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Tunesiens deutsche Importware
Eine Praktikantin und ihre Kommunikationskompetenz

„Sabah alkhir, labess?“, sagt der Hausmeister. Zu Deutsch „Guten Morgen, wie geht’s?“ Noch ein paar arabische Sätze wie „Es wird heiß heute! Einen schönen Tag noch, grüßen Sie Ihre Familie!“ Danach gehe ich zu einem kleinen Lebensmittelgeschäft, nicht größer als eine Garage, kaufe einen Trinkjoghurt, einen Muffin, eine Flasche Wasser (halb auf Arabisch, halb auf Französisch) und gehe in die Rue Beni Hilel in Tunis, wo ich in einer kleinen Firma mein Auslandspraktikum absolviere. Das Unternehmen importiert Baby- und Hygieneartikel vor allem aus Deutschland und vertreibt diese auf dem tunesischen Markt. Die Firma hat nicht mehr als zwölf Mitarbeiter. Ich arbeite mit meiner Kollegin Eya in der Abteilung Marketing und Vertrieb, wobei sich Eya auch um die Abwicklung des Imports kümmert. Da die meisten Produkte aus Deutschland importiert werden, bin ich für die Kommunikation mit den Handelspartnern zuständig. Außerdem erarbeite ich während meines fünfmonatigen Aufenthalts ein Kommunikationskonzept für den tunesischen Markt und organisiere zusammen mit Eya eine Messebeteiligung, auf der ich dann als Hostess arbeite und Tunesiern die Vorzüge der Produkte erkläre – größtenteils auf Französisch. Einige Kunden sprechen jedoch fast nur arabisch. Nach ein paar Wochen in Tunesien und dank meines Arabischkurses während des Studiums kann ich diese Kunden zumindest empfangen, ihnen zu verstehen geben, dass mein Arabisch sehr begrenzt ist und sie an meine Kolleginnen übergeben. Viele der Messebesucher sind sehr erfreut, dass ich ein Praktikum in Tunesien absolviere und erzählen mir von Familienangehörigen, die in Deutschland wohnen.

Natürlich arbeite ich auch im Alltagsgeschäft mit, erstelle Statistiken oder plane die Besuche der Vertreter. Die Arbeitszeiten variieren. Im Winter arbeite ich von 8 bis 18 Uhr mit zweistündiger Mittagspause. In den Sommermonaten Juli und August arbeiten viele Unternehmen wegen der großen Hitze ohne Pause von 7:30 bis 14 Uhr. Obwohl die Mehrheit der Büros klimatisiert ist, werden die veränderten Sommerarbeitszeiten von den meisten Firmen beibehalten. Wenn man im Juli gegen 14 Uhr die Straße betritt, erkennt man sofort, warum Klimaanlagen eingeführt wurden. Der 20-minütige Heimweg führt durch einen 50°C heißen Backofen. Der Führungsstil, den ich kennen gelernt habe, ist im Vergleich zu Deutschland relativ streng. Ansonsten unterscheidet sich die Arbeit nicht wesentlich von der in einem deutschen Unternehmen. Allerdings wird alles mit einer gewissen Gelassenheit angegangen, welche sich jedoch nicht negativ auf die Arbeit auswirkt. Ich bin voll in die Gemeinschaft der Kollegen integriert. Daher komme ich oft in den Genuss der Kochkünste meiner Kolleginnen, die tunesische Speisen von zu Hause mitbringen. An anderen Tagen bereiten wir selbst kleine Snacks in der Teeküche zu, holen uns Chawarma oder Falafel oder lassen uns von den Lieferburschen der Firma gegrillte Hähnchen mitbringen. Manchmal fahre ich in die Innenstadt und treffe mich mit anderen Tunesiern oder ausländischen Praktikanten zum Mittagessen. Nach dem Essen gibt es grundsätzlich Tee, selbst gemacht oder aus einem Café um die Ecke. In dem Café verkehren ausschließlich Männer und der Anblick einer Frau, dazu einer Europäerin, ist dort sehr ungewöhnlich, führt aber nicht zu Problemen. In den Touristengegenden und sogar in Tunis selbst wird man als Frau ab und zu angesprochen. Wenn man dann aber sagt, dass man in Ruhe gelassen werden möchte, geschieht dies auch.

Mein Praktikumsplatz wurde mir von der studentischen Organisation AIESEC vermittelt, die zudem bei der Zimmersuche behilflich war. Ich wohne zusammen mit vier anderen Praktikanten in einer WG. Es gibt noch andere Wohnungen von AIESEC, die von ausländischen Praktikanten bewohnt werden und so entstand schnell mein internationaler Freundeskreis. Es kommt kaum vor, dass zwei junge Menschen derselben Nationalität aufeinandertreffen, was für das internationale Miteinander nur förderlich ist. Es herrscht ein Kommen und Gehen, da die Praktika unterschiedlich lange dauern und so lernt man immer neue interessante Menschen kennen. Meine Bekannten kommen zum Beispiel aus Kanada, den USA, Mexiko, Spanien, England, Frankreich, Italien, der Türkei, Polen, Tschechien, Rumänien, Bulgarien, Kamerun oder sogar aus Taiwan. An freien Nachmittagen unternehmen wir – oft gemeinsam mit Tunesiern – Ausflüge ins nahe gelegene Sidi Bou Said zum Shisha Rauchen und sind im Sommer viel am Strand. Manchmal gehen wir in die Medina, die Altstadt, wobei es von großem Vorteil ist, wenn man von einem Tunesier begleitet wird, der dann für einen handelt. Die Preise für Touristen sind nämlich eindeutig höher als die für Einheimische. Es wirkt sich positiv auf den Preis aus, wenn man ein paar Worte arabisch spricht, denn arabisch sprechende Europäer sind äußerst selten. Abends kochen wir oft zusammen und lassen uns von Tunesiern die Zubereitung der landestypischen Speisen erklären. Am Wochenende gehen wir in kleine Clubs und Discos in Tunis oder der Hafenstadt Sousse und dem Badeort Hammamet. Dort haben die Diskotheken jedoch fast alle nur im Sommer geöffnet.

Durch den guten Kontakt zu einigen Tunesiern, lerne ich den Alltag tunesischer Familien kennen. Ich begleite meine Kollegin Eya, wenn sie sich mit Freunden zum Mittagessen trifft und eine ihrer Freundinnen hat mich sogar zu einem großen Familienessen mitgenommen. Es gibt tunesische Spezialitäten wie das Grießgericht Couscous oder Brik. Dies sind sehr dünne Teigfladen, die mit Ei und Thunfisch gefüllt und dann frittiert werden. Zusammen mit einigen Praktikanten und ein paar tunesischen Freunden werde ich von einer anderen einheimischen Familie ebenfalls zum Essen eingeladen. Es gibt mehrere Gänge: eine Suppe, Salat, zwei verschiedene Sorten Fleisch, Couscous, Eintopf und Dessert. Danach wird Tee und süßes Gebäck serviert. Das Mittagessen dauert den ganzen Nachmittag und früher zu gehen würde die Gastgeber beleidigen. Es macht Spaß, das Essen schmeckt sehr gut, wir führen interessante Gespräche und genießen die tunesische Kultur, vor allem die Gastfreundschaft. An den Wochenenden und an ein paar freien Tagen fahre ich durch das ganze Land. Touristische Orte wie Sousse oder Hammamet sind leicht mit dem Zug zu erreichen. Ein besonderes Fortbewegungsmittel in Tunesien ist die Louage, eine Art Sammeltaxi, das so lange wartet, bis alle Plätze belegt sind und dann in die angezeigt Stadt fährt. Vor allem in den Dörfern im Süden des Landes kann man die tunesische Kultur erfahren und natürlich die Sahara besuchen. Den etwas kühleren Norden bereise ich ebenfalls und bin erstaunt, dass es hier sogar Wälder gibt. Die Nordküste ist vor allem für Taucher sehr schön, dutzende von Tauchschulen reihen sich in Tabarka aneinander.

„Bisslema“ – auf Wiedersehen – heißt es schließlich von Kollegen, Freunden, Mitbewohnern, den anderen Praktikanten und auch vom Hausmeister, von dem ich den tunesischen Smalltalk gelernt habe. „Ayshek“ – danke – es war eine gute Erfahrung. Mein Aufenthalt hat mich sehr bereichert und ich kann jedem ein Praktikum in Tunesien nur empfehlen. Ich habe fachlich einiges gelernt und viel über die Arbeit einer Importfirma in Tunesien mitbekommen. Außerdem konnte ich meine Sprachkenntnisse vertiefen und sowohl mein Französisch aufbessern als auch mein Arabischvokabular erweitern. Vor allem habe ich eine Menge Wissenswertes über die Kultur Tunesiens erfahren und ich habe gelernt, mich in ihr zurechtzufinden. In einem muslimischen Land zu leben und zu arbeiten war eine äußerst interessante Erfahrung. Sehr wichtig für mich waren auch die Kontakte zu Tunesiern und den anderen ausländischen Praktikanten. Viele davon treffen sich immer noch in unregelmäßigen Abständen auf Reisen oder besuchen sich gegenseitig. Kontakt habe ich dank einer Online-Community noch zu allen.


Lena Hoffmeister, 25 Jahre alt, hat ihr Studium an der Hochschule Heilbronn im Studiengang Internationale Betriebswirtschaft und Interkulturelle Studien erfolgreich beendet und interessiert sich besonders für den Bereich Marketing in der Konsumgüterindustrie.



itchy feet Nr.5, Ausgabe 2008

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