| Anfänglicher Zeitstillstand in Finnland
In Finnland kann man die engsten Freundschaften knüpfen, die schönste Zeit in der Sauna verbringen und den kältesten Wind spüren, solange man nur genug Zeit mitbringt. Meine dreieinhalb verlängerte ich auf zehn Monate und wollte gar nicht wieder weg. Der Höhepunkt des Jahres rückte näher und obwohl ich von Weihnachten bisher eigentlich nicht soviel hielt, war ich spätestens vor dem knisternden Ofen inmitten meiner Gastfamilie am Heiligabend davon überzeugt, dass es den Weihnachtszauber doch gibt. Aber es sind nicht vornehmlich die Weihnachtstage, die den finnischen Winter beschwingen, sondern es sind die Kälte samt dem glitzernden Schnee in der Dunkelheit und die duftende Wärme eines Saunaaufenthaltes mit Familie und Freunden. Ich könnte mir auf Dauer zwar schwer vorstellen, den langen Winter mit Kälte und Dunkelheit ohne Gefühlsschwankungen zu überstehen, doch für die Zeit eines Austauschjahrs ist es wirklich kein Problem. Der kräftige Winter sorgt für Gemütlichkeit und sobald Schnee fällt, wird die Landschaft aufgehellt. Am schönsten sind vor allem der Februar und der März, wenn die Tage wieder länger werden und die Sonne oft scheint, aber die Kälte trotzdem den Schnee verbleiben lässt. An solchen Tagen mag man stundenlang spazieren oder Skilanglaufen gehen und nur so vor sich hin träumen. Typischerweise werden alle Austauschschüler gefragt, weshalb sie sich für ein bestimmtes Wunschgastland entschieden haben. So erging es auch mir. Warum gerade Finnland? Meine Antwort: die beeindruckende Landschaft und die PISA-Studie. Von ihrem Glück, Gewinner der PISAStudie zu sein, wissen die Finnen übrigens oft gar nichts. Das Schuljahr ist in sechswöchige Perioden eingeteilt, in denen man jeweils fünf Fächer wählt, die teilweise vorgeschrieben sind. Alle Lehrer werden geduzt und mit Vornamen angesprochen – wie eigentlich fast alle Leute bis auf die finnische Präsidentin – wodurch ein recht freundschaftliches Verhältnis und keine Barrieren aus Angst und Leistungsdruck entstehen. Die 30- Stunden-Woche läuft immer nach dem gleichen Schema ab: Die Schule beginnt gegen 9 Uhr und nach drei Stunden ist Mittagspause. Es gibt für alle kostenlos Mittagessen, selbst für Vegetarier und Laktose- oder Glutenallergiker! Spätestens gegen 15 Uhr geht es nach Hause. In der Oberstufe besteht keine Schulpflicht, sodass man über die Anzahl der belegten Kurse sowie über seine Anwesenheit selbst entscheidet. Die Finnen wissen in der Regel jedoch, warum sie ihr Abitur machen wollen und erscheinen normalerweise regelmäßig zum Unterricht. Zudem möchten ja auch alle die nach den sechs Wochen fälligen Klausuren bestehen, die in fast allen Fächern die einzige Grundlage für die Note darstellen. Die finnischen Abiturprüfungen kann man auf mehrere Halbjahre verteilen und diese wiederholen, falls man nicht bestanden hat oder unzufrieden mit dem Ergebnis ist. Wenn man es dann endlich bis zum letzten Schultag geschafft hat, wird man an meiner Schule in Paltamo wortwörtlich aus der Schule geschmissen. Unter Applaus tragen die Jüngeren die verkleideten Abiturienten alle einzeln auf Krankenpritschen aus dem Schulgebäude und die Schulleiterin – in einem Rollstuhl sitzend – schieben sie gleich hinterher. Die Prüfungen werden allesamt zur Korrektur nach Helsinki geschickt, wo sie zentral und vor allem unabhängig von Schule, Lehrer oder Schüler kontrolliert werden. Ich selbst habe das Französisch-Abitur mitgeschrieben und obwohl es mir in Deutschland für mein Abitur nicht anerkannt wird, war es eine gute Erfahrung daran teilzunehmen und den ganzen Prozess mitzuerleben. Das Abitur bestanden, bekommt man das „valkolakki“, eine Art weiße Kappe, und es wird groß mit allen Verwandten und Bekannten gefeiert. In der gleichen Woche findet auch das berühmte „Wanhojen Tanssi“ für diejenigen statt, die im folgenden Jahr ihr Abitur ablegen. Für manche Schülerinnen scheint die Teilnahme an der Tanzveranstaltung der Hauptgrund zu sein, das Abitur machen zu wollen. Im Sportkurs werden traditionelle Tänze gelehrt und nachdem sich alle ein festliches Ballkleid oder einen Anzug besorgt haben, wird das Einstudierte vor Familie und Freunden aufgeführt. Neben Hochzeiten und Trauerfeiern ist das Abitur die wichtigste Feier im Leben eines Finnen. Geburtstage werden hingegen nicht so groß geschrieben und haben nur eine geringe Bedeutung, was ich am Anfang als lieblos empfand. Die Sauna ist während des Jahres zu einem festen und sogar zum schönsten Bestandteil meines finnischen Alltagslebens geworden. Meine Gastfamilie ließ mir eher wenige Freiheiten was das Ausgehen betraf, jedoch konnte ich dafür umso mehr das Beisammensein in der Familie schätzen lernen. Was gibt es Schöneres, als zusammen in der Sommerhütte nach dem Saunagang bei Kerzenlicht auf den See zu schauen? Sowohl das Schwimmen im See im Sommer als auch das Wälzen im Schnee im Winter waren bei diesen Familienausflügen inklusive, wobei ich während der Wintermonate auch das Eisschwimmen unbedingt probieren musste. Am Rand des riesigen gefrorenen Oulusees wird einfach ein paar Quadratmeter großes Loch ins Eis gesägt, in das eine Leiter hineinführt. In der kleinen Hütte daneben kann man sich umziehen und mit Wintermütze und Bikini geht es dann ab ins eiskalte Nass. Vorher halb tot vor Aufregung, fühlt man sich hinterher wie neugeboren. Der See wird im Winter jedoch nicht nur für solche Zwecke genutzt, sondern auch zum Ski, Auto und besonders Schneemobil fahren, denn es ist einfach bequemer und kürzer den See zu überqueren, als am Ufer entlang zu kurven. Mittlerweile habe ich alle Fotos in einem riesigen Fotoalbum gesammelt, was wohl nach diesem Besuch bei meiner Gastfamilie noch erweitert wird. Nach all den vielen Erfahrungen, für die hier leider kein Platz ist und die man oft nicht mit Worten ausdrücken kann, fiel mir der Abschied natürlich unheimlich schwer. Doch umso schöner ist es, jetzt wieder zurück zu sein und wenigstens die Schulferien hier in Finnland zu verbringen. In Deutschland wird mir alles wieder wie ein langer, wunderschöner Traum vorkommen. Durch mein Austauschjahr habe ich wohl meine Wahlheimat fürs Leben gefunden. Claudia Teichmann, 19, wird im Frühjahr ihr Abitur machen und plant, als Au Pair oder als Freiwillige anschließend noch einmal ins Ausland zu gehen. itchy feet Nr.5, Ausgabe 2008 |
|
||||||||||||||