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Eisfischer, Ballett und Wodka
Sprachkurs in der weißrussischen Hauptstadt Minsk



In meinem Anfängerkurs Russisch besuchte uns eines Nachmittags eine Vertreterin der Fachschaft. Sie erinnerte uns daran, dass wir in den kommenden Semesterferien an einem Sprachkurs in Minsk teilnehmen könnten. Der Anmeldeschluss war schon am folgenden Tag. Ehe ich mich versah, hatte ich, die normalerweise bis zu 20 Minuten braucht, um ein Getränk von der Restaurantkarte zu wählen, meinen Namen auf die Anmeldeliste gesetzt.

„Das Wetter ist ein bisschen unfreundlich, aber dafür habt ihr die Wodka-Fabrik genau gegenüber.“ Diese Aussage hatte mich ein wenig verunsichert. Würde ich meinen vierwöchigen Sprachkurs nur im Dauerrausch ertragen können? Bewaffnet mit allen dicken Pullis und Strumpfhosen, die der Haushalt hergab, ging es los. In Frankfurt an der Oder trafen wir paar Mutigen aus Würzburg uns mit einer wesentlich größeren Gruppe aus Leipzig. Im Schlafwagen wurden die ersten freundschaftlichen Banden geknüpft und nach der zehnstündigen Fahrt stand die Zimmeraufteilung bereits fest. In der weißrussischen Hauptstadt angekommen, erwartete uns Schneematsch. Auf unserem Marsch zum Wohnheim warf ich den Eisfischern, die auf dem Fluss Swislatsch ihr Lager aufgeschlagen hatten, einen leicht verzweifelten Blick zu. Doch schon nach kurzer Eingewöhnungszeit fühlten wir uns wohl. Die Universität war nur fünf Gehminuten entfernt und es gab eine Mensa, die uns zu immer neuen kulinarischen Experimenten ermunterte. Meist waren wir nicht in der Lage, die handschriftlichen Erklärungszettel auf Russisch zu verstehen. Da nach dem Frittieren fast alles gleich aussah, gaben uns die Gerichte so manches Rätsel auf und unsere Vermutungen bezüglich der angebotenen Speisen erwiesen sich oftmals als falsch: Was auf der obersten Thekenablage lag, war doch nicht immer etwas Süßes… Aber wer sagt denn, dass gebratener Fisch keine geeignete Nachspeise sein kann? Im Wohnheim kam es aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse anfangs ebenfalls zu kleineren Missgeschicken: Die Worte „Mann“ und „Frau“ sollte man auf Russisch lesen können, wenn man unbesorgt und in Ruhe duschen möchte.

Obwohl er mit Honigwodka, Chiliwodka und vielem mehr ein wirklich ausgefallenes Sortiment bot, besuchten wir den nahe gelegenen Wodkaladen nur selten. Wir waren viel zu sehr damit beschäftigt, Schneewanderungen zu unternehmen, uns einmal quer durch das (weiß)russische Musiksortiment zu kaufen, ins Ballett zu gehen und Ausflüge zu planen. Natürlich verbrachten wir auch einige Zeit damit, bei unserem herzallerliebsten Viktor Albertovich, einem Muttersprachler, unser Russisch zu verbessern. Wer als Hausaufgabe aufgibt, sich ein paar russische Freunde zu suchen, den muss man einfach mögen. Der Unterricht war sehr interessant und abwechslungsreich. Die Kursinhalte reichten von russischen Zungenbrechern über konventionelle Lehrbuchtexte bis hin zu kleinen Aufsätzen. Plötzlich mussten wir auftretende Fragen in der Fremdsprache formulieren und konnten nicht aus Bequemlichkeit in die Muttersprache ausweichen.

Die Hauptstadt Weißrusslands scheint unter einigen Einheimischen keinen guten Ruf zu haben. Noch in Deutschland hatte ich mich mit einem Minsker unterhalten, der ganz entsetzt gewesen war, dass ich gleich mehrere Wochen am Stück in seiner Heimatstadt verbringen würde. Erstaunt hatte er mich gefragt: „Was willst du denn vier Wochen in Minsk?! Es gibt ganz billige Tickets für den Nachtzug nach St. Petersburg und Moskau.“ Viele Bewohner der Stadt sagten fast entschuldigend, dass wir unbedingt im Sommer wiederkommen sollten, da es dann viel schöner sei. Ich bin jedoch ganz und gar nicht der Meinung, dass Minsk in der kalten Jahreszeit nichts zu bieten hätte. Das Ballett ist atemberaubend schön und zugleich sind die Eintrittskarten unschlagbar günstig.Vor dem Palast der Republik war eine Eisbahn aufgeschüttet worden, wo sich Jung und Alt versammelten. Wir hatten zudem das Glück, bei einem Talentwettbewerb der Minsker Studenten zuschauen zu dürfen. Ob die Würzburger ebenfalls so vielfältige Talente besitzen? Bislang fehlt ihnen zumindest die Plattform, sie darzubieten.

Sehr fasziniert war ich von der Tatsache, dass man in der Millionenstadt fast alles zu Fuß erledigen kann und nicht auf die Tram angewiesen ist. So sahen und erlebten wir viel und lernten die Stadt gut kennen. Einmal hätten wir uns fast verlaufen und standen etwas unschlüssig mit unserem großen Stadtplan an einer windigen Straßenecke. Es dauerte keine fünf Minuten bis ein fröhliches Freundinnentrio vorbeikam und uns Hilfe anbot. Die Freude der drei jungen Frauen war groß, als sie feststellten, dass wir aus Deutschland kamen. Lena, die Germanistik studierte, konnte uns den Weg sogar auf Deutsch erklären! Alle weißrussischen Studenten, die wir kennen lernten, sprachen sehr gut englisch und teilweise hervorragendes Deutsch. Sie ermunterten uns aber trotzdem, unsere Russischkenntnisse anzuwenden. Etliche Diskussionen zwischen unserer Gruppe und den einheimischen Studenten im Wohnheim drehten sich um politische Themen. Das überraschte mich, da die weißrussische Regierung meines Wissens nach Kritik nicht gerne sieht, sei es aus dem In- oder Ausland. Vielen Studenten ist ihre freie Meinungsäußerung so wichtig, dass sie dafür auf die Straße gehen – selbst wenn sie damit womöglich ihre Exmatrikulation riskieren.

Der Zeitunterschied zur Heimat betrug nur eine Stunde, aber manchmal fühlte ich mich doch wie in einer ganz anderen Welt. Die Sprachreise war für mich der erste Aufenthalt in Osteuropa. Zudem verbrachte ich zum ersten Mal mehr als nur ein paar Tage in einem Land, dessen Sprache ich nur unzureichend spreche. Im Anschluss an die Reise war ich fast ein wenig stolz auf mich. Ich hatte mich einer Herausforderung gestellt und mich auf etwas Neues eingelassen. Der Entschluss an dem Sprachkurs teilzunehmen, hatte andere aus meiner Gruppe hingegen keinerlei Überwindung gekostet. So hatten manche Weißrussland als eine Station ihrer Osteuropa-Tour eingeplant, um ihrem Russisch noch den letzten Schliff zu verpassen. Mittlerweile bin auch ich infiziert. Wenn die Band auf meiner russischen Reggae-CD den Sommer besingt, kommt mir der Gedanke: „Zu dieser Jahreszeit ist es offensichtlich wirklich am schönsten in Minsk. Das muss ich mir ansehen!“


Katharina Helmerich, 23, studiert Kulturwissenschaft und Japanologie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.



itchy feet Nr.5, Ausgabe 2008

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