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Lernen im Matrosen-Outfit
Ein Schultag in Tokio

Schweißgebadet wache ich auf. Meine Augen wandern zu der Kalligrafie an der Wand. Ich befinde mich in einem mit Tatamimatten ausgelegten, japanisch eingerichteten Zimmer in Komae, einem Ort im Großraum Tokio. Von einem Erdbeben hatte ich diesmal wohl nur geträumt. Draußen höre ich meine Gastmutter das Frühstück zubereiten. Was es wohl heute Morgen geben wird? Doch zuerst falte ich den Futon, meine japanische Schlafstätte, zusammen und verstaue ihn im Wandschrank. Vorsichtig schiebe ich die Tür zur Seite: „Ohayo“ – Guten Morgen. Schlaftrunken besuche ich die Toilette, die zu Beginn meines Austauschjahres noch für Verwirrung sorgte, da die Brille beheizt ist. Jetzt empfinde ich es eher als angenehm. Außerdem hat das WC einige Knöpfe zu bieten, deren Betätigung zu allerhand lustigen Begegnungen mit Wasserstrahlen aus und in alle Richtungen führen kann. Beim Anziehen meiner Schuluniform muss ich heute, wie jeden Tag, gut aufpassen, damit ich nichts vergesse. Einige Male bin ich fast ohne die rote Krawatte aus dem Haus gegangen. Zum Glück können wir jetzt aber unsere Sommeruniformen im Matrosen-Look tragen, die ohne diese Krawatte auskommen. Sogar die Socken präsentieren das Schullogo und damit sie dort sitzen, wo sie hingehören und nicht ständig herunterrutschen, werden sie am Bein mit einem speziellen, nach Erdbeere riechenden Kleber fixiert.
Jetzt ist es zum Essen fast zu spät, doch ohne den leckeren Curryreis im Magen möchte ich ungern aus dem Haus gehen. In meiner Hast schaufele ich mir das gelbe Zeug direkt vom Löffel auf meinen Rock. Heute schließe ich mich somit der Gruppe der Menschen an, die zum Bahnhof rennen. Zeit ist in Tokio eben besonders wertvoll. Die Bahnen kommen zwar extrem pünktlich, die Reise im Expresszug Richtung Shinjuku ist zur Hauptverkehrszeit jedoch alles andere als gemütlich, da ein Großteil der mehr als 34 Millionen im Großraum Tokio lebenden Japaner den Weg zur Arbeit mit der Bahn auf sich nehmen. Schicke Anzüge und Schuluniformen prägen das Stadtbild. Je näher ich meiner Schule komme, desto mehr Schüler tragen die gleiche Uniform wie ich. Nach einer Stunde Fahrzeit betrete ich kurz vor halb neun meinen Klassenraum. Wir sind 36 Schülerinnen der zweiten Klasse der High School. Das entspricht in etwa der elften Klasse. Mittelschülerinnen um, damit wir neue Banknachbarinnen bekommen und so viele unserer Mitschülerinnen näher kennen lernen können.
Zusammen mit einer Lehrerin, die für internationale Angelegenheiten zuständig ist, stellte ich zu Beginn des Schuljahres einen Stundenplan zusammen. Wir einigten uns darauf, dass ich Geschichte und Altjapanisch vermutlich nicht ausreichend verstehen würde. Zudem erhalte ich fünf Stunden Einzelunterricht in der Woche, um mein Japanisch zu verbessern. Da heute Freitag ist, steht zuerst Religion auf dem Plan. Obwohl der Lehrer sich Mühe gibt, schafft er es aufgrund des üblichen Frontalunterrichts nicht, alle Schülerinnen bei Laune zu halten. Bei einigen überwiegt die Müdigkeit, die durch die vergangene Prüfungszeit hervorgerufen wurde. Ihr Schlaf wird nicht gestört. Das verwundert mich auch nach meiner Eingewöhnungsphase noch, gibt es doch sonst viele Regeln an dieser strengen Schule. So sind zum Beispiel Süßigkeiten, Make-up, Handys und das Haarefärben neben vielen anderen Dingen verboten. Nach dem anschließenden Musikunterricht haben wir eine einstündige Mittagspause. Darauf freue ich mich jeden Tag. Zum einen hat man viel Spaß mit seinen Freundinnen, zum anderen gibt es endlich das ersehnte Obento, ein Essen aus einer Lunchbox, die täglich von meiner Gastmutter befüllt wird. Meine Obentobox ist zweiteilig. In der unteren Etage befindet sich stets der Reis und der Inhalt der oberen Kammer variiert zwischen unterschiedlichen Arten von Obst, Gemüse und Fleisch.
Besonderen Spaß macht mir die nächste Doppelstunde: Kalligrafieunterricht. Im Moment arbeite ich an dem japanischen Silbenalphabet. Ist mir ein Zeichen besonders gut gelungen, malt die Lehrerin mit ihrem Pinsel eine große rote Blume darüber. Anfangs musste ich einen Aufschrei des Entsetzens unterdrücken. Bis zum Ende meines Austausches darf ich sogar einen eigenen Namensstempel und einen Teller mit einem selbst gewählten Schriftzeichen anfertigen. Nach dem Unterricht wird gemeinsam geputzt. Das ist in Japan allgemein so üblich. Heute reinigt meine Gruppe den Flur vor unserem Klassenzimmer. Leider werden wir von der Lehrerin einer Parallelklasse ermahnt, da wir das Putzen mit zu viel Spaß und ohne den notwendigen Ernst betreiben und auf dem Besen durch die Gegend reiten. Gleich nach der Reinigungsaktion findet mein Teezeremonieklub statt. In der kommenden Woche wird der „Tag der offenen Tür“ zahlreiche Besucher anziehen und da es noch einiges vorzubereiten gilt, treffen sich die meisten Klubs täglich. Für die Musikerinnen der Brassband und alle Sportaktivitäten wie Basketball, Baton oder Leichtathletik ist das keine Ausnahme. Kulturklubs wie der Kalligrafie-, Ikebana-Blumensteckkunst- und Teezeremonieklub treffen sich sonst nur einmal in der Woche. Das Angebot ist wirklich groß, aber es gibt keinen Zwang beizutreten. Die Klubtreffen werden auch in allen Ferien organisiert und finden teilweise bis zu sechs Stunden am Tag statt. Im Teezeremonieklub lernen wir von zwei strengen Frauen im Kimono die fest vorgeschriebenen Abläufe der Zeremonie. Unsere Lehrerinnen bringen heute traditionelle japanische Süßigkeiten für uns mit. Die Treffen machen wirklich Spaß!
Beim Aufeinandertreffen mehrerer Jahrgänge, ist eine Rangordnung zu beobachten. Wir Älteren werden ehrfurchtsvoll „Sempai“ genannt, die Jüngeren nennen wir „Kohai“. Dieser Respekt wird auch in der Sprache ausgedrückt. Um 18 Uhr ertönt erneut eine Ansage aus den Lautsprechern Die Schule wird für heute geschlossen. Zusammen mit meiner besten Freundin Eriko mache ich mich auf den Weg nach Hause. Sie hat immer ein offenes Ohr für mich, wenn es Probleme gibt. Dafür bin ich ihr wirklich dankbar. Es tut gut, zum Beispiel offen über Kulturunterschiede zu reden und dabei die „andere Seite“ kennen zu lernen. In Kichijoji, wo wir beide umsteigen müssen, entscheiden wir uns spontan dazu, in einer Spielhalle noch ein paar Purikura-Automaten aufzusuchen. Purikura sind kleine bunte Abziehbildchen, die entstehen, wenn man sich gemeinsam fotografieren lässt und die Motive anschließend auf einem Monitor mit einem Metallstift bearbeitet. Das Sammeln und Tauschen dieser Bildchen ist fast ein Sport unter uns Mädchen. In der Schuluniform ist eigentlich selbst das Betreten eines Purikura-Automaten verboten. Die Bahnfahrt zurück war heute eher langweilig. Sonst gibt es mitunter interessante Dinge zu entdecken: Neben einem Sumoringer und Frauen in Kimonos sieht man einige Mädchen, die sich die Augenlider mit Kleber einstreichen, damit sie runder, europäischer wirken.
Zu Hause angekommen, ziehe ich mir zuerst meine Schuhe aus. Die Wohnung darf nicht mit Schuhen betreten werden, der Eingangsbereich ist extra etwas abgesenkt. Meine Gasteltern und meine drei Gastgeschwister sind noch nicht zurück. Eine Stunde später helfe ich meiner Gastmutter beim Decken des Tisches. Jeden Tag gibt es diesen leckeren Rundkornreis und eine Misosuppe, die unter anderem Tofu, Algen und Muscheln enthalten kann. Mehrere Teller mit verschiedenen Köstlichkeiten werden in die Mitte des Tisches gestellt und jeder nimmt sich, was er möchte. Doch vor dem Essen halten wir inne, schließen die Augen und beten. Jetzt freue ich mich auf ein heißes Bad bei 43°C. Vor dem Baden duschen Japaner und steigen sauber in das klare Wasser. Die Wannen sind hier kürzer als in Deutschland, dafür tiefer. Sehr entspannt hole ich meinen Futon aus dem Wandschrank und breite ihn auf den Tatamimatten meines Zimmers aus. Nach dem täglichen Tagebuchschreiben fallen mir vor Erschöpfung die Augen zu. „Oyasumi“ – Gute Nacht!
Dana Willfroth, 20, studiert mittlerweile Verkehrswesen an der Technischen Universität in Berlin. Über ihre Zeit als Gastschülerin hat sie das Buch „Mein Japanjahr“ veröffentlicht.
itchy feet Nr.5, Ausgabe 2008
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