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Home / Australisches Reisemagazin
Wie viele Synonyme für „wunderschön“ gibt es?
Schreiben für ein australisches Reisemagazin

„Krächz, krächz! Öööaaak! Krähäääächz!“ Och nö, ich will nicht aufstehen! Lasst mich doch einfach schlafen ihr doofen Kakadus! Wie jeden Morgen stopfe ich mir Ohropax in die Ohren. Wie soll ein Mensch bei all dem Gekrächze der Papageien und dem Gelächter der Kockaburras schlafen? Deutsche Tauben und Amseln sind ein Traum dagegen. „Piep, piep, piep!“ Wie in Trance greift meine Hand zum Wecker. 7:15 Uhr, aufstehen. Zehn Minuten habe ich im Bad, danach ist meine Mitbewohnerin dran. In Australien soll man ohnehin nicht länger als fünf Minuten duschen: Trockenzeit heißt Wassersparzwang. Rein in die Klamotten, schnell was gefrühstückt und dann zum Bus gelaufen. 20 Minuten später fahre ich über die Harbour Bridge in Sydney. Ich liebe dieses morgendliche Erlebnis: Die noch tief stehende Sonne hinter dem Opernhaus, das Verkehrschaos auf der weltberühmten Brücke, die Anzug, Sonnenbrille und Turnschuhe tragenden Australier im Bus und der wunderschöne Blick über Sydneys langen Naturhafen Port Jackson. Welcher Luxusliner hat wohl heute am International Terminal mitten in der Stadt angelegt?
Eine halbe Stunde später, in der wir uns mit unzähligen weiteren Bussen Heck- an Frontscheibe Meter für Meter durch den Central Business District gequält haben, steige ich am Hauptbahnhof aus. Um grob geschätzt Viertel nach neun oder auch halb zehn bin ich bei der Arbeit in der Redaktion des Reisemagazins „Australian Traveller“. Mein Arbeitsbeginn richtet sich danach, ob und wann mein jeweiliger Bus fährt. So gegen neun geht es jedenfalls los. Auf Australisch heißt das, passt schon, wenn du gegen halb zehn da bist. Trotzdem finde ich mich allzu oft einen Smoothie schlürfend im Büroflur hockend wieder. Deutsche Pünktlichkeit eben. Meine vier Kollegen trudeln nacheinander ein, alle in Shorts, Flip Flops, Sonnenbrille. Knapp 150 Seiten gespickt mit Reiseinfos, Hoteltipps, faszinierenden Landschaften und Abenteuern wollen gefüllt werden und nicht nur das: Wir arbeiten an der bisher umfangreichsten Sonderausgabe des Magazins mit 100 Reise-Geheimtipps in Australien. Die muss man erstmal finden, anschließend dann alle beschreiben und ein Foto zu jedem einzelnen suchen.
Schon seit Wochen surfe ich im Internet bis sich meine Netzhaut biegt, lese Seiten von Touristikbüros und Erfahrungen von Reisenden, sammle Informationen, die kaum jemand kennt. Etwa 900 Nominierungen gibt es zu sichten. Aus ihnen gilt es eine Top-100-Liste zu erstellen. Ich werde trotz oder gerade wegen meiner Fremdheit in diesen Auswahlprozess mit eingebunden, auf mein Urteil wird Wert gelegt. Meine Kollegen telefonieren sich die Finger wund, spinnen ein Netzwerk aus Fachleuten, stellen eine Jury zusammen, die uns bei der finalen Auswahl unterstützt. Manchmal weiß ich wirklich nicht mehr, was ich schreiben soll. Ich lese und schreibe, lese und schreibe, lese und schreibe. Alle vorgestellten Orte und Sehenswürdigkeiten lassen mir das Wasser im Munde zusammenlaufen. Was für ein beeindruckendes Land Australien doch ist! Am liebsten würde ich direkt meine Koffer packen und losfahren. Ab und zu gehen mir die Vokabeln aus: Wie viele verschiedene Synonyme für „wunderschön“ gibt es? Habe ich nicht bei der letzten Sehenswürdigkeit schon geschrieben, sie sei beeindruckend, atemberaubend, faszinierend, das ultimative „must-see“?
Zwei Monate lang arbeiten wir wirklich hart. Wir recherchieren, finden, fragen, sammeln, schreiben und beschreiben, bis wir abends in unsere Betten fallen. Zusammen mit einer Kollegin produziere ich alle zwei Wochen einen Newsletter mit eigenen redaktionell erstellten Inhalten. Ich schreibe und recherchiere Artikel und Meldungen für den Vorderteil des Magazins, kritisiere in der Gruppe die letzte Ausgabe des Magazins und erarbeite im Team neue Rubriken. So locker lässig der „Australian Way of Life“ ist, auch Down Under wird tüchtig gearbeitet. Nicht nur was die Uhrzeit des Arbeitsbeginns angeht, sind meine Kollegen flexibel. In Bezug auf den Feierabend zeigen sie ebenfalls Flexibilität. Eher selten komme ich schon um 17 Uhr aus der Redaktion. Meist ist es 18 oder 19 Uhr während meine Kollegen noch immer weiterarbeiten. Eine rich tige Mittagspause gibt es so gut wie nie. Gegessen wird immer arbeitend vorm Bildschirm. Entweder bringe ich mir etwas mit oder ich gehe ins Shopping Centre und kaufe dort mein Mittagessen. Das ist zwar teurer, so komme ich aber zumindest für zehn Minuten aus der kühlschrankartig klimatisierten Redaktion heraus ans Tageslicht.
Trotz der stressigen und ermüdenden Tage und trotz der regelmäßig über meinen Schreibtisch krabbelnden Baby-Kakerlaken mag und genieße ich meine Arbeit. Ich werde als fremdsprachige Praktikantin ebenso gefordert wie meine Kollegen. Ich darf selbstständig recherchieren und schreiben, bekomme einen Einblick in die Arbeitsweise eines Reisemagazins und somit ist dieses
journalistische Praktikum wirklich das, was es sein sollte. Ich kann in meinem Volontariat und meinem Studium Gelerntes anwenden und lerne viel dazu. Am Ende habe ich knapp 40 der 100 Geheimtipps selber geschrieben, neben mehreren Reportagen und Artikeln in den anderen Magazinrubriken.
Bezahlt werde ich für meine Arbeit nicht. Ich habe diesen Aufenthalt Down Under mit einer Praktikums-Organisation geplant und auf diesem Wege ist es beinahe unmöglich, an bezahlte Praktika heranzukommen. Ich bekomme jedoch, so eröffnet mir mein Chef ein paar Wochen vor Ende des Praktikums, ein Dankeschön-Wochenende geschenkt. Die Redaktion schicke mich auf ihre Kosten zu einem der 100 Geheimtipps. Als leidenschaftliche Taucherin erlebe ich dort zwei der schönsten Tauchgänge, die ich in zehn Jahren erleben durfte. Ich tauche zum ersten Mal in einer richtigen Höhle und mit 30 vom Aussterben bedrohten Sandtiger-Haien zwei unvergessliche Erlebnisse! Klar, dass ich darüber eine Reportage schreibe, die noch nach meiner Rückkehr nach Deutschland im Magazin erscheint.
Nach getaner Arbeit wartet eine Stunde Rückfahrt durch die zweite Business Hour des Tages auf mich. Wieder genieße ich den Anblick des Hafens. Wenn ich die letzte Fähre noch erwische, nehme ich den Weg über das Wasser. Neben unzähligen Businessleuten und Touristen stehe ich am Circular Quay, wo die Fähren anlegen. Kurz darauf verlassen wir die Fährstation, die direkt zwischen der Harbour Bridge und dem weltberühmten Opernhaus liegt, umrunden das Wahrzeichen der Stadt und biegen kurz darauf ab zum Anlieger Cremorne Point, an dem ich aussteige. Am liebsten sitze ich auf der Fähre draußen. Der australische Wind weht mir um die Nasenspitze, ich spicke hier und da auf die Laptops der auf dem Nachhauseweg noch arbeitenden Australier, lausche ihren Handygesprächen und finde den Blick auf die Stadt und ihre Skyline Tag für Tag faszinierender. All das speichere ich tief in meinem Herzen, schwöre mir, es niemals zu vergessen. Es ist mir nicht möglich, ein leichtes Grinsen abzustellen, auch nicht nach einem zehnstündigen Arbeitstag.
Als ich meine Straße hoch schlendere, höre ich schon von Weitem die Klänge einer Akustikgitarre sowie von Bongotrommeln. Die Brise trägt einen Geruch in meine Nase, der mir das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt. Das Beste daran: Ich weiß, die Klänge und dieser herrliche Geruch wehen von meinem Zuhause herüber. Mit Vorfreude drehe ich den Schlüssel im Schloss der Haustüre um und bin schon gespannt, wer heute zu Besuch ist. Mein Gastbruder steht mit einem Bandkollegen singend und Gitarre und Trommeln spielend im Wohnzimmer. Heute ist wieder einmal Live Session angesagt. Wer ein guter Musiker werden will, muss üben und die Familie gibt ein dankbares und kritisches Publikum ab. Meine Gastmutter tänzelt mit einem Glas Rotwein in der Hand abwechselnd vom Wohnzimmer an den Herd, wirft hier noch etwas in die Pfanne, füllt da noch einen Teller und erkundigt sich danach, wie mein Tag war. Schwupps habe auch ich ein Glas Wein in der Hand und stelle die allabendliche Frage: „Wie viele Leute sind wir heute?“ Kurz rechnen wir nach, dann weiß ich, ob ich vier, fünf oder auch sieben Teller auf den Tisch stellen muss.
Es zieht sich zwar alles eine ganze Weile hin, aber irgendwann essen wir in geselliger Runde. Diese besteht aus meinem Gastbruder, seiner Mutter, meinen beiden koreanischen und brasilianischen Mitbewohnern sowie verschiedenen Freunden der Familie und mir. Ich freue mich schon darauf, nach dem Essen meinen Freund anzurufen, der am anderen Ende der Welt langsam aufwacht. Danach schnappe ich mir mein Buch. Ich lese einen australischen Klassiker und bin schon den ganzen Tag gespannt, wie es weitergeht. Doch in dem Moment, in dem mein Kopf das Kopfkissen berührt, fährt mein System runter. Mit Mühe und Not schaffe ich gerade noch zwei Seiten, bevor die Buchstaben zu tanzen beginnen, die Zeilen verrutschen und die Augen zufallen. So viele Eindrücke gilt es zu verarbeiten, so viel Energie neu aufzuladen. Ehe ich mich versehe, krächzen erneut die Kakadus.
Sonja Kaute, 31, studiert Journalistik und Psychologie in Dortmund. Nach ihrem Diplomabschluss würde sie gerne für Fachzeitschriften arbeiten und weiterhin viel reisen.
itchy feet Nr.6, Ausgabe 2009
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