Als ich beim Verlassen des Flugzeugs zum ersten Mal spanischen Boden betrete, werde ich von strahlendem Sonnenschein begrüßt. Das bestätigt mich in meinem Entschluss, den regnerisch kalten deutschen Winter dieses Jahr ausfallen zu lassen. Im Bus geht es nach Barcelona und jetzt stehe ich nicht viel anders als die Hauptfigur in „L’Auberge Espagnol“, dem französischen Film über einen Erasmus-Studenten, verloren und schwer mit Gepäck beladen auf der Plaza Cataluña und versuche herauszufinden, wo denn nun meine neue Bleibe ist. Die Vermieterin geht nicht ans Telefon. Das fängt ja gut an. Zum Glück gibt es eine Touristeninformation. Ich reihe mich in die Schlange Sandalen tragender Deutscher ein und nach einigem Warten bin ich an der Reihe. Eine junge Spanierin hilft mir und erklärt mir in perfektem Deutsch, wie ich weiterkomme. Mit der Metro geht es in den Vorort Poble Nou. Als ich meine schweren Koffer die Treppen an der U-Bahnstation hochwuchte, erwarten mich zehnstöckige Hochhäuser. Schnell begrabe ich den utopischen Traum vom Apartment am Strand. Nach einigem Suchen finde ich die Nummer 12a, Planta 5-3 in der Calle San Sebastian, doch sicher bin ich mir nicht. Es stehen keine Namen an der Klingel und wirklich einladend sieht das Haus nicht aus. Ich nehme mir ein Herz und schelle: „¿Sí?”. Ich stammele meinen Namen und kurz darauf geht die Tür tatsächlich auf. Fünf Stockwerke höher empfängt mich meine Vermieterin Claudia am Treppensims, schließt mich in die Arme und drückt mir ein „beso“ auf jede Backe. „¡Bienvenido Sebastian!“. Die Wohnung, welche ich mir mit vier anderen Sprachschülern teile, ist sehr geräumig und nett eingerichtet. Es fehlt an nichts: Die Küche zum Selbstversorgen ist gut ausgestattet, es gibt einen Fernseher – hilfreich zum Fremdsprachen lernen – und jeder hat sein eigenes Zimmer. Meine neuen Mitbewohner sind Anke und Mark aus Deutschland, Nicolas aus Frankreich und Helena aus Estland. Bald ist Abend und wir kochen und essen gemeinsam. Es wird ein multikulturelles Mahl. Wir lachen viel und ich lasse mir erzählen, wie es den anderen in Barcelona so ergangen ist – nur Spanisch sprechen wir nicht, Englisch dafür umso mehr. Spanisch kommt dafür am nächsten Vormittag dran, am Morgen meines ersten Schultags. Ich bin mal wieder aufgeregt und zudem neugierig und gespannt, wie die Schule, der Unterricht, die Professoren und Mitschüler sein werden. Gott sei Dank werde ich beim Betreten der Sprachschule gleich von Monica, der Dame an der Rezeption, mit einem freundlichen „¡Hola Sebastian!“ begrüßt. Sie hat mich erwartet und macht mit mir einen kurzen Rundgang, zeigt mir den Computerraum mit Internetanschlüssen, die Bibliothek und die Klassenräume. Zudem erklärt sie mir noch einmal genau den Ablauf des Unterrichts und beantwortet meine Fragen. Außerdem erkundigt sie sich nach meiner WG, denn schließlich wurde sie mir von der Schule vermittelt. Später wird sich herausstellen, dass Monica der gute Geist der Schule ist, allen mit Rat und Tat zur Seite steht und für die Probleme der Schüler ein offenes, „englisches“ Ohr hat. Doch jetzt gibt sie mir erstmal einen schriftlichen Einstufungstest, um herauszufinden, auf welchem Level ich mit dem Unterricht beginnen werde. Das ist eigentlich keine Frage: Ich bin blutiger Anfänger und weiß noch nicht einmal wie man „¡Buenos dias!“ schreibt. An der Schule werden Kurse verschiedener Niveaustufen parallel angeboten. Sie dauern jeweils eine Woche und werden von maximal neun Schülern besucht. So ist für jeden Leistungsstand etwas dabei und man wird weder von schlechteren Schülern aufgehalten, noch hält man selbst die Klasse zurück. Morgens wird für zwei Stunden Grammatik unterrichtet, während nachmittags Kulturund Sachthemen behandelt werden. Kurze Pausen unterbrechen die einzelnen Lerneinheiten, sodass man die Möglichkeit erhält, sich bei einem Kaffee mit anderen Sprachschülern auszutauschen. Zusätzlich zu den Stunden in der Gruppe wird Einzelunterricht angeboten und es gibt spezielle Kurse für die Bereiche Kommunikation und Wirtschaft. Alle angestellten Lehrer sind Sprachwissenschaftler und meine Schule, welche vom Cervantes Institut zertifiziert ist, legt besonderen Wert darauf, junge Instruktoren einzustellen. Das Personal sorgt für eine lockere, aber professionelle Atmosphäre und schafft ein gutes Lernklima. In allen Kursen darf ausschließlich Spanisch gesprochen werden und es wird besonderer Wert auf den mündlichen Gebrauch der Sprache gelegt. Passives Schulbankdrücken ist also tabu. Meine englische Einführung ist vorbei und mein Anfängerkurs beginnt. Für die ersten beiden Wochen wird meine Lehrerin Laura heißen. Von Montag bis Freitag werde ich bei ihr jeweils vier Stunden lang Spanisch lernen. Die erste Unterrichtsstunde verläuft etwas frustrierend: Ich ärgere mich darüber, wie schwer es mir fällt, das gerade gelernte „Me llamo Sebastian.“ auszusprechen. Andere Kursteilnehmer kämpfen ebenfalls mit Knoten in der Zunge und mit dem inneren Schweinehund. Doch dann geht es langsam aber kontinuierlich bergauf. In Partnerübungen werden schon bald die ersten Sätze ausgetauscht und ständig lernt man neue Vokabeln. Am Nachmittag wird in der Schule noch ein spanischer Film gezeigt. Es stellt sich heraus, dass fast jeden Tag ein kostenloses Rahmenprogramm mit Museumsbesuchen, Stadtrundgängen, Tapas-Touren und dergleichen von der Schule organisiert wird. So hat man die Chance, die anderen Sprachschüler in einem zwanglosen Umfeld kennen zu lernen und bekommt zugleich die Stadt zu sehen. Langeweile würde demnach wohl nicht aufkommen. Das tat sie auch nicht. Mein zehnwöchiger Aufenthalt verging wie im Flug. Ungefähr nach der Halbzeit verließ ich meine WG und suchte mir selbst eine Wohnung. Ich wollte etwas Geld sparen und aus der Not eine Tugend machen, indem ich mit vier Argentiniern zusammenzog, die weder Deutsch noch Englisch, sondern nur Spanisch sprachen. Von da an beschwerte sich mein Lehrer zwar über meinen argentinischen Rió-de-la-Plata-Spanisch-Akzent, staunte jedoch zugleich über meine Fortschritte im Sprachgebrauch, die dieses vierundzwanzigstündige WG-Programm mit sich brachte. Meine Zeit in Spanien und der Intensivsprachunterricht haben mich zwar nicht zum Muttersprachler gemacht, doch der Grundstein ist gelegt worden. Am Ende meines Aufenthalts war es selbstverständlich, die Simpsons auf Spanisch zu schauen – und die Witze auch zu verstehen – oder Unterhaltungen mit Einheimischen zu führen. Barcelona ist eine aufregende Stadt und ich habe Land und Leute verstehen und lieben gelernt. Der milde mediterrane Winter lässt einen das verregnete graue Deutschland schnell vergessen und macht Vokabellernen, manchmal sogar am Strand, viel einfacher. Rückblickend muss ich sagen, dass der Sprachkurs mir die Tür zur spanischsprachigen Welt weit geöffnet hat. Zum Jobben bin ich zu einem späteren Zeitpunkt tatsächlich nach Spanien zurückgekehrt, habe Spanisch als Nebenfach gewählt und bereits viele südamerikanische Länder bereist. Wer hätte das gedacht, als ich damals meinen Flug von Hahn nach Girona mit einem mulmigen Gefühl im Bauch antrat? Sebastian Saure, 27, studiert International Business und Spanisch an der University of Nevada in Las Vegas und arbeitet nebenher bei einem Start-up- Unternehmen für Sportbekleidung im Bereich Marketing. itchy feet Nr.5, Ausgabe 2008 |
|
|||||||||||||||