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A Home Away from Home
313 Tage in den USA

Drei Worte in meinem Tagebuch lösen auch heute noch ein Bauchgefühl in mir aus, das schwer zu beschreiben ist: „Ich bin da!“ Nach Monaten, die ich schwankend zwischen Nervosität, Unsicherheit und Vorfreude, Neugierde und „endlich-los-wollen“ verbracht habe, betrete ich zum ersten Mal in meinem Leben amerikanischen Boden und verlasse ihn für elf Monate nicht mehr. Nicht sofort geht es zu meiner Gastfamilie nach Aurora, Colorado, sondern nach Chicago, wo meine Organisation zweieinhalb sonnige Tage als Einführungsseminar für uns Austauschschüler eingeplant hat. Dort angekommen warten die ersten Erfahrungen mit dem „American Way of Life“: Vor dem Flughafen stehen lange Limousinen, ich esse mein erstes Subway Sandwich, die Matratzen erscheinen mir viel weicher und dicker, die Autos größer. Ich versuche, den Jetlag zu überwinden und mir einige letzte Tipps der Austauschorganisation zu merken, bevor der Inlandflieger mich zu meiner Gastfamilie bringt, über die ich nicht viel mehr weiß als ihre Namen und ihre Adresse.

Die Gilbert Familie hatte sich erst wenige Tage vor meinem Abflug dazu entschieden, mich aufzunehmen. Sie wartet nun vor dem Gate in Denver mit Ballons und Willkommensschildern auf mich. Ich bin nervös. Wie werden sie mich begrüßen, werde ich mit meinem Schulenglisch verstehen, wovon sie sprechen, wie wird das Haus aussehen, wie mein Zimmer? Werde ich gut mit ihnen auskommen? Meine Gasteltern Jackie und Jeff umarmen mich herzlich und dann sind da noch mein Gastbruder Adam, der als jüngster der vier erwachsenen Söhne aufgrund seiner geistigen und körperlichen Behinderung noch zu Hause lebt, und der braune Labrador Heffner. Nach den ersten Fragen – „yippie, ich verstehe, was sie sagen und kann darauf antworten, wenn auch etwas stotternd!“ – geht es schon weiter in mein neues Zuhause, wo ich ein eigenes Zimmer mit einem riesigen Bett und Aircondition habe.

Die ersten Tage verbringe ich damit, zusammen mit dem Hund die Gegend zu erkunden. Die Schule hat noch nicht angefangen, ich kenne niemanden und meine Gasteltern arbeiten den ganzen Tag. Jackie ist Sekretärin in einer katholischen Kirchengemeinde und auch Jeff arbeitet dort, als Mann für alles. Ich versuche mich zu beschäftigen, doch das Heimweh überkommt mich. Telefonate mit meiner Familie in Deutschland schaffen nur kurzfristig bessere Laune und ich überlege mir einen Notfallplan: Sollte ich mich in einigen Monaten immer noch so fühlen wie in den ersten Wochen, werde ich statt einem Jahr nur ein halbes bleiben. Diese Option im Hinterkopf hilft mir, mich zu beruhigen. Obwohl meine Gasteltern ja eigentlich noch Fremde für mich sind, sage ich ihnen ehrlich, wie es mir geht. Sie unterstützen mich, geben mir „hugs“ und das Gefühl, bei ihnen willkommen zu sein und verstanden zu werden. Diese recht schwierige Anfangszeit für mich ist der Beginn unserer innigen Beziehung, die bis heute hält.

Kurz vor Schulanfang treffe ich mich mit meinem „counselor“ Mr. Reynolds, der mein Betreuungslehrer an der High School sein wird. Er hilft mir, meinen Stundenplan zusammenzustellen. Ich werde Math, American History, American Literature, Creative Writing, Journalism, Drama und Choir belegen. Es wird ein Foto für meine Student ID Card gemacht und so bin ich im Handumdrehen der jüngste Senior, also Zwölftklässler, der Schule! Ich freue mich auf die Schule mit Leuten in meinem Alter und darauf, ein anderes Schulsystem kennen zu lernen, das es mir erlaubt, täglich Theater zu spielen und im Chor zu singen. Die erste Woche an einer amerikanischen High School beginnt vielversprechend. Da ich die einzige Austauschschülerin an der 2.000 Schüler zählenden Schule bin, werde ich von den Mitschülern angesprochen. Während des „lunch breaks“ treffe ich mich mit ein paar Leuten, wir essen und quatschen. Ich finde meinen Weg alleine nach Hause und ein paar Mal werde ich von anderen Schülern im Auto mitgenommen. Dann die zweite Woche, eine Enttäuschung: Die erste Aufregung um mich, den „exchange student from Germany“, hat sich gelegt. Ich bemerke, dass die anderen ihre festen Freundeskreise haben, ihre Sportarten, ihr Leben und dass ich neu bin, mich in einem ungewohnten Umfeld bewege, dass ich mir mein Leben hier erst aufbauen muss.

Das Heimweh kommt wieder. Nach ein paar Tagen merke ich: So läuft das nicht, ich muss mir einen Ruck geben, positiver denken, etwas tun! Ich setze mir Ziele, kleine zunächst. Überlege mir, dass ich mich einer Sportmannschaft an schließen werde, obwohl ich Sport eigentlich nicht besonders mag. Ein paar der Mädchen, die ich kenne, sind Cheerleader. Sie laden mich ein, zur Probetrainingswoche zu kommen. Es ist anstrengender und anspruchsvoller als ich gedacht hatte, aber der Zusammenhalt unter den Mädels, der so oft angepriesene „school spirit“, gefällt mir. Nach den „try-outs“ eine Woche später bin ich fest dabei, mit eigener weiß-grüner Uniform, eine echte Cheerleaderin! Nun heißt es von halb acht morgens bis nachmittags um 15 Uhr Schule, dann drei Stunden „cheerleading practice“, danach an den meisten Abenden und an den Wochenenden beim Football, Soccer, Basketball, Wrestling oder Swimming cheeren: „Come on, Trojans, let’s fight, yell victory tonight! Yell it loud again, shout win, Trojans win!“ Anschließend geht es ab nach Hause: essen, Hausaufgaben, schlafen. Der amerikanische Alltag hat mich! Aber ich bin erleichtert: Der straffe Stundenplan lässt kaum mehr Zeit für Heimweh, stattdessen lerne ich viele neue Leute kennen und erste engere Freundschaften entstehen.

Im Dezember fälle ich die Entscheidung, ein Jahr bleiben zu wollen. Das Verhältnis zu meiner Gastfamilie ist super. Wir lachen viel, können aber auch ernste Gespräche führen. Ich fühle mich in die Familie integriert, meine Gasteltern zeigen mir, wie viel es ihnen bedeutet, dass ich bei ihnen bin. Nur mit meinem Gastbruder gibt es ab und zu Probleme, da er eifersüchtig auf mich ist. Unser wechselhaftes Verhältnis nagt an mir, ich würde mich gerne besser mit ihm verstehen. Meine Gasteltern meinen: „Give it time“. Und das mache ich auch. An der Schule läuft alles rund, bis auf Mathe. Das Fach habe ich noch nie gemocht und habe es schleifen lassen. Nach ein paar schlechten Noten sehe ich ein, dass ich mehr tun muss. Die anderen Fächer machen mir sehr viel Spaß, vor allen Dingen Drama und Choir. Die Schule hat ein eigenes Theater, wo pro Schuljahr zwei Stücke und regelmäßig Konzerte aufgeführt werden. Beim Konzert zum Thema „diversity“, in dem es darum geht, die kulturelle Vielfalt der Schülerschaft zu betonen, werde ich von der Deutschlehrerin der Schule in ein Dirndl gesteckt und singe ein Lied mit deutschem Text. Nie zuvor oder danach habe ich je ein Dirndl getragen! Im Januar folgt mein ganz persönlicher amerikanischer Tag: Vor einem Basketballspiel singe ich vor der vollbesetzten Halle den Star-Spangled Banner. Ich stehe alleine am Spielfeldrand, das Publikum erhebt sich, es ist still, bis auf meine Stimme. Hinterher wird geklatscht, ich bin sehr berührt.

Mit der Zeit bemerke ich, dass Theater spielen und im Chor singen mir mehr bedeuten als das Cheerleaden. Mit den Leuten von den „performing arts“ verbindet mich eine gemeinsame Leidenschaft. Eine Entscheidung muss gefällt werden, für oder gegen das Cheerleaden, denn beides lässt sich nicht vereinbaren. Nach fünf Monaten als Mitglied der Cheerleading Squad höre ich Ende Januar auf. Ich stürze mich in das Vorsprechen und Vorsingen für ein Musical und bekomme eine gute Rolle. Die Aufführung findet nach monatelangem Proben in der Zeit während der Osterferien in Deutschland statt. Meine Eltern und meine jüngere Schwester kommen für zwei Wochen zu Besuch und schlafen in der Vorstellung ein. Sie waren gerade erst gelandet und haben einen Jetlag. Es ist schön zu sehen, wie sich meine amerikanische Familie mit meiner deutschen Familie versteht, trotz der Sprachbarrieren. Für mich ist es nicht ganz einfach, plötzlich zwei Mamas und Papas um mich herum zu haben, auch wenn ich die kurze Zeit zusammen sehr genieße. Meine deutsche Familie lernt mein amerikanisches Leben kennen. Meine Schwester kommt mit in die Schule und wir unternehmen zusammen etwas mit meinen Freunden. Meine Eltern sehen zum ersten Mal meinen Freund Danny, mit dem ich seit ein paar Monaten zusammen bin. Das Verhältnis zwischen meinem Gastbruder und mir verbessert sich ebenfalls durch den Besuch. Er merkt, dass ich eine Familie habe und ihm seine nicht wegnehmen will.

Das letzte Vierteljahr bis zur Rückkehr nach Deutschland geht ohne Heimweh vorüber. Ich verbringe viel Zeit mit Freunden und mit dem Chor fahren wir für eine Woche zu einem Chorfestival nach Salt Lake City. Dann steht der Abschlussball an, auf dem Danny zum „Prom Prince“ ernannt wird: Ein festlicher Abend, der mit einer riesigen Party endet. Der Abschied rückt immer näher, das Schuljahr ist für mich nach der „Graduation Ceremony“ beendet. Ich bin eine von 500 Schülern, die das weiße „cap and gown“ tragen, mein Name wird ausgerufen, ich trete vor, erhalte mein High School Diploma. Meine Gasteltern weinen vor Rührung. Dies ist auch für mich ein wirklich bewegender Moment. Der Abschied von meiner Gastfamilie, meinen Freunden und meinem Freund fällt mir schwer. Ich habe mich an das Leben hier gewöhnt, an den amerikanischen Alltag, an mein „amerikanisches Ich“. Doch ich bin mir sicher, dass es kein „goodbye“, sondern ein „see you later“ ist: In den nächsten Herbst ferien fliege ich zurück und in den Weihnachtsferien kommt mich meine amerikanische Familie in Deutschland besuchen.

Inzwischen liegt mein Austauschjahr schon ein paar Jahre hinter mir. Die elf Monate in den Staaten haben nicht nur meine Sprachkenntnisse extrem verbessert, sondern mir vor allen Dingen geholfen, mich persönlich weiterzuentwickeln. Es ist viel einfacher geworden, mich in neuen Situationen zurechtzufinden und auf Menschen offen zuzugehen. Ich habe begriffen, dass ich auch weit weg von meiner gewohnten Umgebung stark bin und in schwierigen Situationen klarkomme. Was ich zudem verstanden habe: Ohne die richtigen Leute ist es nur halb so schön. „Having a place to go is a home. Having someone to love is a family. Having both is a blessing.” In Amerika habe ich beides gefunden: ein Zuhause und eine Familie.


Katharina Müller, 23, studiert bilingual Angewandte Literatur- und Kultur wissenschaften, Soziologie und Theologie an der TU Dortmund. Derzeit befindet sie sich für ein Auslandssemester in Portugal.



itchy feet Nr.6, Ausgabe 2009

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