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Einmal Leben tauschen und zurück
Geschichten des Ankommens in Costa Rica und Deutschland.

Ein fremd klingendes Stimmengewirr ist zu vernehmen, Flugzeugmotoren brummen und die Sonne lacht. Immer wieder durchdringen Freudenschreie einer Gruppe Austausch-schüler die Luft. 15 an der Zahl, strecken wir unsere Nasen in den Wind und ziehen uns einen ersten Sonnenbrand zu. Es ist Januar und am Flughafen von Costa Rica herrschen 30°C im Schatten. Costa Rica - Reiche Küste! Anfang des 16. Jahrhunderts tauchte der Name zum ersten Mal auf einer Landkarte auf. Spanische Kolonialisten begegneten dort reich geschmückten indianischen Würdenträgern, wodurch der Name des Landes entstand: Costa Rica. Ein Wort, das voller Träume, Abenteuer und Hoffnung steckt, exotische Erlebnisse und Entdeckungen verspricht. Das erste Mal costaricanischen Grund und Boden unter den Füßen, treten nun wir Austauschschüler eine Reise ins Ungewisse an – unsere eigene Entdeckungsreise durch Costa Rica, fünf Jahrhunderte später.

Nun kann das Austauschjahr ungehindert seinen Lauf nehmen. Der ersehnten Ankunft im Gastland geht jedoch eine lange Wartezeit voraus. Am Anfang steht immer das Fernweh. Etwas Neues ausprobieren, reisen, eine neue Sprache erlernen. Es scheint so viele Vorstellungen und Motivationen zu geben, wie es Austauschschüler gibt. Keiner weiß vorher, was ihn erwartet, doch alle teilen den Wunsch, es herauszufinden. Die letzten Wochen vor der Abfahrt sind anstrengend. Hin und her gerissen zwischen Trauer, Spannung, Freude und mit tausend Dingen im Kopf, die vermeintlich noch erledigt werden müssen, endet man nicht nur in einem Chaos der Gefühle. Nein, auch organisatorisch läuft nicht alles nach Plan. Bis zur Abfahrt findet man kaum Zeit zum Durchatmen und dann ist es plötzlich schon soweit. Der Abschied und damit das große Heulen sind so überraschend schnell da, dass dies manch einen überfordert. Fragen kommen auf: „Warum und wozu geh ich in die Ferne, wenn es mir hier so gut geht?“ Doch ein dramatischer Abschied ist auch etwas Schönes. Die Mehrheit tröstet der Gedanke, dass von vielen vermisst zugleich von vielen geliebt zu werden bedeutet. Eine alte Austauschschülerweisheit besagt: „Wird der Abschied im Ausland ebenso traurig wie in der Heimat, dann war das Jahr ein voller Erfolg!“

Die ersten Wochen im Gastland vergehen wie im Flug. Es ist die Zeit, welche Austauschschüler in dem leicht benebelten und begeisterten Zustand der Anfangseuphorie verbringen. Alles ist neu, aufregend und toll aus dem einfachen Grund, dass es anders ist als zu Hause. Erlebnisse werden aufgesaugt wie von ausgetrockneten Schwämmen und jeder genießt das Entdecken der kleinen und großen Besonderheiten des costaricanischen Alltags. Dies ist – wie bereits erwähnt – lediglich eine Phase. Es kommt der Zeitpunkt des Gewöhnens an die Umgebung und die Gastfamilie. Man ist nicht mehr die große Attraktion in der Schule und freut sich auch nicht mehr jeden Tag über den immer währenden Sommer oder „Gallo Pinto“ zum Frühstück. Jeden Morgen Reis mit Bohnen ist nicht so spannend wie zuerst angenommen, genauso wenig wie der nette Nachbarsjunge, der einem ständig hinterher pfeift. Die lateinamerikanische Machomentalität fängt bald an zu nerven und Kommentare zu den tollen blauen Augen verlieren nach dem tausendsten Mal an Originalität. Dies ist der Zeitpunkt, an dem das eigentliche Ankommen beginnt. Ein Ankommen in Kultur und Sprache; ein Ankommen im costaricanischen Alltag für uns 15 Austauschschüler.

Es ist ein langer Weg dorthin, auf dem nicht nur einmal der Wunsch aufkommt, einfach alles hinzuschmeißen. Manchmal wäre es leichter, mit dem blöden „Gallo Pinto“ um sich zu werfen, anstatt den Teller wie jeden Tag brav aufzuessen. Schönes Wetter ist ja sowieso immer – wozu das Ganze also?! Im Spanischwortschatz wäre zudem ein wenig mehr Abwechslung wünschenswert. Ohne das wichtigste Kommunikationsmittel Sprache ist eine Integration in das neue Umfeld schwierig und gerade diese ist für das Wohlergehen wichtig. „Das Erlernen einer Sprache lässt sich mit dem Ablaufen einer Sanduhr vergleichen“, so ein japanischer Austauschfreund. „Es ist ein schleichender Prozess. Sandkorn für Sandkorn. Man bemerkt ihn kaum, bis die Sanduhr plötzlich durchgelaufen ist und die Sprache fließt.“ Die Redensart bewahrheitet sich. Nach zwei bis drei Monaten beherrschen nahezu alle Austauschschüler Spanisch und können endlich mitreden! Endlich verstehen! Sowohl die Sprache als auch die dadurch besser verständliche Kultur. So stelle ich beispielsweise fest, dass ich meinen Spitznamen „annikita“ dem chronischen Verniedlichungszwang der Costaricaner zu verdanken habe.

Das Verstehen stellt einen entscheidenden Wendepunkt im Austauschjahr dar. Es hilft, sich an Eigenheiten des Gastlandes zu gewöhnen und sie schließlich lieben zu lernen. Ebenso werden Gastfamilie und Geschwister, Schulfreunde, Nachbarn und Sportskameraden zu einem geschätzten Bestandteil des neuen Lebens. Endlich nicht mehr „der Austauschschüler“ zu sein, sondern Geschwisterkind, Klassenkamerad und Teamkollege, fühlt sich gut an. An diesem Punkt angekommen, sind sich alle einig: „Am liebsten wollen wir gar nicht mehr weg!“ Doch die Zeit rast. Unbemerkt sind die Monate so schnell vergangen, dass kurz vor der Abreise kaum noch Zeit zum Kofferpacken bleibt. Mit vielen Kilos Übergewicht im Gepäck, finden wir uns schließlich am Flughafen ein. Die meisten haben Freunde und Familie mitgebracht. Viele Küsse, Umarmungen und Abschiedsgeschenke werden ausgetauscht. Unter anderem so nützliche, aber schlecht zu verstauende Dinge wie eine Kaffeemaschine... Dann ist es soweit, der Flug wird aufgerufen und es bleibt kein Auge trocken. Diesmal heißt es „Adiós“ und nicht „auf Wiedersehen“. Die Realisten unter uns wissen: Ein Zurückkehren liegt in ferner Zukunft.

15 Austauschschüler treten nun den Flug in die neue alte Umgebung an. Es verbleiben 24 Stunden Zeit, sich auf die Ankunft vorzubereiten. Dann werden Eltern und Freunde am deutschen Flughafen warten. Ein Zeitvertreib ist das wiederholte Lesen von Abschiedsbriefen und Karten, wobei wieder einige Tränen fließen. Manche starren auch nur gedankenverloren aus dem Fenster und nehmen still und leise Abschied von ihrem costaricanischen Leben. Obwohl Spannung und Wiedersehensfreude steigen, sind nur wenige bereit zur Landung. Diese für die meisten schwierige Ankunft bedeutet das endgültige Abschließen eines unvergesslichen aber vergänglichen Lebensabschnitts. Schließlich ist der Moment da und zum ersten Mal nach einem Jahr spüren wir wieder festen deutschen Boden unter den Füßen. Wie Fremdköper, die fälschlich am Frankfurter Flughafen ausgesetzt wurden, wandeln wir, einen Koffer voller Erinnerungen hinter uns herziehend, dem Ausgang entgegen.Beim Verlassen des Flughafens durchdringen Begrüßungsrufe ein fremd klingendes Stimmengewirr. Flugzeugmotoren brummen und es herrscht klirrende Kälte. Die Nasen in den Wind streckend, ziehen wir uns eine erste Erkältung zu.

Selten ist die Ankunft am Flughafen zugleich die Rückkehr in die Kultur des Herkunftslandes. Viele Austauschschüler finden zunächst weder trautes Heim noch Glück allein in ihrer alten Umgebung vor. Vieles hat sich verändert, selbst wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint. Das Wiederkommen stellt einen vor Herausforderungen, die der deutsche Alltag früher nicht bereit hielt und die für Außenstehende unsichtbar bleiben. Freunde und Familie nehmen nicht wahr, wie aufgeräumt deutsche Straßen sind, wie merkwürdig abgehackt ihre Sprache klingt und dass eigentlich kein Mensch Busfahrpläne braucht. Der Rückkehrer sieht die Welt mit anderen Augen. Für ihn ist es schwierig, sich in das frühere Leben einzufügen, als wäre er nie weg gewesen. Während für alte Bekannte ein Jahr lang mehr oder weniger alltägliches Leben stattgefunden hat, ist für den Zurückgekehrten eine völlig neue Welt entstanden. Dies zu erklären, ist schwierig bis unmöglich. „Hier müssen die im Austausch erlernten Anpassungsfähigkeiten angewandt werden“, rät eine Broschüre. Für Viele muss jedoch eine sichtbare Veränderung her, denn schließlich ist das alte Leben nun Geschichte: Neue Frisuren, Haarfarben oder Zimmergestaltungen sind die Folge. Es sei dahingestellt, ob das den entscheidenden Fortschritt im Einlebungsprozess mit sich bringt. Vielleicht heißt das Zauberwörtchen auch schlicht und einfach Zeit oder Geduld. Mein Zimmer ist jetzt jedenfalls knallgelb.


Annika Möser, 18 Jahre alt, ist Schülerin der Jahrgangsstufe 13 eines Hamburger Gymnasiums. Seit ihrer Rückkehr arbeitet sie ehrenamtlich für ihre Austauschorganisation und plant nach bestandenem Abitur ein weiters Mal ins Ausland zu gehen.



itchy feet Nr.5, Ausgabe 2008

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