âSuccess through obsessionâ â Ein Spruch, der mich mein gesamtes Austauschjahr lang begleitet hat. Ein Motto, das auf ein High School Jahr genauso gut passt, wie auf das Leben generell. Wo erreicht man heutzutage schon noch etwas ohne absolute oder leidenschaftliche Hingabe? Das jedenfalls ist es, was ich unter âobsessionâ verstehe. Am Anfang eines Austauschjahres stehen natĂŒrlich erstmal die Erwartungen. Man lĂ€sst die gewohnte BetonwĂŒste, der man schon fast siebzehn Jahre lang Untertan war, hinter sich und steigt, ein wenig wehmĂŒtig ob der nun abgeschlossenen und friedlichen Kindheit, in das Flugzeug, welches einen sicher und komfortabel in die neue Heimat auf Zeit bringen soll. FĂŒr mich geht es in die Hauptstadt des nördlichen Territoriums von Australien, Darwin. Erwartet habe ich bei solchen Bezeichnungen wie âdas Tor nach Asienâ oder âHippie-Hauptstadt Australiensâ ein kleines tropisch-multikulturelles Paradies, das nur noch entdeckt werden will. Gerechnet habe ich mit der exorbitant hohen Anzahl an Touristen, welche ĂŒber das Jahr verteilt mehr als zehnmal so hoch ist wie die Einwohnerzahl Darwins und mit der ordinĂ€ren VerrĂŒcktheit der Anwohner, die etwa in professionellen Bierdosenregatten ausgelebt wird, nicht. Arrangieren können habe ich mich mit allem. Der erste Schultag ist ein Musterbeispiel fĂŒr enttĂ€uschte und erfĂŒllte Erwartungen. Man erhofft sich Aufgeschlossenheit, RĂŒcksicht und Hilfsbereitschaft. Man möchte schnell Anschluss finden, um der OberflĂ€chlichkeit so bald wie möglich zu entfliehen. In der Praxis sieht es zunĂ€chst einmal etwas anders aus. Ohne groĂ eingewiesen worden zu sein, wurde ich in einen Klassenraum gesetzt. Wozu braucht so ein AustauschschĂŒler denn Hilfe von den Lehrern, die Kleinen sollen sich doch selber durchbeiĂen! Anders war da das Verhalten meiner neuen MitschĂŒler: Nach kurzer visueller Inspektion wurde ich herzlich in ein GesprĂ€ch verwickelt und lernte dankbar die ersten Leute kennen. Dass ebendiese offenen Gestalten letztendlich zu meinen treuesten und tiefsten Bekanntschaften im Land derer fĂŒhren sollten, die Vegemite, einen streichbaren Maggi-BrĂŒhwĂŒrfel, als liebsten Brotaufstrich haben und auch sonstige KuriositĂ€ten wie getrocknete Salzpflaumen nicht verschmĂ€hen, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht abzusehen. Vielleicht war das auch gut so, denn ansonsten hĂ€tte ich mich wohl nicht so intensiv mit meinem Motto âsuccess through obsessionâ beschĂ€ftigt. Freundschaften aufzubauen erfordert eine Menge emotionaler Hingabe. Mit dem Ziel vor Augen, ein erfolgreicher AustauschschĂŒler zu sein, setzte ich den mich begleitenden Spruch in die Praxis um. Geklappt hat es wunderbar: Sowohl mit der kleinen exzentrischen Amber als auch mit der durchweg lieben Wilasinee stehe ich noch in regem Kontakt. Der Grundstein fĂŒr ein wunderbares Jahr im tropischen Norden Australiens war gelegt. Familientechnisch musste ich mich ebenfalls anstrengen, denn die drei anderen Charaktere, mit denen ich die nĂ€chsten elf Monate in einem Haus verbringen sollte, waren liebenswerte, aber sicherlich keine einfachen Persönlichkeiten. Es galt, sich die zwar interessanten, aber Ă€uĂerst ausschweifenden Geschichten meines Gastvaters Ken anzuhören und der meist zu einem Witz aufgelegten Gastmutter Debbie immer bis ins Detail von meinen Tagesgeschehnissen zu berichten. Dazu kam mein Gastbruder Nat, der fĂŒr mich als Einzelkind eine gĂ€nzlich neue Erfahrung darstellte. Was erwartet man von einem Bruder? Freizeitprogramm, Sticheleien, Schutz? Mit viel Elan und trotz einiger RĂŒckschlĂ€ge bauten wir eine Beziehung auf, die mir bisher in dieser Form wirklich nicht bekannt war. Ich versuchte, Nat so gut wie möglich kennen zu lernen. Dadurch habe ich einen Bruder gewonnen, mit allen seinen guten, aber auch mit seinen schlechten Seiten. Missen möchte ich diese Beziehung und ihn nicht mehr. Nach etwa einem halben Jahr gab es keine Erwartungen mehr. Alles schien erkundet, alles wurde so alltĂ€glich, wie es nun einmal fĂŒr einen mitteleuropĂ€ischen Stadtjungen in der regelmĂ€Ăig von Naturkatastrophen heimgesuchten Tropenkleinstadt Darwin alltĂ€glich werden kann. Wiederkehrende Krokodile auf der Zeitungstitelseite, alle zwei Tage BBQ im Hinterhof und besoffene Ureinwohner auf der StraĂe gehörten ebenso dazu, wie das Kajakfahren in der Schule, die ellenlangen Cricketnachmittage und die âNo Worriesâ-MentalitĂ€t der Anwohner. Trotz des durch GesetzesĂ€nderungen bedingten erzwungenen Schulwechsels, sah ich es als keine groĂe Herausforderung mehr an, mich den Gegebenheiten anzupassen, da der berĂŒhmte Schalter etwa um die Weihnachtszeit herum umgelegt worden war und es âklickâ gemacht hatte. Was mir am Anfang als harte Arbeit vorgekommen war, das Interesse zeigen, das Erkunden, das Zuhören, war fĂŒr mich zur SelbstverstĂ€ndlichkeit geworden. Mein Lieblingsfach, das Theaterspiel, wo ich der darstellenden Kunst frönen durfte, wurde ĂŒbrigens zu einer ganz besonderen Obsession, fĂŒr die der GroĂteil meiner Freizeit draufging. Monatelang probte, lachte und lernte ich mit den anderen verrĂŒckten Individuen meiner Drama-Klasse, um schlussendlich völlig leer hinter der BĂŒhne zu stehen, das KostĂŒm abzunehmen und den anderen in die Arme zu fallen. Aufgrund der Offenheit meiner australischen MitschĂŒler, vielleicht aber auch, weil ich selbst viel Engagement zeigte, fiel es mir leicht, mich in die Gruppe zu integrieren. Viele Mitstreiter sind zu guten Freunden geworden, der Geist hat uns zusammengeschweiĂt. Es ging weniger darum, den Kulturbanausen in Darwin das absurde Theater aus Italien nĂ€her zu bringen, als vielmehr darum, den Weg als Ziel zu betrachten und sich auszudrĂŒcken. Ich kann, so ich denn werten muss, von keinerlei Situationen sprechen, die mein Motto aus der Bahn geworfen hĂ€tten. Einzig das Bestehen meines Fahrtests am letzten Tag blieb mir verwehrt, wobei ich doch gestehen muss, dass ich dort frevelhafterweise nicht ganz bei der Sache war und eher den Geschwindigkeitsrausch auf den langen, einsamen StraĂen genossen habe, als darauf zu achten, den Verkehr beim Abbiegen nicht aufzuhalten. Mein Austauschjahr war erfolgreich: Ich habe alles erreicht, was ich wollte, oberflĂ€chlich. Wenn ich etwas tiefer grabe oder den ErzĂ€hlungen meiner engen Freunde Glauben schenke, dann haben sich auch viele meiner Denk-, Handels- und Herangehensweisen verĂ€ndert, ganz unterschwellig. Das bedeutet nicht, dass ich meine bisherigen Ideale wĂ€hrend des Austauschjahres vergessen oder aufgegeben hĂ€tte, aber durch die absolute Hingabe in Bezug auf Neues, durch das bedingungslose Zuhören und das stĂ€ndige Lernen habe ich mich weiterentwickelt und somit das mir selbst gesteckte Ziel eines solchen Jahres fern der gewohnten Umgebung erreicht. Dass ich es in Australien durch die enorme Offenheit der Menschen einfach und durch die tropischen Temperaturen angenehm hatte, trug maĂgeblich dazu bei, dass ich glĂŒcklich war. Und ist es nicht dass, wofĂŒr es sich alles zu geben lohnt? Kai Brennert, 18 Jahre alt, besucht die 12. Klasse der Bertha-von-Suttner-Oberschule in Berlin und belegt dort die Leistungskurse Englisch und Politische Weltkunde. itchy feet Nr.5, Ausgabe 2008 |
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