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Juntos somos más fuerte
Diabetes-Camp in Ecuador

Das Abenteuer Ecuador erwartete mich. Als Freiwilligenhelferin würde ich in einem Sommercamp für an Diabetes leidende Kinder und Jugendliche in Südamerika arbeiten und ihnen den richtigen Umgang mit ihrer Krankheit näher bringen. Mein Aufenthalt sollte eine unbeschreiblich schöne Erfahrung werden, die mich jedoch zugleich jeden Tag dankbar sein lassen würde, in einem Teil der Welt aufgewachsen zu sein, in dem eine gute medizinische Versorgung gegeben ist. Gemeinsam mit zwei Engländerinnen und circa 30 US-amerikanischen Jugendlichen machte ich mich auf den Weg nach Quito, um dort zusammen mit der amerikanischen Hilfsorganisation American Youth Understanding Diabetes Abroad und der ecuadorianischen Diabetesorganisation Fundación Diabetes Juvenil del Ecuador das Sommercamp zu planen und durchzuführen. Die Betreuung des jährlich stattfindenden Camps erfolgt durch ausgebildete Mediziner und durch Freiwilligenhelfer, die teilweise selbst Diabetiker sind. Letztere sollen den Kindern im Umgang mit ihrer Krankheit helfen, sie motivieren und ihnen zeigen, dass sie trotz allem ein normales Leben mit beinahe keinerlei Einschränkungen führen können. Durch Sponsorengelder wird den Kindern, die zum großen Teil aus ärmlichen Familien stammen, die Möglichkeit gegeben, kostenlos an diesen Camps teilzunehmen.

Während der drei Vorbereitungswochen waren wir in ecuadorianischen Gastfamilien untergebracht, von denen viele als Familienangehörige diabetischer Kinder und Jugendlicher oder als betreuende Campärzte mit Diabetes in Verbindung standen. So konnten wir schon vor dem Camp hautnah erleben, was es heißt, Diabetiker in Ecuador zu sein. Das Leben in der Gastfamilie war für mich ein absolut positives Erlebnis, das mir dabei half, mehr über die Kultur und das Leben der Ecuadorianer zu lernen und somit auch den Hintergrund meiner späteren Campschützlinge besser zu verstehen. Ich wurde so herzlich in meine Gastfamilie integriert, dass ich das Gefühl hatte, ein Teil dieser zu sein. Eine Reihe von Alltagserlebnissen eröffnete mir neue Einblicke in das ecuadorianische Leben und half mir, kulturelle Unterschiede kennen zu lernen. Ich genoss das nachmittägliche Kaffeetrinken, genannt „cafecito“, im Kreis der ganzen Familie, ging mit zum Schulfest meines Gastbruders und nahm an Besuchen bei Freunden der Familie teil. Zudem bestaunte ich das reichhaltige Angebot auf dem Markt, wo vom gegrillten Meerschweinchen über tropische Früchte bis hin zur Bratpfanne alles angeboten wurde. Besonders spannend waren die kulinarischen Unterschiede: So gab es zum Beispiel Suppe mit Popcorn als Einlage, Fisch in Bananenblättern und zu jedem Hauptgericht immer mehrere Beilagen gleichzeitig, also Nudeln und Reis und Kartoffeln. Das exotischste Gericht, das ich probierte, war eine indianische Blutsuppe, die Yagualocro heißt.

Auf dem täglichen Weg zur Schule, wo wir Freiwilligenhelfer intensiv auf unsere Arbeit vorbereitet wurden, lernte ich die andere Seite Quitos kennen: die Ärmsten der Armen, die auf den Straßen versuchen, ihr Geld zu verdienen. So spürte ich schon mal eine kleine schmutzige Hand, die sich bettelnd um mein Bein schloss, sah täglich Kolonnen von Kindern im Alter zwischen zwei und 15 Jahren mit Eimern und Lappen an den Straßen stehen, um Autoscheiben zu putzen oder hörte zaghaft singende Kinderstimmen im Bus, die Süßigkeiten zum Verkauf anpriesen. Hier bilden nicht Versicherungen, sondern Kinder die Altersfürsorge. In der Schule angekommen, war der Vormittag der Festigung der Sprachkenntnisse gewidmet. Alle bekamen Spanischintensivkurse in einer Sprachschule, wo in Kleingruppen Kultur, Land und Diabetesthemen erarbeitet wurden. Nachmittags erhielten wir Diabetesschulungen. Alle diabetesrelevanten Themen wurden von Grund auf behandelt und wir wurden auf unsere Aufgaben als Betreuer vorbereitet. In den Schulungen erfuhr ich, dass in vielen Familien das Geld für Insulin und Blutzuckergeräte fehlt und dass viele Kinder nicht ausreichend über ihre Krankheit aufgeklärt werden. Eine gute Blutzuckereinstellung und regelmäßige Blutzuckerkontrolle als Vorsorge vor diabetischen Folgeerkrankungen bleibt den meisten verwehrt. Aufgrund der Einkommenssituation vieler Diabetikerfamilien, werden viele Kinder und Jugendliche medizinisch unzureichend versorgt.

Ende der zweiten Vorbereitungswoche fuhren alle Helfer zum ersten Mal in die Stadt San Miguel de Ibarra, wo das Campo Amigo stattfinden sollte. Zusammen mit den einheimischen Helfern bereiteten wir dort alles für die Ankunft der Teilnehmer vor. Nebenbei hatten wir als bunt gemischte Gruppe unterschiedlicher Nationen viel Spaß und lernten, dass das Thema Diabetes über die Ländergrenzen hinaus verbindet. Endlich war es dann soweit – das Camp begann. Sowohl Betreuer als auch über 80 Camper im Alter zwischen drei und 21 Jahren trafen sich zur gemeinsamen Abfahrt in Quito. In Reisebussen ging es vorbei an Lagunen und Vulkanen in die Berge bis nach Ibarra, wo wir das Camp bezogen. Anschließend wurden wir Betreuer in Teams aufgeteilt und bekamen unsere Schützlinge zugewiesen. Zusammen mit zwei Amerikanerinnen sowie zwei Ecuadorianerinnen wurde mir eine fröhliche Gruppe Mädchen im Alter von elf bis 13 Jahren zugeteilt. Als Betreuer begleiteten wir die Kinder und Jugendlichen während der nächsten Wochen zu allen Aktivitäten und Schulungen und halfen ihnen beim Blutzuckermessen und Spritzen.

Da die Anreise aus Quito länger als geplant gedauert hatte, war es höchste Zeit für das Mittagessen und so ging es zunächst in den Spritz- und Messraum, wo künftig vor jeder Hauptmahlzeit die Blutzuckermessungen und das Spritzen durchgeführt werden sollten. Die Tatsache dass Pao, Natalie und ich – alle selbst Diabetikerinnen – uns als Betreuer von den Messungen nicht ausschlossen, beeindruckte die Mädchen sehr und sie schlossen sofort Vertrauen zu uns. Manches Mal musste ich ganz schön schlucken, wenn ich die Blutzuckerwerte meiner Mädchen protokollierte. Die Werte waren so schlecht, dass ein Kind in Deutschland mit ähnlichen Messergebnissen in ein Krankenhaus eingeliefert worden wäre. Dafür war es umso schöner zu sehen, wie sich die gesundheitliche Situation der Kinder im Laufe des Campaufenthaltes zunehmend verbesserte und sie selbstständiger im Umgang mit ihrer Krankheit wurden. Obwohl viele Kinder bisher nie geschult worden waren, wussten die meisten doch genau, ob es sich bei ihren gemessenen Werten um gute oder schlechte Werte handelte und so musste ich häufiger das eine oder andere traurige Mädchen trösten, wenn ihre Stoffwechseleinstellung mit viel zu hohen Werten mal wieder aus dem Ruder lief. Es machte mich beinahe ein wenig wütend, dass man die Kinder so alleine mit ihrer Krankheit gelassen hatte und ihnen nie gezeigt worden war, wie sie sich selbst helfen können. Es freute mich, wenn sie von selbst zu mir kamen, um mehr zu erfahren und ich ihnen helfen und das eine oder andere erklären konnte.

Die Zeit im Camp verging viel zu schnell. Neben der Theorie in den Diabetesschulungen lernten die Kids, den Diabetes in ihren Alltag zu integrieren, so zum Beispiel beim täglichen Sportprogramm, das vom Toben und Spielen auf dem Sportplatz über das Schwimmen und Reiten bis hin zum Tanzen im Abendprogramm reichte. Ob bei der Kostümfiesta, dem Tanzwettbewerb am Lagerfeuer oder beim „Krieg der Farben Spiel“, überall wurden neue Freundschaften geschlossen. Viele Teilnehmer trafen im Camp zum ersten Mal andere diabetische Kinder und Jugendliche und für die Mehrheit bot der Aufenthalt die vollkommen neue Erfahrung, mit Diabetes nicht allein zu sein. Dieses Gemeinschaftsgefühl führte zu vielen großen und kleinen Erfolgen. Besonders beeindruckte mich, zu sehen, wie Kindergartenkinder durch das Vorbild anderer kleiner Camper ihre Angst vor dem Spritzen verloren und lernten, sich selbst zu pieksen. Am letzten Tag fiel es allen besonders schwer „adios“ zu sagen. Trotzdem sah man fröhliche Gesichter, denn schließlich wird man sich ja hoffentlich im nächsten Sommercamp wiedersehen. Zum Abschied bekamen alle Teilnehmer eine Urkunde, ein Camp-T-Shirt, sowie eine Tüte, die ein Blutzuckergerät, Teststreifen, Insulin, Lanzetten und eine Stechhilfe enthielt.

Beenden möchte ich diesen Bericht mit der Erinnerung an ein Mädchen, das zeigt, wie wichtig die Diabetikerarbeit in Ecuador ist. Sie kam circa ein halbes Jahr vor Campbeginn mit ihrem Typ-1- Diabetes und schweren Schädigungen an Nieren und anderen Organen zum Camparzt. Obwohl die Diagnose zu diesem Zeitpunkt bereits drei Jahre zurücklag, war sie bisher ganz ohne Insulin behandelt worden. Ihr wurde lediglich gesagt, sie solle fortan keinen Zucker mehr essen! Sie hatte von dem Diabetes-Camp erfahren und sich dazu angemeldet. Nach einer überstandenen Nierentransplantation freute sie sich sehr darauf, endlich andere Jugendliche kennen zu lernen, die wie sie vom Diabetes betroffen sind und darauf, mehr über die Selbstkontrolle zu lernen. Nur drei Tage bevor es losgehen sollte, erreichte uns leider die Nachricht, dass sie es nicht mehr geschafft hatte und an den Folgen ihres Diabetes verstorben war. Diese traurige Erinnerung, aber vielmehr noch die vielen kleinen Erfolge und lachenden Gesichter, die ich mit Ecuador verbinde, wecken in mir den Wunsch, auch in Zukunft helfen zu können, denn wie heißt es dort: „Juntos somos más fuerte“ – gemeinsam sind wir stärker!


Bianca Rieger, 26, studiert Ökotrophologie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg und möchte sich nach Abschluss ihres Studiums beruflich in Richtung Entwicklungsarbeit orientieren.



itchy feet Nr.5, Ausgabe 2008

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