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Und täglich grüßt das Abenteuer
Als ich schließlich mein Zimmer in einer kleinen Pension im Zentrum Hanois bezog, hatte ich ein paar Stunden Schlaf bitter nötig. Doch meine Neugierde siegte über die Erschöpfung und so begann ich sofort, die für mich neue Stadt zu erkunden. Ich machte mich auf den Weg, ließ mich treiben und versuchte mir die Straßennamen einzuprägen, die in meinen Ohren alle gleich klangen. Mein Hunger stand mir dabei offensichtlich ins Gesicht geschrieben, denn innerhalb kürzester Zeit war ich umzingelt von Frauen, die mir frische Ananas, Bananen oder süße Teigrollen anboten und sich über meine Kaufwilligkeit höchst erfreut zeigten. Ich merkte schnell, dass ich gut daran tat, ein paar preisliche Richtwerte zu kennen nicht etwa, weil ich mich übervorteilt fühlte; nein, handeln und feilschen gehören ganz einfach dazu und sind wesentlicher Bestandteil der vietnamesischen Kultur. Viel mehr als die Frage nach den Preisen beschäftigte mich aber vorerst das Problem, wie ich die Straße überqueren konnte, ohne von einem Moped überfahren zu werden. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass ich bereits am nächsten Tag selbst auf dem Rücksitz eines Mopedtaxis, genannt „Xe Om“, durch die halbe Stadt fahren würde. War es der Kulturschock, der sich in diesen Momenten bemerkbar machte? Eigentlich mochte ich dieses Wort noch nie. Ich war zwar erstaunt, aber keinesfalls geschockt. Viele Dinge und Situationen, die mir an jenem ersten Tag noch sonderbar erschienen, wurden im Laufe der Zeit alltäglich und Teil meines Hanoier Lebens, andere wiederum versetzten mich jeden Tag aufs Neue in großes Staunen. Mein erster Tag an der Universität begann sehr aufregend. Da ich weder im Besitz eines Stadtplans war, noch eine Ahnung hatte, welcher Bus mich zur neun Kilometer außerhalb der Altstadt gelegenen Universität bringen könnte, folgte ich mutig dem Ruf der zahlreichen Mopedtaxi-Fahrer, die in kleinen Gruppen vor meiner Haustür standen: „Madame, Madame! Xe Om, Moto!“. Ich handelte einen Preis aus und landete nach einer atemberaubenden Fahrt direkt vor den Toren des Campus. Zu meinem Glück lernte ich dort gleich eine Gruppe von vietnamesischen Spanischstudenten kennen, die meine größte Bewunderung ernteten: Ohne je in einem spanischsprachigen Land gewesen zu sein, beherrschten sie die Sprache wirklich gut. Wer hätte gedacht, dass mir meine Spanischkenntnisse in einem fernen Land in Südostasien einmal so nützlich sein würden? Ohne zu zögern, zeigten mir die Studenten den Campus, nahmen mich zum Essen in die Mensa mit und weihten mich in die Kunst des Essens mit Stäbchen ein, was zur großen Erheiterung aller Anwesenden beitrug. Schließlich brachten sie mich in die Deutschabteilung, wo ich meinen zukünftigen Arbeitsplatz begutachten durfte und mich dem Institutsleiter Herrn Ngan vorstellte. Ich wurde freundlich empfangen und bekam zu meiner Verwunderung einen eigenen Schreibtisch im neu eingerichteten, klimatisierten Büro des Chefs zugewiesen. Herr Ngan nahm mich sogleich in seine Dolmetscherklasse mit, von der ich mit Applaus empfangen und mit Fragen bom bardiert wurde. Über das Interesse und die Offenheit der Studenten war ich erleichtert und versuchte, ebenso offen zu antworten. In jedem Fall fühlte ich mich als Praktikantin willkommen und erwünscht und das war wohl die beste Voraussetzung für die kommenden Monate. Tatsächlich hielt die positive Stimmung während der gesamten Zeit meines Praktikums an und ich konnte mich voller Elan meinen Aufgaben und Projekten widmen. Ich unterrichtete Sprach- und Landeskundekurse, stellte ein kleines Zeitungsprojekt auf die Beine und organisierte gemeinsam mit anderen Praktikanten aus Deutschland einen Deutschclub, der eine Plattform für sprachlichen und interkulturellen Austausch darstellte. Bald mietete ich ein kleines Zimmer mit Bad, WC und Kochgelegenheit in Hai Bà Trung, einem Bezirk südlich der Altstadt. Wohngelegenheiten sind zwar für Westler erheblich teurer als für Einheimische, aber erschwinglich und in der Regel nicht schwer zu finden. Ich fühlte mich wohl in meiner Gegend, die von Westlern eher weniger frequentiert wird: In kürzester Zeit kannten mich viele Leute aus der Umgebung und ich fand zwei Stamm-Garküchen, wo ich zu Abend gern gebratenen Reis oder Nudelsuppe mit Rindfleischeinlage aß. Die Damen, die ein Straßeneck weiter warme Bananenkuchen und frisch gepressten Zuckerrohrsaft anboten, sowie der fahrende Maisverkäufer, der mit der Melodie von „Happy Birthday“ lautstark seine Ware ankündigte, hatten in mir bald eine Stammkundin gewonnen. Obwohl ich sehr schnell gelernt hatte, auf Vietnamesisch zu verhandeln, war es um meine Sprachkenntnisse eher schlecht bestellt. Meist machte ich mich mit Stift und Papier bewaffnet auf den Weg, was die Kommunikation erleichtern sollte. Dennoch kam es hin und wieder vor, dass ich genau das Gegenteil von dem bekam, was ich eigentlich wollte. Dann hieß es nach vielen Klarstellungsversuchen vor allem eines: ruhig bleiben und lächeln. Nie bestand die Gefahr, dass Langeweile aufkam. Allein die Einladungen in die Familien meiner Studentinnen waren so zahlreich, dass es mir unmöglich war, alle anzunehmen. Die Besuche boten mir unvergessliche Einblicke in vietnamesische Lebenswelten: Ich durfte an Ahnenverehrungsfeiern teilnehmen, in einer Bastelwerkstatt für Totengeschenke eine Papierfigur kleben oder traditionelle Kleider anprobieren. In den Familien wurde ich stets als Ehrengast empfangen und der gesamten Verwandtschaft vorgestellt. Die Herzlichkeit, mit der ich überall aufgenommen wurde, hat mich oft sehr berührt und ich möchte keine der Begegnungen missen. Dennoch muss ich zugeben, dass es manchmal auch anstrengend sein konnte, als „Exotin“ vorgeführt und von den weiblichen Familienmitgliedern gekniffen zu werden oder nach einem ausgiebigen Mahl immer noch die besten Stücke in die Essschale gelegt zu bekommen ein Zeichen von Gastfreundschaft, das man schwer ablehnen kann. Die Ausflüge in die Heimatdörfer der Studentinnen waren besonders aufregend. Es konnte vorkommen, dass vom Priester bis hin zum Bürgermeister das halbe Dorf mit einem Schälchen Tee auf den außergewöhnlichen Besuch wartete. Abgesehen von den Besuchen unternahm ich ebenfalls viel mit den Studentinnen oder anderen vietnamesischen Bekannten. Sie führten mich durch den Nachtmarkt, ins Wasserpuppentheater und zu traditionellen Musikaufführungen oder nahmen mich auf ihren Mopeds quer durch die ganze Stadt mit, um mir außergewöhnliche Plätze zu zeigen. Als ich gegen Ende meiner Zeit in Hanoi Besuch aus der Heimat bekam, wurde mir erst so richtig bewusst, wie sehr ich mich dort eingelebt hatte. Vieles, was bei meinem Gast Staunen und Verwunderung auslöste, war für mich inzwischen alltäglich und gehörte ganz selbstverständlich zu meinem Hanoier Leben. Auf einer wunderschönen Reise im Anschluss an mein fünfmonatiges Praktikum hatte ich noch die Gelegenheit, völlig andere Winkel des Landes kennen zu lernen und mich langsam an den Gedanken der Heimreise zu gewöhnen. Jedes Abenteuer geht schließlich irgendwann zu Ende aber das nächste kommt ganz bestimmt! Manuela Lang, 28, hat in Wien ihr Übersetzerstudium mit den Sprachen Spanisch und Englisch abgeschlossen. Sie unterrichtet Deutsch als Fremdsprache und ist derzeit als Sprachassistentin in London tätig. itchy feet Nr.6, Ausgabe 2009 |
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