Zu Hause packen alle ihre Bücher aus und zusammen machen wir am Küchentisch Hausaufgaben. Die Mutter hilft zwar auch dabei, trotzdem ist es die größte Zerreißprobe für die Nerven. Kinderfrust über die Matheaufgaben erregt gleichermaßen Mitleid und strapaziert den Geduldsfaden. Zwischendrin spielen Eudes und Gersende Fangen über Tische und Stühle, bis die Mutter sie endlich ins Spielzimmer schickt. Glücklicherweise ist es heute nicht viel. Wir werden so schnell fertig, dass ich sogar noch Zeit habe, 15 Minuten meiner Lieblingsserie zu sehen. Währenddessen leben die Kinder im Flur lauthals den Ausgleich zum stundenlangen Stillsitzen in der Schule aus. Dann sammle ich die fünf Kleinsten zusammen und lasse ihnen ein Bad ein. Schon zwei Minuten später springen lauter nackte Kinder um mich herum, spritzen sich nass und streiten um Seife, Schwamm oder Handtuch. Aber das regt mich schon lange nicht mehr auf – ich schmunzle nur darüber und wische wortlos den Badezimmerboden trocken. Irgendwann sind dann endlich alle in ihren Nachthemden und wir können zu Abend essen.

Der Tisch ist überbelegt. Natürlich gibt es den üblichen Kampf darum, wer wo sitzt und wer zuerst bekommt. Jedoch merke ich schon fast nichts mehr davon, denn mit meinen Gedanken bin ich längst im Feierabend. Ich weiß nicht, ob ich wirklich noch schwimmen gehen möchte, es ist doch schon nach 20 Uhr. Aber meine Freundin wartet auf mich und Entspannung braucht der Mensch! Also flöße ich Gersende ihren Joghurt etwas schneller ein und räume dann demonstrativ den Tisch ab. Nachdem ich die Küche aufgeräumt und den Boden gewischt habe, ist der Feierabend endlich da. Die Kinder üben vor dem Schlafengehen noch an ihren Instrumenten. Ich hingegen hole meine Sachen, springe ins Auto und fahre zurück in die Stadt. Die Musik ganz laut, lasse ich mir den sommerlichen Abendwind durch das offene Fenster um die Nase wehen – es ist einfach grandios!

Zwar komme ich zu spät am Schwimmbad an, aber meine Freundin ist auch noch nicht da. Wir beherrschen die französische Pünktlichkeit schon fast perfekt. Alex ist kein Au Pair, aber sie arbeitet als Freiwillige in einem deutschfranzösischen Kindergarten. So sind meine Erlebnisse für sie nichts Neues. Deshalb sind Kinder auch kein Thema, als wir zwischen alten, geschminkten Damen gemächlich unsere Bahnen ziehen. Wie geht es der Freundin, wie der Familie zu Hause, was macht die Bewerbung für das Studium, wann kommt der Freund zu Besuch. Das Wasser umspült wohltuend meine strapazierten Nerven, ich will das Becken gar nicht mehr verlassen. Aber das Schwimmbad schließt um 22 Uhr, sodass die Entspannung und der gemütliche Plausch ein Ende finden. Auf dem Rückweg fallen mir dann wirklich fast die Augen zu, das Bett ruft energisch nach mir. Im Haus ist es ganz still, leise steige ich die Treppen hinauf. Die Tür der Mädchen steht noch offen, eine Bettdecke raschelt. Ich höre ein Flüstern: „Henriette?“ „Oui?“ „Bisou!“ Dauphine möchte einen Gutenachtkuss. Das ist so süß, dass ich gar nicht gleich reagieren kann, aber dann schleiche ich ins Zimmer und drücke ihr einen Kuss auf die Wange. Sie schlingt ihre kleinen Arme um mich und da weiß ich, ich habe einen erfolgreichen Tag hinter mich gebracht!


Henriette Alert, 23, studiert Biologie an der RWTH Aachen.



itchy feet Nr.6, Ausgabe 2009

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