| Qualität im Schüleraustausch Legenden, Fakten, Tipps
Was kann aber dann Orientierung verschaffen? Vielleicht die Rechtsform einer Organisation? Sicherlich nicht. Zwar hängen viele Deutsche noch immer dem Glauben an, dass in eingetragenen Vereinen (e.V.) vor allem uneigennützige Gutmenschen arbeiten, deren Handeln, Ziele und Motivation per se höherwertig einzustufen seien als die Arbeit der Mitarbeiter „kommerzieller“ Organisationen. Schließlich, so die weit verbreitete Meinung, wollten privatwirtschaftliche Unternehmen wie GbRs oder GmbHs ja nur das schnelle Geld machen. Mit der Realität hat das jedoch in der Regel nichts zu tun, wie z.B. ein Blick in die Fußball-Bundesliga verdeutlicht. Auch die Anerkennung als „gemeinnützig“, die von einigen Veranstaltern marketingtechnisch geschickt ausgeschlachtet wird, sagt nichts über die Arbeitsweise einer Organisation aus. Denn es handelt sich hierbei eben nicht um ein Qualitätssiegel, sondern lediglich um eine steuerrechtliche Anerkennung durch das Finanzamt. Und da die (nicht vorhandene) Gemeinnützigkeit einer Organisation überdies auch keinerlei Rückschlüsse auf das Preis-Leistungs-Verhältnis eines Programms oder die Gewinnspanne des Veranstalters erlaubt, ist dieses „Kriterium“ bei der Auswahl des Veranstalters nutzlos. Wie erkenne ich aber dann eine gute Organisation? Durch die Mitgliedschaft in einem Verband? Derzeit gehören immerhin 15 Austauschorganisationen einem der beiden in Deutschland existierenden Schüleraustauschverbände an, womit sie freiwillig ? in der Regel sehr begrüßenswerte ? Qualitätsrichtlinien anerkennen. Ein Ausschlusskriterium in die eine oder andere Richtung ist aber auch dies nicht. Denn sowohl der DFH (Deutscher Fachverband „High School“) als auch der AJA (Arbeitskreis gemeinnütziger Jugendaustauschorganisationen) sind nicht zuletzt aus den Programmteilnehmerbeiträgen finanzierte Interessensverbände, deren Aufgabe u.a. darin besteht, PR und Lobbyarbeit im Sinne ihrer Mitglieder zu betreiben. Dagegen ist an sich natürlich nichts einzuwenden, vor allem wenn dafür sogar Stipendiengelder bewilligt werden. Eigenartig mutet es jedoch an, wenn die Mitglieder eines der beiden Verbände auf anderen „Baustellen“ für sich reklamieren, prinzipiell kein Geld für Werbemaßnahmen auszugeben. Aber dies ist ein anderes Thema, das hier nicht vertieft werden kann. Anstatt sich von Äußerlichkeiten beeinflussen zu lassen, sollte man einen detaillierten Preis-Leistungs-Vergleich vornehmen und sich fragen, was man eigentlich von seiner Organisation erwarten kann. Klar: alle Programmteilnehmer wünschen sich eine möglichst frühzeitige Platzierung bei einer freundlichen Gastfamilie. Aber all das hängt von so vielen Faktoren und nicht zuletzt auch vom Zufall ab, dass kein einziger Veranstalter im Vorfeld eine Garantie für einen reibungslosen Auslandsaufenthalt abgeben kann. Schließlich ist es nun einmal Fakt, dass gut zehn Prozent der 14.000 Jugendlichen, die derzeit an einem mehrmonatigen Schüleraustauschprogramm teilnehmen, zwei Wochen vor ihrer Abreise noch völlig im Unklaren darüber waren, bei welcher Familie sie überhaupt wohnen würden. Genauso unstrittig ist es, dass durchschnittlich jeder vierte Austauschschüler seine Gastfamilie wechselt, weil das Zusammenleben nicht funktioniert. Und fragt man ehemalige Austauschschüler danach, wie sie sich von ihren lokalen Betreuern gerade in persönlich schwierigen Phasen betreut fühlten, so ist das Urteil doch eher als „durchwachsen“ zu bezeichnen. Ist es vor dem Hintergrund dieser ganzen Unbekannten dann vielleicht nicht sogar völlig egal, für welchen Veranstalter man sich letztlich entscheidet? Auf keinen Fall! Denn wenn die deutsche Austauschorganisation viele Faktoren auch nicht selbst beeinflussen kann, so hat sie es aber doch in der Hand, ja es ist sogar ihre Pflicht, jeden einzelnen Austauschschüler und seine Eltern intensiv auf alle Eventualitäten vorzubereiten und sie auch während und nach ihrem Auslandsaufenthalt intensiv zu betreuen. Und diesbezüglich gibt es große Unterschiede: Eine gute Betreuung beginnt bereits mit dem Informationsgehalt der Werbebroschüren und Internetseiten, die weder in Wort noch in Bild falsche Erwartungen wecken, sondern detailliert informieren sollten. Bei der dann empfehlenswerten persönlichen ersten Kontaktaufnahme per Telefon oder durch den Besuch einer der einschlägigen Bildungsmessen sollten die Mitarbeiter durch Sachkompetenz, verbindliche Auskünfte und ein angenehmes Kommunikationsverhalten überzeugen, nicht durch unhaltbare Versprechen. Auf dem dann folgenden mehrstündigen Beratungsgespräch, das idealer weise Face-to-Face in persönlicher Atmosphäre stattfindet, sollten sich beide Seiten näher kennen lernen und die Eigenarten der anvisierten Programme besprechen. Hier ist es wichtig, dass der Bewerber auf der Grundlage seiner Persönlichkeit, seiner Wünsche, schulischen Leistungen und finanziellen Möglichkeiten in alle Richtungen beraten wird, da man ja oft zu diesem Zeitpunkt einfach noch gar nicht weiß, welches Programm das richtige für einen ist. Erst nach der Klärung und schriftlichen Fixierung aller offenen Fragen sowie einigen Nächten des „Überschlafens“ ist es schließlich empfehlenswert, das Vertragsangebot zu unterzeichnen. Als Ergänzung zu dem oben erwähnten Beratungsgespräch und schriftlichen Informationsmaterialien sollte einige Wochen vor der Abreise eine mindestens eintägige Vorbereitungsveranstaltung folgen, auf dem die Jugendlichen und ihre Eltern noch einmal intensiv auf den Schuljahresaufenthalt eingestimmt werden, nicht zuletzt durch ein (inter)kulturelles Training. Bestimmt nicht schädlich sind mehrtägige Einführungsseminare im Gastland, die einige Veranstalter anbieten, um ihren Programmteilnehmern den letzten Schliff zu geben, bevor sie zum ersten Mal auf ihre Gastfamilie treffen. Sehr sinnvoll ist ferner das Angebot einer Nachbereitung in Form eines Workshops, da den meisten Jugendlichen die Re-Integration in Deutschland genauso schwer fällt wie das Einleben im Gastland. Absolut zentral ist es jedoch, dass gerade in den ersten Wochen des Auslandsaufenthalts ein schneller Informationsaustausch zwischen Austauschschüler, Eltern, Gasteltern, lokalem Betreuer, Partnerorganisation im Gastland und dem deutschen Veranstalter gewährleistet ist. Denn erst wenn einmal Probleme im Gastland auftreten, stellt sich heraus, ob man sich tatsächlich für die richtige Organisation entschieden hat. Da eine funktionierende Kommunikationsstruktur der Grundstein für jede Problembehebung ist, sollte bei der Auswahl des Veranstalters die Kommunikationskultur der Mitarbeiter eine entscheidende Rolle spielen. Denn wenn ich zum Beispiel schon vor Vertragsabschluss nur selten den richtigen Ansprechpartner erreiche, nicht zurückgerufen werde, meine Emails unbeantwortet bleiben, Auskünfte wenig verbindlich sind oder ich einfach auch nur ein „komisches Gefühl“ habe, dann kann ich daraus schließen, dass dies auch während des Programms wohl nicht grundsätzlich anders sein wird. Und dann sollte man sich eben anderweitig umschauen. Einen Mangel an Alternativen gibt es schließlich nicht! Thomas Terbeck, M.A. Leiter von weltweiser ® - der unabhängige Bildungsberatungsdienst Tel: 02306-978113 E-Mail: info@weltweiser.de Web: www.weltweiser.de |
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