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Home / Schüleraustausch in der Presse
Testurteil „mangelhaft“
Schüleraustausch in der Presse
Ein mehrmonatiger Schüleraustausch wirkt sich gemeinhin
positiv auf die Entwicklung eines Jugendlichen aus.
Darüber besteht in weiten Teilen unserer Gesellschaft Konsens.
Abhängig von der jeweiligen Schwerpunktsetzung des Betrachters
werden dafür unterschiedliche Gründe angeführt: die einen
betonen die einzigartige Chance, durch einen langfristigen
Auslandsaufenthalt eine fremde Kultur zu erleben und den
persönlichen Erfahrungshorizont zu erweitern. Andere stellen
hingegen den Fremdspracherwerb und das Kennen lernen eines
ausländischen Bildungssystems in den Vordergrund. Wieder
andere sehen in Schüleraustauschprogrammen vor allem die
Möglichkeit, durch den Aufbau weltweiter Freundschaften
einen Beitrag zur Völkerverständigung leisten zu können. Vor
dem Hintergrund der gesamtgesellschaftlichen Bedeutung
von Schüleraustauschprogrammen, der allgegenwärtigen
bildungspolitischen Diskussion über PISA & Co. sowie der nicht
unerheblichen Zahl von rund 14.000 deutschen Jugendlichen
im Alter von 14 bis 19 Jahren, die im Schuljahr 2005/06 an
einem mindestens dreimonatigen Schüleraustauschprogramm teilnehmen, wäre eine kritisch aufklärende Medienberichterstattung
über dieses Thema essentiell. Diese zu finden, ist
jedoch eher schwierig!
Während sich zahlreiche Zeitungen auf lokaler und regionaler
Ebene zumindest bemühen, ihren Lesern das Thema Schüleraustausch
regelmäßig in Form von Erlebnisberichten und
Kurzportraits über einzelne Teilnehmer nahe zu bringen und
dabei sowohl die Vorzüge als auch mögliche Problembereiche
dieser Programme zu thematisieren, ist in der Berichterstattung
der überregionalen Presse in den letzten Jahren leider eine
Tendenz zu beobachten, den Schüleraustausch zu skandalisieren.
Insbesondere die großen Nachrichtenmagazine nutzen den
Sommerloch-Monat August für Berichte über Probleme und
zweifelhafte Geschäftspraktiken einiger Veranstalter im
Bereich des Schüleraustauschs. Dass die Hauptausreisezeit der
Austauschschüler in diesen Monat fällt, ist dabei natürlich kein
Zufall. Schließlich kann davon ausgegangen werden, dass neben
den vielen tausend Austauschschülern, die kurz vor dem Beginn
ihrer großen Reise stehen, auch deren Freunde, Eltern und
Verwandte zu diesem Zeitpunkt für dieses Thema sensibilisiert
sind und somit zu den potentiellen Zeitschriftenkäufern
gehören. Das Schema dieser Artikel ist fast immer identisch:
zunächst kommen einige ehemalige Austauschschüler zu
Wort, die schlechte Erfahrungen im Ausland gemacht haben.
Die Spannbreite geht hier von Kakerlaken im Kühlschrank bis
zur sexuellen Belästigung von Austauschschülerinnen. Dann
wird die selbsternannte „Spezial-Verbraucherschutzstelle“
ABI zitiert, die „naturgemäß“ vor unseriösen Praktiken von
Austauschorganisationen warnt. Schließlich runden einige mehr
oder weniger hilfreiche Tipps zur Auswahl der Organisation
den Artikel ab. Erkenntnis fördernd sind
diese Artikel mitunter in der Hinsicht,
dass zum Teil tatsächlich existierende
Problembereiche von Schüleraustauschprogrammen thematisiert werden.
So ist es Fakt, dass Austauschschüler
und Gastfamilien aufgrund ihrer
unterschiedlichen kulturellen Prägung,
ihrer Normen und Werte, nicht selten
aber auch nur deshalb, weil sie sich
als Menschen einfach nicht „riechen“
können, nicht immer reibungslos
zusammenfinden. Das macht das
Schüleraustauschprogramm ja gerade
so spannend, und deshalb nehmen auch
etwa 25 Prozent der Programmteilnehmer
die Möglichkeit in Anspruch, mit Hilfe
ihrer Austauschorganisation einen
Gastfamilienwechsel vorzunehmen.
Und natürlich ist es auch legitim darauf
hinzuweisen, dass wohl jede der derzeit
55 in Deutschland existierenden Austauschorganisationen
schon das eine
oder andere Mal bei der Betreuung ihrer
Programmteilnehmer versagt hat.
Problematisch ist allerdings eine Zuspitzung
auf einzelne „Katastrophenfälle“, da so
impliziert wird, dass es sich hierbei um
den Regelfall handelt. Fragwürdig wird
es, wenn Zitate von Schülern völlig aus
dem Zusammenhang gerissen werden,
um sie als Kritiker des Schüleraustauschs
präsentieren zu können, obwohl sie nach
eigener Aussage von einigen kleineren
Problemen abgesehen im Ausland das
tollste Jahr ihres Lebens verbracht haben.
Mehr als ärgerlich (und gleichzeitig
wirtschaftlich fatal für die betroffenen
Austauschorganisationen) ist die Praxis,
willkürlich zwei oder drei Veranstalter
als Verantwortliche für die Misere von
einzelnen Austauschschülern namentlich
zu erwähnen und somit den Eindruck zu
erwecken, dies seien die „schwarzen
Schafe“ der Branche. Dabei hätte es auch
jede andere Organisation treffen können,
und nicht selten gibt es, wie so oft im Leben,
ohnehin eine Kehrseite der Medaille und
somit häufig nicht nur einen Schuldigen.
Gemessen werden sollte die Aussagekraft
solcher Artikel schließich an den Ausführungen
einer Journalistin, die dem Vorwurf
der völlig einseitigen Berichterstattung
entgegnete, dass ihr Magazin schließlich
auch nicht die 99,9 Prozent der Flüge
thematisiere, die nicht abstürzen.
Die Erkenntnis, dass auch die großen
Nachrichtenmagazine nur mit Wasser
kochen und nicht immer ausgewogen
berichten, ist nun sicherlich nicht ganz
neu. Überraschend ist es jedoch, dass
gerade die um Objektivität bemühte
Stiftung Warentest in die gleiche Bresche
schlägt. Ihr im August in der Zeitschrift
„test“ veröffentlichter Beitrag zum
Schüleraustausch verfährt genau nach
dem oben skizzierten Schema. Auch hier
zeigt sich, dass die Zeit, die den Autoren
von ihrer Redaktion für die Einarbeitung
in ein so komplexes Thema wie das des
Schüleraustauschs bewilligt wurde, für eine
fundierte Berichterstattung nicht ausreicht.
Dass die Stiftung Warentest auch noch zum
Teil mit fehlerhaften, da offensichtlich
schlecht recherchierten Zahlen arbeitet,
ist darüber hinaus vor dem Hintergrund der
Breitenwirkung, die diese „quasi amtliche“
Veröffentlichung erzielt, eine Katastrophe
im Sinne der Verbraucherinformation.
Fazit: Gemessen am Informationswert für
die Leser kann beim Test der Darstellung
des Themas Schüleraustausch in den
überregionalen Printmedien nur ein Urteil
vergeben werden, nämlich „mangelhaft“. Wer sich einen gleichsam ausgewogenen wie hintergründigen Überblick über Schüleraustauschprogramme verschaffen möchte, der sollte sich die einschlägige Fachliteratur besorgen.
Weiterführende Informationen, umfassende Linklisten sowie eine sehr aktive High-School-Community mit über 100.000 Beiträgen findet man unter www.handbuchfernweh.de.
Thomas Terbeck, Herausgeber von itchy feet, leitet den unabhängigen Bildungsberatungsdienst weltweiser®.
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