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Ein Privileg der Privilegierten
Schüleraustausch boomt - und bleibt ein Minderheitenprogramm

Laut einer Studie des unabhängigen Bildungsberatungsdienstes weltweiser® nahmen im Schuljahr 2006/07 rund 16.000 Jugendliche aus Deutschland an einem mindestens dreimonatigen, meist jedoch einjährigen Schüleraustauschprogramm teil – so viele wie nie zuvor. Die Vereinigten Staaten von Amerika standen mit über 8.000 Programmteilnehmern in der Gunst der deutschen Austauschschüler weiterhin klar und mit weitem Abstand an erster Stelle. Andere Länder erfreuten sich zunehmender Beliebtheit, allen voran Kanada (1.250 Teilnehmer), Neuseeland (1.000) und Australien (über 800). Aber auch das nicht-englischsprachige Ausland ist populärer geworden: 60 deutsche Jugendliche ließen sich auf das Abenteuer China ein, 90 Schüler verbrachten ihr Schuljahr in Costa Rica, 120 in Japan, 150 in Argentinien und etwa 240 Jugendliche führte ihr Fernweh nach Südafrika. Rund zwei Drittel aller Austauschschüler sind Mädchen, die im Alter von 14 bis 17 Jahren den Sprung ins Unbekannte wagen.

Mittlerweile bieten rund 60 deutsche Austauschorganisationen High-School- Programme an. Je nach Gastland und Schul- bzw. Programmform sind zwischen 5.000 und 35.000,- € an den Veranstalter zu zahlen. Auf gegenseitigem Austausch basierende und somit kostengünstige Schüleraustauschprogramme werden kaum noch angeboten. Dies hat zwei Gründe: Zum einen wird die Gegenseitigkeit dadurch erschwert, dass es stets deutlich mehr Deutsche gibt, die es ins Ausland zieht, als ausländische Schüler, die Lust und die finanziellen Mittel haben, einen Teil ihrer Schulzeit in Deutschland zu verbringen. Zum anderen schütten die zuständigen Ministerien der Bundesländer kaum Geld für solche Programme aus. Förder- und Finanzierungsmöglichkeiten für deutsche Schüler gibt es im Rahmen von Stipendienprogrammen. So kann man sich zum Beispiel für das Parlamentarische Patenschafts-Programm (PPP) des Bundestags oder bei einigen Austauschorganisationen um ein Stipendium bewerben. Darüber hinaus können Schülerinnen und Schüler derzeit bis zu 348,- € Auslandsbafög pro Monat beziehen. Dieses Geld wird als Zuschuss gezahlt, das heißt es muss nach der Heimkehr nicht zurückerstattet werden.

Trotz der hohen Programmkosten können folglich auch Schülerinnen und Schüler Erfahrungen im Ausland sammeln, deren Eltern nicht über einen prall gefüllten Geldbeutel verfügen. Um jedoch beispielsweise eines der jährlich 300 Vollstipendien des PPP für das Gastland USA zu bekommen, muss man sich gegen rund 10.000 Mitbewerber durchsetzen. Dies gelingt vor allem den Jugendlichen, die sich jenseits von guten bis sehr guten Schulnoten in irgendeiner Weise durch ihr soziales, politisches bzw. kulturelles Engagement von der breiten Masse abheben oder die Jury-Mitglieder durch ihre besondere Ausstrahlung überzeugen. Den gemeinen Durchschnittsschüler oder gar Kinder aus „bildungsfernen“ bzw. sozialschwachen Familien findet man somit eher selten unter den glücklichen Stipendiaten. Um in den Genuss von Auslandsbafög zu kommen, muss man hingegen keine besondere Vita oder Leistungen vorweisen. Es zählt einzig und allein das Einkommen der Eltern in Kombination mit Faktoren wie der Anzahl der im Haushalt lebenden Kinder und dem Familienstand. Aufgrund von falscher Prioritätensetzung bei den öffentlichen Ausgaben ist die Bemessungsgrundlage seit vielen Jahren jedoch so angelegt, dass nur relativ wenige Bewerber tatsächlich eine Vollförderung erhalten. Sogar der Höchstsatz deckt zudem nur rund die Hälfte der Gesamtkosten eines Schuljahresaufenthalts im kostengünstigsten englischsprachigen Gastland, den USA. Diese Rahmenbedingungen haben dazu geführt, dass die Teilnahme an High-School- Programmen ein Privileg der Kinder privilegierter Eltern geworden ist, die ihre Sprösslinge aufgrund ihres sozialen Status und ihrer finanziellen Situation optimal fördern können.

Würde es unserer Gesellschaft aber nicht gut tun, einer breiteren Masse von Schülern mehrmonatige Auslandsaufenthalte während der Schulzeit zu ermöglichen? Die klare Antwort lautet „ja“. Austauschschüler erweitern nicht nur ihren persönlichen Horizont oder maximieren ihre Karrierechancen. Sie tragen durch ihr Eintauchen in eine neue Kultur zur weltweiten Völkerverständigung bei. Ein wichtiger Faktor, der sich positiv auf die deutsche Gesellschaft auswirkt – und zwar nicht nur unmittelbar nach der Rückkehr, sondern ein ganzes Leben lang: Jenseits der Freude, die Austauschschüler aufgrund der im Ausland erworbenen Schlüsselqualifikationen in vielen Personalabteilungen hervorrufen, werden ihre Erfahrungen und Soft Skills bei der Gestaltung unserer Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten verstärkt gefragt sein, wenn es darum geht, die interkulturellen Herausforderungen zu meistern, die die Bevölkerungsentwicklung Deutschlands mit sich bringt. Die Bedeutung von Auslandsaufenthalten während der Schulzeit ist von Politik, Medien und Wirtschaft durchaus erkannt worden. So sonnen sich alljährlich in den Ausreisemonaten Juli und August Scharen von Bundestagsabgeordneten im Glanze der PPP-Stipendiaten, wobei die Artikel in der lokalen Presse – gewollt oder ungewollt – nicht selten den Eindruck vermitteln, als ob die Parlamentarier selbst in ihre Tasche greifen, um den Jugendlichen ihren Traum zu erfüllen. Einzelne honorige Unternehmer und Privatpersonen tun dies tatsächlich, aber unter dem Strich passiert jenseits großer Worte viel zu wenig.

Die Schulzeitverkürzung und der damit verbundene Wegfall der alten Jahrgangsstufe 11, welche bisher rund die Hälfte der Austauschschüler „überspringen“ konnte, verschärft die soziale Auslese noch einmal. Natürlich kann man auch weiterhin nach dem Abschluss der Jahrgangsstufe 10 ein Schuljahr im Ausland verbringen und danach seine Schullaufbahn in der 11 fortsetzen. Dann hat man jedoch aufgrund der „Wiederholung“ des Schuljahrs nach derzeitiger Gesetzeslage keinen Anspruch auf Auslandsbafög. Alternativ kann die Jahrgangsstufe 10 nicht übersprungen werden, da mit Abschluss dieser Klasse in vielen Bundesländern die Mittlere Reife erlangt wird. Als Konsequenz wird nunmehr in vielen Schulen von einem einjährigen Programm abgeraten und stattdessen ein maximaler Aufenthalt von drei bis fünf Monaten oder gar erst ein Auslandsaufenthalt nach dem Abitur empfohlen. Damit ist weder dem Umstand Rechnung getragen, dass viele Austauschschüler mehrere Monate benötigen, um richtig in der neuen Kultur anzukommen, noch berücksichtigt, dass Auslandsaufenthalte während der Schulzeit aus vielfältigen Gründen einen einzigartigen Charakter haben, der nicht durch – zweifelsohne fantastische – Programme nach dem Schulabschluss substituiert werden kann.

Da Schüleraustausch für die breite Masse jenseits der oben angerissenen Nutzen auch im Hinblick auf die in vielen Studien bemängelte fehlende soziale Durchlässigkeit des deutschen Bildungssystems Wunder wirken könnte, wäre es an der Zeit, ein Äquivalent zum neuen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst weltwärts aufzulegen, welcher von der Bundesregierung mit immerhin 70 Millionen Euro gefördert wird. Vor allem stehen jedoch die für Bildung zuständigen Bundesländer in der Pflicht. Hamburg geht hier mit gutem Beispiel voran und fördert jeden einzelnen Austauschschüler mit bis zu 5.000,- € – und steht damit allein auf weiter Flur. Was bleibt, ist die Gewissheit, dass eine Minderheit, nämlich die Privilegierten, weiterhin von den vielfältigen Schätzen der Schüleraustauschprogramme profitieren wird. Wenn man dazu gehört, sollte man sich freuen und sehr dankbar sein. Wenn nicht, kann man mit etwas Glück vielleicht eines der wenigen Stipendien ergattern. Einen Versuch ist es auf jeden Fall Wert!


Thomas Terbeck
weltweiser® –
der unabhängige Bildungsberatungsdienst
02306-978113
info@weltweiser.de
www.weltweiser.de



itchy feet Nr.5, Ausgabe 2008

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