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Sonnenaufgang in Kenia
Workcamp-Projekt Schule

Der Sonnenaufgang in Eldoret scheint vieles von dem widerzuspiegeln, was diese vier Wochen Kenia in mir geschaffen haben. Sechs Uhr in der Früh, im Dunkeln steige ich auf den kleinen Hügel neben unserer Schule. Die Kamera in der Hand, die Müdigkeit in den Knochen, hoffe ich, weiß aber nicht, ob es sich lohnen wird. Zwei Wochen zuvor blickte ich ebenfalls in die Ferne, versuchte, durch das kleine Fenster im Flugzeug etwas von dem zu erhaschen, was uns da unten erwarten sollte. Ich suchte nach etwas, mit dem ich meine Vorstellungen vergleichen konnte. Ein Teppich aus Wolken verwehrte die Sicht, kein Hinweis auf das, was in Nairobi oder Eldoret auf uns zukommen sollte. Der Stein ist kalt, meine müden Augen blicken in die Nacht. Langsam spannt sich ein Bogen aus fließenden Blautönen am wolkenlosen Himmelszelt auf. Es scheint, als wäre der Vorhang gefallen, als würde ein Schauspiel beginnen. Ein Schauspiel, das sich nur langsam entfaltet. Ein Schauspiel, in dem jede Sekunde eine ganz besondere ist. So wie die lange Fahrt von Nairobi nach Eldoret. Ein neues Land, neue Menschen – ja, so tauchten wir langsam in Kenia ein. Kamen nach sechs Stunden an. Kamen da an, wo wir für die nächsten drei Wochen helfen würden, wo wir dem kenianischen Leben etwas näher kommen wollten – der Immaculate Heart Juniorate School.

Es ist ein Geduldsspiel, es ist das Warten auf diesen Moment, wenn der erste Sonnenstrahl über den Horizont sticht. Ich darf ihn nicht verpassen, ich weiß, dass er oftmals das schönste Bild liefert, weiß auch, dass er die anderen nachzieht. Die Schwestern begrüßten uns voll Freude und Herzlichkeit. Ja, wir spürten sehr schnell, wie überwältigend und begeisternd afrikanische Gastfreundschaft ist. Wenig später liefen wir über das Schulgelände. Ich erinnere mich an die erste Begegnung mit den Kindern, es scheint, als sei es gestern gewesen: Groß waren die Augen, sie verrieten Unsicherheit, verrieten Neugierde. In ihren Schuluniformen scharten sie sich um uns. Irgendwann traute sich das erste Kind, es kam ganz nah. Es war das Kind, dem die anderen folgen sollten. Der Sonnenstrahl, der die Sonne ankündigt. Wenig später waren wir in Kinder gehüllt, spielten, tobten mit ihnen und vergaßen all unsere Vorstellungen, die Erwartungen, die wir an Kenia gestellt hatten. Jetzt waren wir da, tauchten in der Freude der kenianischen Kinder, in der Lebensfreude der kenianischen Menschen. Ein Moment der ewig währt.

Die Sonne ist nun endgültig am Horizont erschienen. Der wunderschöne Feuerball hüllt die Landschaft in Farben, wechselt von feuerrot in gelb. Alles wird sichtbar, das Leben in Eldoret erwacht. Ich bleibe noch einen Moment stehen, genieße jeden Augenblick. Ich bin längst davon abgekommen, mich mit der Frage zu beschäftigen, ob es sich gelohnt hat. Ich gehe ganz langsam zurück. Noch auf dem Weg zum Frühstück werde ich aus meinen Gedanken gerissen. „Gooood Morning“, schallt es über das Schulgelände. Schwester Obika bringt Milch, erkundigt sich nach unserem Zustand und macht aus halbschlafenden wache Menschen. Es gibt Brot, Marmelade, Kaffee und Milch. Der Tag hat begonnen, ich freue mich auf das, was heute auf uns zukommt. Die Gruppe ist toll, das Wetter ist gut, ja ich möchte schreiben: Jeder Tag in Eldoret bringt mindestens eine neue schöne Erfahrung mit sich.

Was gibt es zu tun? Zu zweit stellen wir uns jeden Tag einem der vier Aufgabengebiete. In der Küche helfen wir beim Brot backen, Abwaschen und Kochen. Alles in großen Dimensionen, schließlich müssen 400 Kinder satt werden, anschließend 400 Teller abgewaschen werden. Am Ende liegt der Rekord bei 50 Minuten. In Gesprächen erfährt man viel über die Lebens- und Arbeitsweise der „einfachen“ Menschen in Kenia. In der Bücherei besteht unsere Aufgabe darin, das Ausleihsystem auf Vordermann zu bringen. Man trifft viele Schülerinnen der Secondary School, erfährt von ihren Ansichten, Plänen und Meinungen. Die Gartenarbeit verspricht immer viel Spaß mit Emanuel, dem Gärtner und Busfahrer. Blumen- und Gemüsebeete werden umgegraben. So lernen wir nicht nur, was ein gutes Beet ausmacht, nein, wir trainieren auch Kraft und Ausdauer. Die Tätigkeiten in der Nursery School, der Betreuungseinrichtung für die Jüngsten, schließen das Aufgabenviereck. Sie liefern einen tiefen Einblick in das von den Briten übernommene Schulsystem. Viel Auswendiglernen, Wiedergeben und vor allem wird hier Disziplin geschult. Alternativ können wir in der Primary School den Unterricht verfolgen, teilweise mitgestalten. Wir organisieren eine Deutschstunde zum Thema „Land, Leute und Kultur“. Schnell wird uns dabei bewusst, dass wir mit etwas Abwechslung im Unterricht bei den Kindern offene Türen einrennen.

Ein kulinarischer Absatz darf natürlich nicht fehlen. Mittags und abends kochen die Schwestern leckere kenianische Spezialitäten für uns: Ugali (Maisbrei), Sukuma Wiki (Kohlgericht), Chapati (ähnlich wie Pfannkuchen), Spinat, Mais, Linsen, Reis, Kartoffeln und Karotten sorgen in unterschiedlichen Kombinationen für Abwechslung. Nach dem Abendessen gehen wir in unsere Unterkunft. Getragen von der kenianischen Lebensfreude und von großen Kinderaugen, klingt der Tag mit jeder Menge Spaß aus. Im Bett liegend überlege ich mir, am nächsten Morgen wieder früh aufzustehen, um den Sonnenaufgang zu bewundern. Doch mir wird schnell klar, dass die Bilder noch in mir sind, dass ich sie jederzeit zurückholen kann. Nach diesen drei Wochen und einer weiteren in Mombasa habe ich mehr noch als all die Bilder in mir. Ja, man kann sagen, dass nach diesem Workcamp Kenia in mein Herz eingezogen ist. Es wird unvergesslich bleiben.


Stefan Faiß, 24, studiert Wirtschaftsingenieurwesen an der Hochschule Esslingen. Nach seiner Rückkehr aus Kenia nahm er an weiteren Workcamps in Nepal und in China teil.



itchy feet Nr.5, Ausgabe 2008

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