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Im Himmel und auf Wolke 7
Rundum glücklich in den USA



New York kennt jeder, nach Florida fahren viele und von Chicago haben die meisten schon gehört. Aber Durango kenne nur ich; dorthin hat es mich in meinem Austauschjahr verschlagen. Durango ist eine kleine Stadt in Colorado mitten in den Rocky Mountains nahe der Grenze zu New Mexico, Arizona und Utah. Meine Gastfamilie heißt Kuenzel und wie es der Name schon verrät, hat sie deutsche Vorfahren. Zur Familie gehören mein Gastvater Ingo, meine Gastmutter Jennifer, mein elfjähriger Gastbruder Sam, meine siebenjährige Gastschwester Grace und nicht zu vergessen die drei Hunde Otto, Oscar und Axel. Ein bisschen kannte ich Jennifer und Ingo schon aus unseren Telefonaten und aus dem Chat, da wir einige Monate vor dem Austauschjahr Kontakt aufgenommen hatten. Ingo ist selbstständig, arbeitet zu Hause und Jennifer ist Krankenschwester. Die ganze Familie holte mich am Flughafen ab und ich fühlte mich sofort wohl. Sie hatten mir schon vorher erzählt, dass sie mexikanisches Essen mögen und deshalb ging es gleich zum Mexikaner.

Ingo ist begeisterter Segel- und Motorflieger und jobbt zudem als Fluglehrer. Zufällig ist das Fliegen auch mein Hobby. Gleich am zweiten Tag nach meiner Ankunft ging es deshalb auf den Flugplatz. Bisher war ich immer nur im Flachland geflogen, wo es höchstens ein paar Hügel auf den Äckern gibt. Es war beeindruckend, die Rocky Mountains von oben zu sehen und später den Grand Canyon aus der Luft zu betrachten. Die Bergspitzen waren mit Schnee bedeckt und die Sicht war einfach einmalig. So ein Flug im Segelflieger in 5.000m Höhe mit Sauerstoffmaske wäre bei uns in Norddeutschland gar nicht möglich gewesen. Vor meinem Gastschuljahr hatte ich in Deutschland mit der Segelflugausbildung begonnen und Ingo kam auf die Idee, ich könne doch die Fluglizenz in Colorado erwerben. Wir erkundigten uns und es war tatsächlich möglich. Im November fuhren wir nach Moriarty, einem kleinen Flugplatz mitten in der Wüste wie man ihn aus Filmen kennt. Es war richtig schön, dort zu fliegen und das Flugwetter war ideal. Ich übte fleißig und Ingo erneuerte seine Lehrerlizenz. Dann kamen die Prüfungen, für die ich mehrere Monate lernen musste. Es war schon eine Herausforderung, die Flugprüfung in englischer Sprache abzulegen. Im Dezember bestand ich die theoretische Prüfung und im März, kurz vor meinem Geburtstag, die mündliche und praktische Prüfung. Als Belohnung gab es viele Glückwünsche und einen echten Burger in einem typisch amerikanischen Restaurant. Es ist toll, wenn ein Austauschjahr Schule und Hobby verbindet und ich werde mich immer an die Stunden in der Luft erinnern.

Das Jahr bestand natürlich nicht nur aus Freizeit, auch wenn es so klingen mag. Ich besuchte die lokale High School, die mit 1.500 Schülern sehr groß war. Das Schulsystem in den USA bietet einem viele Möglichkeiten. An meiner Schule wurden viele interessante und ausgefallene Kurse angeboten, zum Beispiel „Wie repariere ich einen Rasenmäher?“ oder „Gewichtheben für Anfänger“. Über den Rasenmäherreparierkurs hat sich besonders mein Vater gefreut. Zunächst hatte ich Angst, mit dem Stoff mitzukommen, da wir auch Pflichtfächer zu belegen hatten. Dazu gehörten Mathematik, Englisch und Amerikanische Geschichte. Nach den ersten paar Stunden merkte ich jedoch, dass es gar nicht so schwierig sein würde. Die Lehrer nahmen Rücksicht und erkundigten sich oft, ob ich alles verstanden hatte. Nach den ersten vier Wochen festigte sich die Sprache schon deutlich und ich verstand sehr viel mehr als am Anfang. Leider blieb ich nie in einem festen Klassenverband, da die Schulen in den USA im Kurssystem lehren. Man geht immer zum Kursraum des Lehrers und trifft dort auf die anderen Schüler des Kurses, wodurch ich viele Leute kennen lernte.

Anders als ich es aus Deutschland gewohnt war, bot die Schule sehr viele Freizeitaktivitäten an. Fast jeden Nachmittag konnte man Kurse oder Arbeitsgemeinschaften besuchen. Im Winter versuchte ich mich im Wrestling und hielt nicht mal die erste Woche durch. An sich gefiel mir der Sport, aber an schwitzende Männer muss man sich erst einmal gewöhnen und die Frauenwrestlingmannschaft hat mich nicht genommen. Im Frühjahr ging dann die Schwimmsaison los. Das Training war hart, aber ich habe es bis zum Ende geschafft. Wir waren sogar richtig gut: Das Schwimmteam wurde seit 17 Jahren zum ersten Mal wieder District Champion. Es war wahrlich eine große Ehre, dass ich als Deutscher im Schwimmen für die Schule starten durfte. Ich wurde sogar im Jahrbuch Im Himmel und auf Wolke 7 Rundum glücklich in den USA 22 – High School der Schule verewigt und bekam eine Zeile auf der öffentlichen Tafel der Schulrekorde gewidmet. Die Initiative, die Schüler für ihre Schule zeigen, ist viel größer als in Deutschland. So veröffentlichte meine High School jeden Monat eine Schülerzeitung und die Schüler moderierten lokale Radio- und TV-Shows. Es gab noch etwas Besonderes zu beobachten: Die amerikanischen Schüler sind richtig stolz auf ihre Schule. Wenn zum Beispiel Schulfarbentag war, kamen alle Schüler in den Farben der High School, sodass auch ich mir die schwarz-rot-weiße Kleidung besorgte. Es gab Jacken und T-Shirts mit dem Maskottchen der Schule, Badehosen mit dem Schriftzug des Clubs und viele, viele Urkunden und Zertifikate. Ein ganz wichtiges Erlebnis waren Feiertage. An Halloween kamen alle Schüler verkleidet zum Unterricht und sammelten Süßigkeiten. Am Valentinstag war das ganze Gebäude mit selbst gebastelten Herzen geschmückt und für jeden Schüler gab es ein Herz mit seinem Namen. Allerdings fand ich mein Herz unter den 1.500 leider nicht.

Während meines Austauschjahres schloss ich viele Freundschaften mit Amerikanern, aber auch mit Jungen und Mädchen aus anderen Ländern, die ebenfalls zu Gast an der Schule waren. Wir verbrachten viele Stunden miteinander, testeten die Skipisten in den Rocky Mountains, quälten Go Cards und dinierten natürlich fürstlich bei McDonalds. So ein richtiger amerikanischer Burger ist was Feines. Und dann traf ich noch ein Mädchen… Jedenfalls kommt sie mich nächstes Jahr besuchen. An meinem letzten Wochenende in den USA wurde ich noch einmal von meiner Gastfamilie überrascht: Gemeinsam mit meinen Freunden fuhren wir zu meinem Prüfungsflugplatz und als Segelflugpilot machte ich die ersten Flüge mit Gastpassagieren. Ganz zum Schluss gab es einen besonderen Höhepunkt: Ich durfte zusammen mit meinem kleinen Gastbruder Sam fliegen. Er hatte es sich gewünscht, als er erfuhr, dass sein großer Gastbruder die Fluglizenz bekommen würde. Das Vertrauen meiner Gastfamilie, mich mit ihrem Sohn fliegen zu lassen, ehrte mich sehr. In den USA erlebte ich viele schöne Wochen, aber zwei sehr traurige. Es waren die zwei Wochen, in denen ich packte, mich von meinen Freunden verabschiedete und mich bei meiner Familie bedankte. Aber das Ende ist nicht das Ende. In wenigen Monaten besuchen mich meine Freunde, in einem Jahr sehe ich Katie und ich will mit meinen Eltern und meinen drei Geschwistern noch einmal mit Ingo über die Rocky Mountains fliegen.


Janis Herbst, 17, besucht die Oberstufe eines Gymnasiums in Mecklenburg-Vorpommern und hält die in den USA geknüpften Kontakte fleißig aufrecht.



itchy feet Nr.5, Ausgabe 2008

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