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Ein Semester im Herzen Italiens
WG und Zeitung als Schlüssel zur Kultur

„Benvenuto e leck’ mich am Arsch“: Mit diesen Worten und einem breiten Grinsen nahm mich mein süditalienischer Mitbewohner Ciro eines späten Sonntagabends in Empfang und in den Arm. Humorvoll und herzlich war die Begrüßung. Ich war verreist gewesen und kam nun zurück nach Hause, in meine Wohngemeinschaft nach Perugia: Ein schönes Zuhause, in dem ich mich schnell heimisch gefühlt hatte. Gemeinsam mit den drei italienischen Studenten Ciro, Marco und Nicole lebte ich im grünen Herzen Italiens. Für ein Semester war ich mit dem Erasmus-Programm nach Perugia gegangen, in die Hauptstadt der Region Umbrien. An der Università degli Studi studierte ich Linguistik sowie Anthropologie und an der Università per Stranieri belegte ich einen Sprachkurs, um meine zu Beginn noch recht bescheidenen Italienischkenntnisse zu verbessern.

Für Ciro sollten es die einzigen deutschen Worte bleiben. Mein Italienisch ist, auch dank ihm, nach insgesamt sieben Monaten Italien als „buono“ zu bezeichnen. Daher mein Tipp an alle zukünftigen Austauschstudenten: Sucht euch eine Wohngemeinschaft mit Einheimischen! Dort lernt ihr die Sprache, den Alltag und die Mentalität am besten kennen. So wie es das Klischee besagt, dreht sich das Leben in Italien tatsächlich in einem nicht unerheblichen Maße um Vergnügungen wie den Fußball, das Essen und die Muße. Kleine Beispiele aus dem Alltag gefällig? In meiner Stammkneipe begrüßte mich der Wirt immer schon von weitem mit einem euphorischen „Forza Napoli!“ Der Pizzabäcker meines Vertrauens war immer für einen kleinen Plausch über manche gar nicht so geheimen Geheimnisse der italienischen Küche aufgelegt. Auch die hübsche Bedienung im Café winkte mir gleich bei meinem zweiten Besuch fröhlich zu, erkannte mich als zukünftigen Stammkunden und brachte mir, ohne dass ich erst bestellen musste, stets eine Tasse heißer Schokolade.

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten: Vergnügungen gibt es viele in Italien, Probleme aber ebenso. Perugia ist, wie viele andere Städte des Landes, teuer und chaotisch. Zudem berichteten die Zeitungen jede Woche von Drogenhandel, Drogenrazzien oder Drogentoten und von tief sitzenden Problemen des wunderschönen Südens, die sich immer wieder in Gewaltorgien entladen. „In Neapel singen nur noch die Waffen“ war eine der Schlagzeilen des Winters. Der im Land des Weltmeisters so geliebte Fußball wurde fast wöchentlich von Wellen des Hooliganismus erschüttert, die auf Sizilien im Tod eines Polizisten ihren traurigen Höhepunkt fanden. Arbeit gibt es in Perugia nur wenig und die ist meist schlecht bezahlt. Angesichts der in den vergangenen Jahren explodierten Lebenshaltungskosten führt dies zu Missständen. Selbst Familien mit zwei Einkommen können das Ende eines Monats, finanziell betrachtet, kaum erreichen; Studenten müssen jeden Cent zweimal umdrehen. Ein weiterer Tipp an alle, die ein Auslandssemester noch vor sich haben: Lest viel Zeitung! Sie ist Lehrmittel und Kontaktmittel zugleich. Die Zeitungslektüre vermittelt einem nicht nur die Standardsprache, sondern versorgt einen auch mit den Dingen, die das Land bewegen und liefert einem Gesprächsstoff für die nächste Konversation.

Die universitären Veranstaltungen in den Geisteswissenschaften waren fast ausschließlich auf Frontalunterricht ausgerichtet, Diskussionen Fehlanzeige. Zum Glück war ich bei meiner Ankunft in Italien scheinfrei und konnte das Universitätsleben im Modus „tranquillo“ angehen. Ein von Herzen kommendes Kompliment eines italienischen Kommilitonen auf der Treppe vor dem Vorlesungssaal ließ alle Defizite in einem anderen Licht erscheinen: „Du bist der klassische italienische Student. Mit Geduld und stoischer Ruhe erträgst du alles. Und du weißt die wirklich wichtigen Dinge des Lebens zu schätzen...“ Ich lächelte, sagte „grazie“ und versenkte den Kopf wieder in der rosafarbenen Pflichtlektüre für alle Sportbegeisterten, der Gazzetta dello Sport. Sie ist eine von drei täglich erscheinenden Tageszeitungen, die sich ausschließlich um die Welt des Sports drehen, hauptsächlich um Fußball. Im Land des Weltmeisters gibt es eben viele verrückte Fans.

Eine andere verrückte italienische Eigenheit ist der „sciopero“, der Streik. Alle Branchen scheinen von Zeit zu Zeit zu streiken, auch die Journalisten. Mal erscheint dann drei Tage lang keine Zeitung, die Fernsehnachrichten dauern anstatt der üblichen 30 nur drei Minuten und ein Länderspiel des Weltmeisters wird ohne Kommentatoren übertragen. Oder, sehr beliebt, Trenitalia streikt und streicht ersatzlos Züge, sodass die Menschen stundenlang an den Bahnhöfen warten müssen. Ausländer stehen ein wenig hilflos herum, Italiener jedoch nehmen den fast schon zur Gewohnheit gewordenen Streik lediglich mit einer Mischung aus Resignation und Gelassenheit zur Kenntnis, zucken mit den Schultern und warten einfach auf den nächsten Zug, der bestimmt irgendwann kommt. Schließlich geht es ja dann doch irgendwie immer weiter und jeder erreicht sein Ziel.

Das halbe Jahr in Italien neigte sich dem Ende entgegen, zu schnell. Mein letzter Tag in Perugia stand bevor. Mit einem weinenden und einem lachenden Auge nahm ich nach einer mich nachhaltig prägenden Zeit Abschied von Italien, von Perugia und dem „dolce vita“. Ebenso wie die ersten Schritte waren auch die letzten interessant und irritierend zugleich. Mit Freunden, Bekannten und Mitbewohnern aus aller Welt feierten wir in und mit meiner Wohngemeinschaft. Es wurde gesprochen, getrunken und zu später Stunde zu deutschen Schlagern und kölscher Karnevalsmusik getanzt. Der Einzige, der die Texte verstand, war ich, der einzige Deutsche an diesem Abend. Die einfachen Melodien und Botschaften verbanden die internationalen Gäste wie ein unsichtbares Band: Brasilianer sangen „Viva Colonia“, Ukrainer „Fiesta Mexicana“ und Italiener „Ti amo“. Am frühen Morgen ging die Feier zu Ende und ich kehrte zurück nach Deutschland: nach Hause, aber auch heim?


Achim Engler, 27, studiert in Freiburg Sprachwissenschaft des Deutschen und Europäische Ethnologie. 2008 macht er seinen Hochschulabschluss und möchte entweder als Journalist oder als Lehrer für Deutsch als Fremdsprache arbeiten.



itchy feet Nr.5, Ausgabe 2008

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