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Teil einer Nation
Austauschjahr in der schwedischen Studentenstadt Uppsala



„Jättebra“ – das ist mein schwedisches Lieblingswort. Nicht nur weil es eins der ersten war, die ich lernte, sondern auch weil es auf fast jede Frage eine passende Antwort liefert: Es heißt ganz einfach so etwas wie „super gut“, aber die Melodie und der Klang des Wortes haben es mir sofort angetan. Ohne ein einziges Wort Schwedisch zu können, bin ich nach Uppsala gereist, um mein Auslandsjahr anzutreten. Heute bin ich mit der skandinavischen Sprache vertraut und vermisse sie als schöne, weiche „Hintergrundmusik“ im alltäglichen Leben. Mir wurde schnell klar, dass die fehlenden Sprachkenntnisse für meinen Studienaufenthalt in Schweden kein Hindernis darstellen würden. Zum einen spricht fast jeder Schwede, vom Busfahrer bis zur Kioskdame, gut englisch und zum anderen gibt es in allen Fachbereichen ein breites Angebot an englischsprachigen Kursen. Dennoch wollte ich mich vor Universitätsbeginn intensiv mit der Landesprache beschäftigen. Während eines vierwöchigen Sprachkurses lernte ich genug, um Briefmarken kaufen und an der Bar ein Bier bestellen zu können („En öl tack!“). Der Sprachkurs bot zudem die beste Möglichkeit, sich gleich in die große Meute der anderen europäischen Austauschstudenten zu integrieren. Morgens trafen sich alle zum Sprachkurs und mittags unternahmen wir schon die ersten kleinen Ausflüge in die Region Uppland.

Wer nach Uppsala kommt, der findet ein kleines charmantes Städtchen vor. Schon von weitem sind die Umrisse seiner beiden Wahrzeichen zu erkennen: das rosa Schloss Uppsala Slottet und die Domkyrka. Die beiden Türme dieser größten Domkirche Skandinaviens überragen alle anderen Gebäude und waren für mich zu Beginn immer ein Orientierungspunkt. Obwohl Uppsala als die viertgrößte Stadt Schwedens gerade mal 160.000 Einwohner zählt, werden das Leben und das Stadtbild von den circa 50.000 Studenten bestimmt. Allein aus dem Ausland zieht es jährlich über 1.000 Studierende an eine der ältesten Universitäten Skandinaviens. Wo damals Anders Celsius das Thermometer erfand und Carl von Linné Pflanzen aus aller Welt klassifizierte, wird Wissenschaft auch heute noch groß geschrieben. Fortschrittlich und modern präsentiert sich die Hochschule nicht nur nach außen, sondern auch nach innen. Gelehrt wird in technisch voll ausstaffierten Hörsälen und studiert wird in ruhigen, atmosphärisch schönen Bibliotheken wie der Carolina Rediviva. Ein ruhiges Plätzchen ist fast überall zu finden.

Das selbstständige Lesen ist ein großer Bestandteil des Studiums in Schweden, insbesondere wenn man sich für ein geistes- oder sozialwissenschaftliches Studium entschieden hat. Statt, wie in Deutschland üblich, für ein Semester lang wöchentlich einem Stundenplan zu folgen, ist das Semester in Schweden in Kursblöcke eingeteilt. Diese Einheiten dauern jeweils fünf bis zehn Wochen und werden entweder „full-time“ oder „half-time“ studiert. Danach richtet sich auch, für wie viele Kurse man sich gleichzeitig einschreiben kann. Wird ein Kurs „full-time“ belegt, finden mehrere Seminarsitzungen pro Woche statt. Der Vorteil hierbei ist, dass man sich für einen bestimmten Zeitraum mit ein und demselben Thema intensiv auseinandersetzen und es vertiefen kann. Dann werden schon mal ganze Bücher in Eigenarbeit durchgeackert oder in kürzester Zeit schriftliche Arbeiten verfasst.

Trotz hohem Arbeitsaufwand boten sich mir genügend Möglichkeiten, das Land, die Leute und die Kultur Schwedens kennen und lieben zu lernen. In Uppsala wird Gaststudenten einiges geboten. Selbstverständlich gibt es eine „Welcome week“, die jeden mit allem und jedem vertraut macht. Unverzichtbar ist dabei der „pubcrawl“ durch die Kneipen der 13 Studentenvereinigungen, genannt „Nationen“. Das Konzept dieser Nationen ist nahezu einmalig. Schon vor Jahrhunderten entstanden – entsprechend der Anzahl der Regionen Schwedens – die 13 Nationen als Anlaufstelle der aus der jeweiligen Region stammenden Studierenden. Wer also beispielsweise aus dem Norden Schwedens nach Uppsala kam, der wurde Mitglied der Norrlandsnation. Heute dürfen nicht nur die Austauschstudenten eine Nation wählen, sondern auch alle anderen. Die Mitgliedschaft in einer der Vereinigungen ist Pflicht. Die Nationen residieren in den schönsten und ältesten Häusern über die gesamte Innenstadt verteilt. Innerhalb der Nationenhäuser spielt sich das Studentenleben ab. Wöchentlich werden von Studenten für Studenten Clubs und Partys veranstaltet, mittags wird „lunch“ angeboten und nachmittags wird zur „Fika“, der schwedischen Kaffeepause, eingeladen. Abends haben die hauseigenen Kneipen geöffnet, wo es wirklich billig Bier gibt und manchmal werden große Bälle, die„Gasquen“, gefeiert. Wem das noch nicht genug ist, der kann zum Beispiel mit Smålands Nation Volleyball spielen, mit Snerikes Nation Salsa tanzen lernen, dem Fotoklub der Östgötanation beitreten oder einfach in einem Pub mitarbeiten.

Die Nationen sind die Orte, an denen man Bekanntschaft mit schwedischen Studierenden machen kann. Aufgrund der hohen Zahl an Austauschstudenten ist es nämlich gar nicht so einfach, mit Einheimischen in Kontakt zu kommen. Auch wenn die Schweden ein absolut freundliches und sympathisches Volk sind, scheint das Vorurteil, dass die Menschen etwas kühler und unzugänglicher werden je weiter man gen Norden reist, auf den ersten Blick nicht so falsch zu sein. Es kann eine Weile dauern, bis man mit Schweden warm wird. Allein unter Schweden war ich zum Beispiel dann, wenn ich zum wöchentlichen Volleyballspielen mit der Smålandsnation fuhr. Hier lernte ich auch meine schwedische Freundin kennen. Eine Einheimische erklärte mir, dass es sich mit den schwedischen Freundschaften so verhält: „Es ist vielleicht schwierig, eine Freundschaft aufzubauen, aber hat man sie einmal, dann hält sie für immer.“ Engeren Kontakt hatte ich auch zu meinen schwedischen Mitbewohnern im Studentenwohnheim Kantorsgatan. Hierfür kann man sich bewerben und Gaststudenten werden oft bevorzugt behandelt. Man sollte bei der Bewerbung darauf achten, dass man sich für ein Wohnheim entscheidet, in dem Einheimische und Austauschstudenten zusammenleben. Meinen Korridor, das heißt eine Küche und ein Ess-/ Wohnzimmer, teilte ich mit drei Schweden und einem Polen. Zwar sind die Studentenwohnheime in Uppsala mit rund 300,- € im Monat relativ teuer, dafür sind sie aber auch in gutem Zustand und ausreichend ausgestattet. Vor allem die eigene Badewanne war mir an kalten Tagen im Winter Gold wert.

Die langen dunklen Winterabende gehören genauso zu Schweden wie die langen hellen Sommerabende. Wenn man – bevor die Tage kurz werden – noch den goldenen Spätsommer und Herbst erlebt, dann kann auch der lange Winter, vor allem in der Weihnachtszeit, mit samt der Kälte und den wunderschönen Schneebildern zum Genuss werden. Allerdings wurde es schwierig, als ich wusste, dass der Frühling in Deutschland schon in vollem Gange war, während in Schweden die Bäume noch keine Anzeichen von Grün aufwiesen. Als umso angenehmer empfand ich anschließend wieder den Sommer, als die Sonne spät in der Nacht noch einen Streifen Licht am Horizont zurückließ und nicht zuletzt weil große Feste anstanden. An Valborg, der Walpurgisnacht, ist jedes Jahr die ganze Stadt auf den Beinen und die Studierenden sind außer Rand und Band, um die Ankunft des Frühlings zu feiern und unter anderem das spektakuläre Flusswettrennen der Studenten und ihrer selbstgebauten Boote mitzuverfolgen.

Mein Jahr in Schweden hat mir viel gebracht. Nach einem halben Jahr, als alles Neue und Aufregende langsam vertraut war und zum Alltag gehörte, konnte ich Schweden erst richtig erleben. Zudem habe ich eine neue Sprache gelernt, wenngleich auch noch nicht perfekt. Mein Englisch konnte ich durch all die englische Lektüre und das eigene Verfassen von englischen Texten, aber auch durch den Kontakt mit vielen englischsprachigen Mitstudenten verbessern. Das Kennen lernen eines anderen Universitätssystems hat mir die Möglichkeit eröffnet, aus einer anderen Perspektive auf mein Studienfach zu blicken und zu erkennen, dass es noch viele andere Ansätze und Themenbereiche gibt, als die mir aus Deutschland bereits bekannten. Viel wichtiger aber sind mir die menschlichen Begegnungen, Gespräche und Freundschaften, die ich aus diesem Jahr mitgenommen habe und die, das hoffe ich, mich durch mein gesamtes Leben begleiten werden.


Anne-Luise Baumann, 24, studiert Soziologie, Ethnologie und Kommunikationswissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster.



itchy feet Nr.5, Ausgabe 2008

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