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Der Andere Dienst im Ausland
Sonnenenergie für Burkina Faso

Sie werden mit großen Augen angesehen, erst skeptisch und zurückhaltend. Aber wenn sich ein Kind hervorwagt, um die vier weißen Hände zu schütteln, gibt es kein Halten mehr. Dann versinken Matze und Malte in einer Menschentraube afrikanischer Schüler, die alle einmal weiße Haut berühren möchten. Denn die ist viel weicher, als sie es gewohnt sind. Da kontrolliert auch schon mal ein Kind, ob die weiße Farbe eigentlich abgefärbt hat. Malte und Mathias, genannt Matze, absolvieren ihren Zivilersatzdienst, den Anderen Dienst im Ausland. Für 13 Monate sind sie im westafrikanischen Land Burkina Faso. Dort haben sie viel Verantwortung übernommen. Sie sind die einzigen Deutschen vor Ort, die die Projekte des Entwicklungshilfevereins „Sonnenenergie für Westafrika“ koordinieren und überprüfen. Die beiden haben sich schnell mit ihren Aufgabenbereichen identifiziert und sprechen klar von „wir“, wenn sie über den Verein reden, für den sie arbeiten.

Insgesamt drei unterschiedliche Hauptprojekte betreuen die Jungs vor Ort. Die Arbeit haben sie sich aufgeteilt. Ob es das Bereitstellen der Akkulader für die Baumwollbauern, die Produktion der Karitébutter, bei der es sich um ein pflanzliches Fett das mit Solarkochern hergestellt wird handelt, oder die Elektrifizierung von Schulen ist – hier geht jeder Handschlag ineinander über. Malte und Matze reparieren kaputte Geräte, sind für die Evaluation bisheriger Projekte verantwortlich, schreiben Projektberichte und überlegen sich, wie die Karitébutter, die beispielsweise zur Herstellung von Kosmetik verwendet wird, auf dem Weltmarkt etabliert werden kann. Auch der „Chargeur Intelligent de Piles“ (CIP), das „intelligente Solar-Akkupack“ für die Baumwollbauern, will vermarktet werden: „Alle zwei Tage verbraucht ein Baumwollbauer im Schnitt sieben Batterien für das Gerät, mit dem er sein Feld mit Pflanzenschutzmitteln bespritzt. Die Batterien werden danach einfach in die Landschaft geworfen“, erklärt Malte das Problem. Wer sich das Ladegerät anschafft, kauft zwei Akkus mit einem Solarmodul, dass die Akkus wieder auflädt. Umgerechnet knapp 230,- € kostet dieses System. Nach zwei bis zweieinhalb Jahren hat sich die Anschaffung für die Bauern gelohnt.

Das Projekt, das den beiden jedoch am meisten am Herzen liegt, ist die Elektrifizierung von Schulen. 23 Schulen in Burkina Faso sind bereits von „Sonnenenergie für Westafrika“ mit elektrischem Strom versorgt worden. Das ist vor allem wichtig, um die noch hohe Quote der Analphabeten auf dem Land zu senken. Tagsüber helfen viele Kinder ihren Familien und nehmen nicht oder nur unregelmäßig am Unterricht teil. „Wenn es abends noch Licht gibt, können Alphabetisierungskurse stattfinden, die Kinder können lernen und die Lehrer Klassenarbeiten korrigieren“, zählt Matze auf. Schüler, deren Schulen Elektrizität haben, schneiden bei den Klassenabschlusstests nachweislich besser ab. Da spendet die Dorfgemeinschaft als Dankeschön schon mal eine Ziege oder auch ein Huhn. Diese Tiere sind in vielen Dorfgemeinschaften, in denen das Essen häufig nicht reicht, um alle satt zu bekommen, ein wertvolles Gut.

70 Jugendliche hatten sich auf die beiden Plätze des Projekts beworben, sechs wurden zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen. Acht Monate später saßen Malte und Matze zusammen im Flieger nach Burkina Faso. „Seitdem wir uns kennen, wundern wir uns eigentlich, warum gerade wir ausgesucht wurden. Wir sind grundverschieden, aber wahrscheinlich hat sich der Verein schon gedacht, dass wir uns gut ergänzen“, sagt Malte. Nach der Ankunft mussten sich die beiden erstmal eingewöhnen. „Die ersten Wochen und Tage waren schon ziemlich heftig. Alles war mir fremd und ich habe häufig nur die negativen Seiten gesehen“, erzählt Matze. Inzwischen kennt er die Hauptstadt Ouagadogou wie seine Westentasche, weiß, bei welchem Händler er was bekommen kann und navigiert sein Moped sicher durch die voll gestopften Straßen der Hauptstadt. Sein Schulfranzösisch ist schon lange dem burkinischen Französisch gewichen. Nur die Hautfarbe hat sich nicht an Burkina Faso angepasst. „Das stört schon manchmal. Man wird hier immer sofort als Ausländer erkannt, obwohl ich mich gar nicht mehr zu hundert Prozent als Ausländer fühle“, sagt Matze. Inzwischen haben sich auch richtige Freundschaften herauskristallisiert. „Zu Beginn wollten alle deine Freunde sein, weil weiße Hautfarbe hier gleich Reichtum bedeutet. Sie wollten häufig nur Geld. Inzwischen haben wir aber Freunde gefunden, die sich noch nicht mal von uns einladen lassen, obwohl sie kein Geld haben“, erzählt Matze.

Für das Geld, das Matze und Malte in Burkina Faso zur Verfügung haben, mussten sie lange kämpfen. Aufenthalt, Flug und nicht zuletzt die vielen Impfungen mussten die beiden aus eigener Tasche bezahlen. Rund 7.000,- € haben sie in ihren Heimatstädten gesammelt. „Am Anfang kam ich mir total blöd vor, für mich selbst Geld zu sammeln“, erinnert sich Matze. Malte hat in seiner Stadt Unterstützung von der freiwilligen Feuerwehr bekommen. Er hat sich zudem auf einer Messe präsentiert. Matze hat ein Benefizkonzert für sich veranstaltet, die Bundestagsabgeordnete seiner Stadt und eine Zeitung hinter sich gebracht. Beide haben sie Flyer und Broschüren verteilt, Infoabende durchgeführt, sind von Haustür zu Haustür gegangen, um Geld zu erbitten und haben eine Homepage erstellt. „Selbst am Flughafen haben wir noch gebettelt, aber da ging es darum, dass jemand Gepäck von uns nimmt, weil wir zu viel hatten“, lacht Malte. Die mühevolle Arbeit vorab hat sich für die beiden gelohnt. „Die Zeit hier ist eine unglaubliche Erfahrung, die uns so schnell keiner nehmen kann“, weiß Matze.

Stefan Finger arbeitet als freier Journalist. Er besuchte Mathias Hübener und Malte Viefhues bei ihrem Anderen Dienst im Ausland in Burkina Faso.



itchy feet Nr.5, Ausgabe 2008

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