Unsere Tourismusprofessoren sind generell sehr offen und gesellig: Gleich in der ersten Woche luden sie mich und weitere deutsche Austauschstudenten zu einem typisch südafrikanischen Braai ein, einem Grillabend. Die Vorlesungen an der North-West University und die damit verbundene Arbeit empfinde ich als relativ leicht. Ich bin immer wieder aufs Neue überrascht, wie schnell die Stunden vorübergehen. Im Gegensatz zu meinen 90- minütigen Veranstaltungen in Deutschland dauern die Unterrichtsstunden hier maximal 45 Minuten und laufen eher wie in der Schule ab: Hausaufgaben, Gruppenarbeit und regelmäßige Tests gehören zum Alltag. Mit der englischen Sprache hatte ich von Anfang an keine Probleme, da ich meine Fremdsprachenkenntnisse bereits während vergangener Auslandsaufenthalte perfektionieren konnte. Der Klang der eigentlich viel häufiger genutzten Sprachen dieser Region, Afrikaans und Tswana, veranlassen mich oft zum Schmunzeln, obwohl oder gerade weil ich kein Wort verstehe. Insgesamt ist es schon faszinierend zu beobachten, wie so viele verschiedene Kulturen nebeneinander leben. Wer in Europa ist schon darüber informiert, dass es elf offizielle Amtssprachen in Südafrika gibt und Englisch nur von einer Minderheit als Muttersprache gesprochen wird? Die Bezeichnung Südafrikas als Regenbogennation ist treffend. Meine Kommilitonen sind unterschiedlichster Abstammung: indisch, zulu, asiatisch und so weiter. Leider ist das Zusammenleben nicht überall von Offenheit und Toleranz geprägt. Drei weitere Deutsche und ich hatten das Glück, zu Beginn des Semesters von einem Kommilitonen zu einer Party eingeladen zu werden, auf der wir die einzigen Weißen unter knapp 200 schwarzen Gesichtern waren. Das war eine der spannendsten, aber auch lehrreichsten Erfahrungen meines bisherigen Lebens, denn uns wurden nicht nur ungewöhnliche Tanzbewegungen beigebracht, sondern wir bekamen auch Nachhilfe in südafrikanischer Denkweise erteilt. Ernüchtert mussten wir feststellen, dass wir als Weiße nur auf die Party durften, weil wir aus Deutschland kamen. Weiße Südafrikanerinnen waren laut Aussage einiger Gäste hingegen nicht willkommen. Was das Problem der Kriminalität angeht, bin ich glücklicherweise selbst noch nicht zum Opfer geworden. Fast allen Mitbewohnern meines internationalen Studentenwohnheims ist in der Zwischenzeit etwas gestohlen worden, vom Deo über das Fahrrad bis hin zum Portemonnaie. An die hohen elektrischen Zäune überall mag ich mich zwar nicht gewöhnen, sie scheinen jedoch zu helfen. Mit einfacher Gelassenheit erklärte mir jemand: „So ist das eben in Südafrika, die Guten leben hinter dicken Mauern und hohen Zäunen, während die Bösen die Freiheit genießen.“ Als Austauschstudentin habe ich den großen Vorteil, dass die ansässige Tourismusfakultät eine Menge Ausflüge und Reisen organisiert. So konnte ich bereits im Kruger Nationalpark auf Safari gehen und das typische Afrika-Feeling genießen. Sun City, das Las Vegas Südafrikas, habe ich ebenfalls besucht. Joburg, wie Johannesburg hier meist genannt wird, machte ich mehrfach an Wochenenden mit Freunden unsicher. In den Ferien ging ich mit Besuch aus Deutschland auf große Tour durch das Land: Über die Diamantenstadt Kimberley und den Karoo Nationalpark fuhren wir bis nach Kapstadt, anschließend zum Kap der Guten Hoffnung und entlang der Garden Route wieder quer durch Südafrika zurück nach Potchefstroom. Das Beobachten von Pinguinen am Boulders Beach, das Spielen mit Löwenbabys auf einer Löwenfarm und ein Straußenreiten stellten nur einige Höhepunkte auf der Tour dar. Südafrika hat touristisch eine Menge zu bieten. Neben den Schwärmereien über die landschaftliche Schönheit des Landes möchte ich die soziale Ungerechtigkeit allerdings nicht unerwähnt lassen. Man kann sich kaum vorstellen, unter welchen Umständen Millionen Menschen leben: in Wellblechhütten, zum Teil ohne Strom und Wasser. Die Townships liegen am Rande jeder Stadt, meist im Industriegebiet, aber manchmal sogar direkt neben dem Villenviertel. So paradox es klingt, inzwischen werden diese Gebiete sogar touristisch sehr erfolgreich vermarktet. So gibt es Touren auf denen Touristen für eine halbe Stunde Elend und Armut mit eigenen Augen sehen können und hoffentlich ein wenig Geld für Souvenirs dalassen. Um zu zeigen, dass die Regierung versucht, das Problem der sozialen Einkommensschere zu lösen, werden auf den Rundfahrten auch solche Straßenzüge gezeigt, in denen die Wohnsituation bereits verbessert werden konnte. Regelmäßig fahre ich mit einer kleinen kirchlich organisierten Gruppe von Studenten in ein nahe Potchefstroom gelegenes Township. Gemeinsam versuchen wir Kindern auf spielerische Art und Weise Englisch beizubringen. Außerdem teilen wir Essen aus. Es ist einfach schön, wenn man in den großen, fasziniert blickenden Kindergesichtern sieht, dass ihnen die Ungerechtigkeit noch nicht bewusst ist. Sie lachen, tanzen, entwickeln Träume und planen, was sie alles machen wollen, wenn sie einmal groß sind. Wenn ich nicht für Tests lerne, Assignments zu erledigen habe, die Kinder des Townships betreue oder auf Reisen unterwegs bin, erlerne ich im Impala-Club das südafrikanische Paartanzen oder lasse mir im Garten die Sonne auf den Pelz brennen. Dabei kann man nahezu die Zeit vergessen, was einem aber niemand übel nimmt, denn laut Africa-time gibt es keine Pünktlichkeit. Hier ticken die Uhren einfach langsamer und ich habe mich bereits voll daran gewöhnt. Andrea Töpfer, 23 Jahre alt, studiert Internationales Tourismusmanagement an der Fachhochschule Westküste in Heide, Schleswig Holstein. itchy feet Nr.5, Ausgabe 2008 |
|
|||||||||||||||